«Ich musste zusehen, wie er Selina kaputtmachte»

Jennifer Furer

1.4.2020 - 11:06

Selina erlebte in ihrer Partnerschaft häusliche Gewalt. Ihre beste Freundin musste tatenlos zusehen. (Symbolbild)
Bild: Keystone

Experten befürchten einen Anstieg von häuslicher Gewalt durch die Corona-Krise. Luna erzählt, wie es sich anfühlt, wenn das Opfer die eigene beste Freundin ist – und empfiehlt, was jetzt beim Opferschutz getan werden muss.

Luna* lächelt in ihre Laptop-Kamera. Sie schaut freundlich, einnehmend auch. Ihre hellbraunen Haare trägt die Mittdreissigerin zu einem Zopf, die Kabel der weissen Kopfhörer baumeln an ihren leicht rötlichen Backen.

Und dann lässt das Kamerabild einen kurzen Blick auf die behagliche Einrichtung im Hintergrund zu: Bücher reihen sich im Holzregal fein säuberlich aneinander, ein beiger Fellteppich liegt auf dem braunen Parkett, und ein Hund liegt eingerollt in einem kissenüberzogenen Polsterbettchen: Sunny.

«Ich hoffe, es geht ihr gut. Ich hoffe, sie sitzt jetzt gerade zu Hause und wird mit Liebe zugedeckt.»

Lunas Gesicht hat sich verdunkelt. Ihre Augen werden zu Schlitzen, auf ihrer Stirn: Sorgenfalten. Wenn sie über ihre ehemalige beste Kollegin Selina spricht, ist Luna: nur traurig.

«Das letzte Mal habe ich Selina vor etwa einem Jahr gesehen. Es ging ihr gut. Sie hatte einen neuen Freund. Er machte einen zuvorkommenden Eindruck auf mich. Sie wirkten verliebt. Doch was heisst das schon. Die Fassade offenbart nicht, was sich im Inneren verbirgt.»



Luna ist nachdenklich, ihre Augen wandern umher. Ihr Blick ist nicht mehr auf die Gesprächspartnerin fixiert. 

«Ich habe Selina in der Kantonsschule kennengelernt. Die Chemie stimmte von Anfang an. Wir waren ein Herz und eine Seele. Wir verstanden uns auch ohne Worte, in traurigen, schwierigen, stressigen, harten und emotionalen Zeiten. Unser Humor verband uns – und grenzte uns gleichzeitig von den anderen ab. 

Eine Freundschaft wie aus dem Bilderbuch. Eine Freundschaft, die sich alle Menschen wünschen. Wir hatten sie. Hatten. Denn ein Mensch brach unsere Freundschaft – aber viel schlimmer: Er brach Selina.»

Lunas Stimme wird leise, brüchig, als durchlebe sie in diesem Augenblick jene Zeit, die ihr bis heute zu schaffen macht, noch einmal.

«Selina war nicht gerne Single. Sie liebte es, zu lieben. Sie war auch nie lange allein. Viele Männer sahen diesen wunderbaren Menschen, in den auch ich mich verliebt hatte. Selina begegnete jedem Menschen mit Anstand und Respekt. Doch nicht immer bekam sie die Liebe und Freundlichkeit zurück, die sie den Menschen gab.

Selina lernte Lukas in den sozialen Medien kennen. Ich mag mich an diese Anfangsphase erinnern. Immer, wenn er ihr schrieb, lächelte Luna, ihr Herz hüpfte, ihr Hände wurden feucht.

Nervös tippte sie auf ihrem Handy eine Antwort. Ich durfte an den Unterhaltungen teilhaben, sie mitlesen und mitverfassen. Lukas gab Selina Geborgenheit, Sicherheit und Liebe. Wir ahnten beide nicht, dass sich dies schlagartig ändern würde.»

Lunas Blick richtet sich immer wieder nach unten. Als würde sie sich schämen, damals nicht erkannt zu haben, wer Lukas wirklich war – und was Selina bevorstehen würde. Es wirkt, als mache sich Luna Vorwürfe, Selina nicht vor dem folgenden Martyrium beschützt zu haben.

«Nachdem Selina mit Lukas zusammengekommen war, veränderte sie sich zunehmend. Ihre fröhliche Art verblasste. Ihr Lachen verstummte. Ihre Herzlichkeit begann zu schweigen. Ich musste zusehen, wie Lukas Selina kaputtmachte.

Häusliche Gewalt kommt besonders in Partnerschaften vor. 
Bild: Bundesamt für Statistik

Sie distanzierte sich – emotional und mit der Zeit auch physisch von mir. Es war, als ob Selina eine Mauer zwischen uns aufgerissen hätte. Eine Mauer aus durchsichtigen Ziegeln.

Sie wollte, dass ich hinschaue, das spürte ich. Aber sie konnte mich nicht mehr an sich heranlassen. Es war eine harte Zeit. Selina gab mir zu verstehen, dass ich sie loslassen musste. Nicht, weil sie es so wollte, sondern weil er es so wollte.»

Luna weint, sie atmet tief durch. Aber dann fährt sie doch noch fort.

«Selina geriet in eine Art Abhängigkeit. Aus einer anfänglichen Verliebtheit wurde eine emotionale Ergebenheit. Selina fügte sich den Aufforderungen, die Lukas je länger sie zusammen waren, desto häufiger aussprach. Anfangs waren es Kleinigkeiten: ‹Schick mir ein Bild von deinem Essen›, ‹Wo bist du gerade?›, ‹Mit wem redest du?›.

Dann wurden die Befehle harscher, unverständlicher, einnehmender, ja besessen. Selina musste Lukas immer informieren, wo sie sich befand, wer in ihrer Nähe war, was sie gerade machte, wer neben ihr sass, was sie genau für Sachen las, welches App sie gerade benutzte.

Im Bus durfte Selina sich nicht setzen. Denn sonst hätte ein Mann neben ihr Platz nehmen können. Es ging so weit, dass Selina Lukas ständig Bilder ihrer Umgebung schicken musste, damit er sicherstellen konnte, dass ihr niemand nahe ist – körperlich, emotional.

Denn er untersagte ihr jeglichen Kontakt zu Freundinnen, zu nicht engen Familienangehörigen – und zu mir. Mit der Zeit folgte Lukas Selina ohne ihr Wissen. Er tauchte in der Schule auf, um zu kontrollieren, ob sie die Wahrheit sagt.

Lukas beanspruchte Selina. Er isolierte sie. Selina war sein Besitz. Er machte sie gefügig. Selina verfiel in eine Starre, sie war ohnmächtig, gefangen, nicht in der Lage, aus dieser Situation auszubrechen.»

Tätlichkeiten kommen bei häuslicher Gewalt am meisten vor. Es folgen die Straftatbestände Drohungen, Beschimpfungen und einfach Körperverletzung.
Bild: Bundesamt für Statistik

Lunas Augen blicken zum ersten Mal wieder direkt in die Laptop-Kamera. Ihre Augen sind glasig, sie wirkt abwesend, aber immer noch entschlossen. Entschlossen, diese Geschichte zu Ende zu erzählen, um anderen Menschen zu zeigen, wie schwierig, komplex und überfordernd das Thema häusliche Gewalt ist.

«Ich kannte diese Selina nicht mehr. Ihr Selbstvertrauen sank jeden Tag – immer ein Stückchen mehr. Abwesend, traurig, hilflos, ohnmächtig, machtlos: So würde ich sie im Nachhinein beschreiben. Jeder Versuch an sie zu gelangen, in ihr Inneres zu blicken, misslang.

Sie beharrte darauf, dass es ihr gut gehe und sie glücklich sei mit Lukas. Ich glaube, niemand, der sich nicht in einer solchen Situation befand oder befindet, versteht, was Selina in diesem Moment durchgemacht hat und wieso sie bei Lukas geblieben ist.

Ich habe mich das oft gefragt, über all die Jahre, die vergangen sind. Ganz verstehen werde ich es nie, weil ich häusliche Gewalt nicht an Leib und Leben erfahren habe. Aber ich denke, dass diese psychische Gewalt, die ein Mensch einem anderen antun kann, Spuren hinterlässt – auch kurzfristige.

Diese Spuren äussern sich in Ohnmacht, Machtlosigkeit und Abhängigkeit. Selina hat ihr ganzes Selbstvertrauen in die Hände von Lukas gelegt. Und dieser vermochte es, Selinas Tun zu steuern, Selinas Hilflosigkeit auszunutzen, Selinas emotionale Abhängigkeit zu missbrauchen.

Mit Zuckerbrot und Peitsche. Zuckerbrot, weil nicht alles, was Lukas mit Selina gemacht hat, schlecht war. Lukas und Selina sah man die psychische Gewalt, die in ihrer Beziehung herrschte, nicht an – zumindest nicht auf den ersten Blick. Lukas konnte auch verliebt sein, Selina in die Arme nehmen, küssen, ihr eine rosige Zukunft versprechen.

Aber dann war eben immer noch die Peitsche – diese psychische Tortur. Selina hat nie über eine körperliche Gewalt gesprochen. Aber ihre Hämatome, ihre Kratzer, ihre Spuren im Gesicht sprachen Bände.»

Luna trinkt einen Schluck Wasser, blickt zu ihrer Hündin Sunny – dann versinkt sie wieder in ihren Erinnerungen.

«Ich wusste zu dieser Zeit nicht, wie ich Selina helfen kann. Jedes Mal, wenn ich sie auf die Beziehung ansprach, blockte sie ab. Sie sprach davon, dass Lukas lediglich ein wenig eifersüchtig sei, sie aber lieben würde und die beiden eine gute Beziehung hätten.



Bagatellisieren, vertuschen, unterdrücken. Jede Antwort von Selina passte in dieses Schema. Doch ich wollte Selina nicht allein lassen. Ich wusste, dass sie leidet. Im Nachhinein bin ich froh, habe ich nicht resigniert.

Externe Stellen konnten Selina nicht helfen, weil sie selbst es nicht wollte und nicht einsah, dass ihr etwas Schlimmes widerfährt. Ich blieb hartnäckig und sagte Selina immer wieder, dass meine Türen nicht verschlossen sind, dass sie immer zu mir kommen kann.

Es dauerte eine Weile, doch Selina kam zu mir. Immer wieder und immer mehr. Ich drängte nicht. Ich hörte zu, gab ihr Raum zum Reden, und mit der Zeit nahm sie Ratschläge an – bis sie sich schliesslich dazu entschloss, Lukas zu verlassen. Selina fiel, doch sie fiel nicht im freien Fall, sondern in ein Netz, das sie auffing. Lukas – in seinem Stolz verletzt – wollte es nicht zulassen, dass Selina sich wehrte und ihn verliess.

Doch Selina hatte mich und ihre Familie. Zum ersten Mal seit Langem realisierte sie, dass sie nicht nur von Lukas geliebt wird, dass ihr Selbstwert nicht von ihm abhängt, dass sie sich wehren kann. Als Lukas dies realisierte, liess er Selina gehen.»

Luna schaut nun wieder in die Kamera. Sie spricht das Coronavirus an, den Fakt, dass vermehrt mit häuslicher Gewalt zu rechnen sei, wenn Paare und Familien weniger an die Luft könnten, Schulen und Kindergärten geschlossen seien sowie Homeoffice angesagt sei.

«Es ist wichtiger denn je, das jetzt besonders hingeschaut wird. Freundinnen, Verwandte, Bekannte, Nachbarn – sie alle sollten jedes Anzeichen für häusliche Gewalt ernst nehmen. Auch wenn man denkt, es bringt nichts, die Behörden zu informieren: Macht es trotzdem.

Und vor allem: Seid da, wenn jemand sprechen möchte. Seid offen. Hört hin. Meine Geschichte mit Selina zeigt deutlich: Opfer kommen meist nicht alleine aus der Gewaltspirale. Sie brauchen Schutz von aussen. Gebt ihnen diesen. Oder macht den externen Schutz überhaupt möglich, in dem ihr den Opfern Fachpersonen zur Verfügung stellt.

Oft schämen sich Opfer von häuslicher Gewalt oder können gar nicht darüber sprechen – beispielsweise, wenn Kinder betroffen sind oder wenn die Personen das Haus nicht verlassen können. Besonders in dieser Zeit müssen wir die Stimme sein, die für Opfer häuslicher Gewalt, um Hilfe ruft.»

Luna richtet ihren Blick auf. Sie sagt, dass sie Selina sehr vermisst. Seit Lukas war sie nicht mehr wie vorher. Und auch ihre Freundschaft litt darunter.

«Ich hoffe, ihr geht es gut. Ich hoffe, dass sie nie mehr in einer solchen Beziehung landen wird. Und ich hoffe, dass sich Opfer von häuslicher Gewalt durch diese Geschichte gestärkt fühlen, Hilfe zu holen.»

*Namen geändert.


Serie zum Thema häusliche Gewalt

Häusliche Gewalt ist in der Schweiz weit verbreitet. 2018 wurden laut Schweizerischer Kriminalstatistik rund 18'500 Straftaten gezählt. 2019 stieg die Zahl um acht Prozent auf 19'500 Straftaten. Die Dunkelziffer ist hoch. In Zeiten des Coronavirus verschärft sich das Problem, weil man sein Haus nicht mehr verlassen sollte, die Schulen und Kindergärten geschlossen sind sowie Homeoffice zu intensiverem Zusammenleben führt. «Bluewin» beleuchtet das Thema häuslicher Gewalt diese Woche in einer Serie.


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