Zukunftsforscher

«Schweizer sind sich Unsicherheit gar nicht mehr gewohnt»

Von Gil Bieler

3.4.2020

Die Corona-Krise ist für Schweizer schwer auszuhalten – da hätten uns Leute in ärmeren Ländern etwas voraus, sagt Zukunftsforscher Andreas Krafft. Ein Gespräch über Erfindergeist, Chancen und einen Röstigraben der Hoffnung.

Herr Krafft, unsere Zukunft scheint gerade so unvorhersehbar wie noch nie. Was macht das mit uns?

Zunächst weckt das natürlich Verunsicherung. Man hat so etwas noch nie erlebt. Gerade wir Schweizer leben – wie die Europäer generell – in so einer sicheren Gesellschaft, dass wir uns Situationen der Unsicherheit gar nicht mehr gewohnt sind. Zumindest nicht seit dem Zweiten Weltkrieg. In anderen Ländern haben die Leute mehr Erfahrung darin. Ich denke da an Argentinien, von wo ich stamme, aber auch an Indien, Kolumbien, Mexiko und andere Länder, in denen ich oft unterwegs bin.

Haben wir das verlernt in der Schweiz?

Das ist so. Auch unsere Forschung zum Thema Hoffnung zeigt jeweils, dass ärmere Länder – wie Südafrika oder lateinamerikanische Länder – höhere Hoffnungswerte ausweisen als die Schweiz.

Wie kommt das?

Da gibt es zwei Aspekte. Zum einen sind die Leute in ärmeren Ländern flexibler, gelassener und erfinderischer geworden, können Unsicherheiten besser aushalten. Zum anderen haben wir in der Schweiz die letzten zehn Jahre einen Stillstand erlebt, was die Verbesserung unserer Lebensqualität, unseres Wohlstandes bzw. Wohlbefindens angeht – wenn auch auf sehr hohem Niveau.

In anderen Ländern gab es zwar weniger Wohlstand und grosse Hürden zu meistern – ich denke etwa an die Überwindung des Apartheidregimes in Südafrika. Doch als das geschafft war, führte das zu einer Aufbruchstimmung. Die Menschen sahen, dass das Leben besser werden kann. Das haben wir in der Schweiz seit vielen Jahren nicht mehr erlebt.

Dann sind wir uns unserer Privilegien zu wenig bewusst?

Zur Person
zVg

Andreas Krafft ist Co-Präsident von Swissfuture, der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung und Vorstandsmitglied von SWIPPA (Schweizerische Gesellschaft für Positive Psychologie). Als Dozent an der Universität St. Gallen lehrt er unter anderem «Psychologie der Hoffnung und des Optimismus».

Ja, das ist psychologisch bedingt: Aus einer schwierigen Situation den Schritt hin zu etwas Besserem machen zu müssen, das gab es bei uns – als gesamte Gesellschaft – weniger oft. Jetzt gerade sind viele zum ersten Mal überhaupt in einer Situation, in der sich zeigen wird, wie widerstandsfähig wir sind und was wir alles leisten können – nicht zuletzt durch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Daraus erhoffe ich mir eine positive Kraft für die Gesellschaft.

Woher kommt Ihre Zuversicht?

Dem Land geht es wirtschaftlich gut, viele von uns haben eine gute Ausbildung genossen und können auf andere Ressourcen zurückgreifen. Ausserdem sieht, wer hier lebt, dass sich immer wieder auch Chancen und Möglichkeiten auftun – was natürlich nicht ausschliesst, dass einige Berufsgruppen nun erst einmal vor grossen Herausforderungen stehen.

Woraus schöpfen die Schweizer Hoffnung?

Da zeigen sich immer wieder dieselben Resultate. Erstens: aus den eigenen Fähigkeiten und Potenzialen. Die Menschen sind gut ausgebildet, haben viele Möglichkeiten, die sie nun neu entdecken. Zweitens: aus den politischen Institutionen. Der Staat hat uns, so finden viele, gut durch die bisherige Krise geleitet. Und drittens: aus den sozialen Beziehungen. Die persönlichen Bindungen in der Familie, im beruflichen und privaten Netzwerk.

Wie erleben Sie die Schweizer in der Krise?

Ich habe zweierlei erlebt in den letzten Wochen. Auf der einen Seite Menschen, die völlig unbekümmert sind und sich sagen: ‹Uns geht's recht gut, in ein paar Wochen ist der ganze Spuk vorbei, und wir kehren zur Normalität zurück.› Auf der anderen Seite sind da jene, die sich plötzlich mit schwierigen Situationen konfrontiert sahen, denen zum Beispiel alle Einnahmen wegbrachen. Im ersten Moment stellten sich da Existenzängste ein. Doch von mehreren Personen weiss ich nun, dass sie nach diesem ersten Schock etwas entdeckten, das sie wieder hoffnungsvoll und optimistisch gestimmt hat.



Worum ging es dabei?

Zum Beispiel geht es da um die eigene Erfindungskraft, dass sie auf einmal herausfanden, wie sie ihre Produkte über das Internet verkaufen können. Und dann lässt sich gerade eine grosse Solidarität erkennen. Menschen und auch Firmen haben begonnen, Netzwerke zu knüpfen, mit denen sie sich nun ganz praktisch im Geschäftlichen gegenseitig unterstützen, aber auch emotional.

Denken Sie nur an die Aktion, als die Menschen auf den Balkonen dem Gesundheitspersonal applaudiert haben, das ist eine starke Geste der Unterstützung. Und wenn dieses Netzwerken und Zusammenarbeiten auch nach der Krise Bestand hat, dann haben wir wirklich etwas gelernt.

Noch stecken wir aber mittendrin in der Krise. Kann es danach überhaupt wieder ein Zurück zur Normalität geben?

In vielen Bereichen werden wir sicher wieder zu einer gewissen Normalität zurückkehren. Von der gesundheitlichen Perspektive wird man wohl noch ein paar Monate zurückhaltend sein, nicht gerade jeden umarmen oder jedem die Hand geben. Das dürfte sich aber bald wieder normalisieren. Die positiven Erkenntnisse aus dieser Krise, so hoffe ich jedenfalls, werden aber bleiben. Es geht da um Fragen wie: Wie kann ich mich geschäftlich besser aufstellen? Wie kann ich von diesen neuen Netzwerken profitieren? Und vielleicht haben sich viele Menschen nun auch überlegt, was ihnen wirklich wichtig ist im Leben und richten ihre Prioritäten im Job und im Privaten neu aus.

In Ihrem jährlichen Hoffnungsbarometer zeigt sich, dass die Schweizer vor allem auf Gesundheit und ein positives Umfeld hoffen. Also genau die Bereiche, die nun durch die Krise besonders strapaziert werden.

Das ist so. Aber das ist ja auch das Spannende: Die Hoffnung auf Gesundheit, auf gute zwischenmenschliche Beziehungen etc. war häufig auch so gross, weil sich die Menschen zu wenig Zeit dafür nahmen. Alle reden darüber, wie wichtig die Gesundheit ihnen ist, doch was tun wir effektiv dafür? Indem diese Werte durch die Krise bedroht werden, wird uns auch ihre Bedeutung stärker vor Augen geführt.

Das macht uns auf der einen Seite verletzlicher, aber auf der anderen Seite werden wir nun auch mehr dafür tun. Mehr Zeit mit der Familie verbringen, mehr Zeit in die zwischenmenschlichen Beziehungen investieren und so weiter. Denn es ist ein Unterschied, ob man auf etwas hofft oder auch konkret dafür tut.

Die Schweizer zwischen Hoffnung und Abschottung: Blick auf einen Balkon in Lausanne.
Bild: Keystone

Viele verbringen jetzt unfreiwillig mehr Zeit mit der Familie. Partner und ganze Familien hocken derzeit aufeinander – sehen Sie da kein Spannungsfeld?

Doch, es gibt da natürlich ein grosses Konfliktpotenzial. Das kann aber zu zwei Entwicklungen führen: Entweder man verkracht sich vollkommen – oder man lernt, anders miteinander umzugehen, sich zu unterstützen und zu respektieren. Dann hat man wirklich etwas dazugelernt. All jene, die das nicht schaffen, weil das Zerwürfnis zu gross ist, die werden natürlich darunter leiden. Aber ich bin überzeugt, dass die meisten Paare und Familien gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.

Ich merke schon, Sie sehen eher die Chancen der Krise anstatt die Gefahren.

Ja, weil uns das schon die Geschichte lehrt. Alle Krisen wurden so überwunden. Im Europa der 1930er- bis in die 1950er-Jahre gehörte das Thema Konfrontation und Krieg zum Alltag, auch wenn die Schweiz sich da heraushielt. Heute aber würde kaum jemand mehr einen Krieg wollen, das sind die Lehren aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Ich halte mich da an Kant und andere Philosophen und bin der Überzeugung, dass der Mensch lern- und entwicklungsfähig ist.

Wie hoffnungsvoll sind denn die Schweizer im Vergleich zu anderen Nationen?

Die Schweizer sind nicht übermässig hoffnungsvoll – eher mittelmässig. Wobei es einen recht grossen Unterschied zwischen der Deutschschweiz und der Westschweiz gibt.

Wie zeigt sich dieser?

In der Westschweiz ist das Vertrauen in die politischen und wirtschaftlichen Institutionen weniger stark ausgeprägt – was jeweils zu niedrigeren Hoffnungswerten führt. Für die italienischsprachige Schweiz haben wir leider erst im vergangenen Jahr erstmals Daten erhoben, doch auch dort zeigt sich ein mangelndes Vertrauen in die Institutionen.



Unser System ist doch stabil. Was fehlt der lateinischen Schweiz denn?

Ich glaube, in der französischen und auch in der italienischen Schweiz erwarten die Leute etwas anderes von der Politik. In der Deutschschweiz erwarten wir, dass die Politik uns Rahmenbedingungen schafft, damit wir gut geschäften, ein gutes Leben führen und unsere Eigenverantwortung wahrnehmen können. In der lateinischen Schweiz erwarten die Menschen vom Staat mehr Sicherheit und eine gleichmässigere Verteilung des Wohlstandes. Und das leistet der Staat in ihren Augen eben nur teilweise. Darum ist man in der Westschweiz und der italienischen Schweiz auch eher enttäuscht von der Politik. Aber nun könnte das Vertrauen auch steigen, durch das Krisenmanagement des Staates.

Das wäre interessant zu wissen.

Ich führe gerade eine Befragung mit Studenten der Universität St. Gallen durch und bin sehr gespannt, was dabei herauskommt. Aber gerade in Krisensituationen kann es sein, dass die Zufriedenheit sinkt, aber die Hoffnungswerte steigen. Menschen in Konfliktsituationen hoffen ja auch besonders auf Frieden.

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