Corona-Krise: «Kinder können der Gewalt kaum mehr ausweichen»

Jennifer Furer

30.3.2020 - 07:00

Familien und Paare leben momentan sehr nah aufeinander, was zu Spannungen, Überforderung und Stress und schlussendlich häuslicher Gewalt führen kann. (Symbolbild)
Bild: Getty Images

Häusliche Gewalt nimmt wegen der Coronavirus-Massnahmen zu, warnen Fachpersonen. «Ich spüre, dass eine grosse Verantwortung auf mir lastet», sagt Miko Iso, Fachleiterin der Fachstelle Häusliche Gewalt in Basel-Stadt. 

Die Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus haben nicht nur wirtschaftlich schwerwiegende Folgen. Opferhilfen, Frauenhäuser und Beratungsstellen befürchten, dass es zu einer Zunahme an häuslicher Gewalt kommen wird. Auch der Bund ist sich dessen bewusst und hat in den letzten Tagen eine Taskforce zum Thema eingerichtet. 

Miko Iso, Fachleiterin der Fachstelle Häusliche Gewalt in Basel-Stadt, befasst sich täglich mit häuslicher Gewalt. Im Interview sagt sie, wie sie die Lage einschätzt, was sie sich von der Bevölkerung erhofft und was Betroffenen nun besonders dringend tun sollten.

Frau Iso, wie schätzen Sie die momentane Situation bezüglich häuslicher Gewalt ein?

Wir sind in einer besonderen Situation, die Anspannung ist zu spüren. Es werden viele Anpassungsleistungen von der Bevölkerung erwartet. Viele Eltern machen sich Sorgen um ihre finanzielle Zukunft. Den Kindern fehlt die Struktur durch Kindergarten, Schulen oder Kitas. Familien und Paare leben momentan sehr nah aufeinander, was zu Spannungen, Überforderung und Stress und schlussendlich häuslicher Gewalt führen kann.

Miko Iso ist Fachleiterin der Fachstelle Häusliche Gewalt in Basel-Stadt.

Die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt ist hoch. Könnte diese jetzt stärker zunehmen, da Frauen und Kinder in der Corona-Krise weniger Möglichkeiten haben, das Zuhause zu verlassen?

Das ist ein Grund zur Sorge, ja. Die meisten Opfer von häuslicher Gewalt haben ohnehin schon Angst, sich Hilfe zu holen. Bei Kindern verkleinert sich jetzt die Möglichkeit, den Situationen auszuweichen, weil die Schule und Vereinstätigkeiten wegfallen. Auch die psychische Belastung nimmt zu, weil Kinder jetzt keine Oase ausserhalb der Familie mehr haben.

Was raten Sie in solchen Fällen?

Sich trotzdem an jemanden wenden und sich getrauen, Hilfe zu holen. Beispielsweise beim Einkaufen bietet sich die Möglichkeit, ein Telefonat zu führen oder eine E-Mail zu schreiben. Erfahrungsgemäss kommen Opfer von häuslicher Gewalt nicht selbst aus ihrer Lage raus.

Warum?

Häusliche Gewalt manifestiert sich über einen längeren Zeitraum. Dabei wird das Selbstbewusstsein der Opfer immer kleiner, die Angst und die Scham immer grösser. Sich selbst aus dieser Spirale zu befreien, ist meist gar nicht mehr möglich. Externe Hilfe ist das einzige Mittel, um häuslicher Gewalt zu entkommen.

Beschuldigt im Zusammenhang mit Gewalt an Kindern werden in den meisten Fällen Männer im Alter zwischen 40 bis 49 Jahren.
Bundesamt für Statistik

Stellen Sie bereits eine Zunahme von häuslicher Gewalt wegen des Coronavirus fest?

Momentan noch nicht. Es kann sein, dass die Situation noch entspannt ist, weil alle zu Hause sind und sich das Leben entschleunigt hat. 

Der Bund bereitet sich auf die zunehmende häusliche Gewalt vor, die aufgrund der Coronavirus-Massnahmen erwartet wird.

Der Bund hat eine Taskforce eingesetzt, die sich der Problematik annimmt. Sie umfasst Personen aller wichtigen Organisationen im Bereich häuslicher Gewalt. Ziel ist es, auch interkantonal agieren zu können. Das ist eine grosse Herausforderung, weil jeder Kanton eigene Strukturen hat. Wichtig ist aber, dass der Bund sich der sozialen Auswirkungen bewusst ist, welche die Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus mit sich bringen.



Wie kann sich die einzelne Bürgerin, der einzelne Bürger engagieren?

Es ist jetzt besonders wichtig, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und hinzuschauen statt wegzuschauen. Es ist Gold wert, wenn Nachbarn Hilfe holen, weil die Opfer das meist nicht selber können. Die Devise lautet: Lieber einmal mehr die Polizei rufen als einmal zu wenig. Besonders bei kleinen Kindern darf nicht gezögert werden. Sie können sich selber nicht wehren und sind auf Hilfe von aussen angewiesen. Wir als Gesellschaft müssen diese Verantwortung wahrnehmen. Eine weitere Massnahme, die jeder einzelne umsetzen kann, ist präventives Engagement.

Inwiefern?

Den Kontakt zu den Nachbarskindern pflegen, ist eine gute Möglichkeit. Es hilft nur schon, einem Kind eine Geschichte vorzulesen oder mit ihm ein Spiel zu spielen. Das schafft Ressourcen für das Kind und kann Familien entlasten.

Häusliche Gewalt wird in den meisten Fällen von Männern ausgeübt.

Ist es sinnvoll, die Schulen und Kindergärten weiterhin geschlossen zu halten, wenn man die Situation einiger Kinder betrachtet, die unter Gewalt leiden?

Es liegt nicht an mir, dies zu beurteilen. Das ist ein Entscheid des Bundes, der sicher sorgfältig abgewägt wurde. Das Coronavirus betrifft die ganze Bevölkerung, häusliche Gewalt nicht. Dennoch: Auch häusliche Gewalt ist eine Epidemie, weil sie sehr verbreitet ist. Sie betrifft uns aber trotzdem nicht alle.

Wie gehen Sie persönlich mit der jetzigen Situation um?

Ich spüre, dass eine grosse Verantwortung auf mir lastet, weil ich und wir als Fachstelle Häusliche Gewalt für besonders verletzliche Menschen da sein müssen.

Wie funktioniert die Koordination in Basel-Stadt?

Es gibt 27 Organisationen, die sich mit dem Thema häusliche Gewalt befassen. Als Leiterin des runden Tisches ist es meine Aufgabe, im Hintergrund zu koordinieren. Jetzt ist der Moment, in dem sich zeigt, ob das System, das wir aufgebaut haben, funktioniert. Zentral ist es, dass wir alle Beratungsangebote und Anlaufstellen weiterführen können.

Welche sind das?

In erster Linie die Opferhilfe und Frauenhäuser. Aber auch die Erziehungs-, Familien- und Elternberatung wird häufig angegangen, vor allem wenn es um Gewalt gegenüber Kindern geht. Auch für Männer, die Opfer von häuslicher Gewalt werden, gibt es gesonderte Anlaufstellen.

In einer Partnerschaft wird in den meisten Fällen der Partner zum Täter.

Meist sind es Männer, die zu Tätern werden. Können diese auch Hilfe holen?

Es gibt ein Lernprogramm, das ins Leben gerufen wurde. Seit der Teilrevision des Polizeigesetzes kann die Konfliktberatung Täter aktiv angehen. Es ist überraschend, aber eine Vielzahl der Täter nimmt dieses freiwillige Angebot an.

Wieso?

Es gibt Täter, die ob ihrer eigenen gewalttätigen Handlungen erschrecken. Sie schämen sich im Nachhinein, getrauen sich deshalb nicht, das Problem selbst anzusprechen. Sie sind deshalb besonders empfänglich, wenn jemand auf sie zukommt.

Was sind das für Männer und Frauen, die physische oder psychische Gewalt in ihrer Beziehung und gegenüber Kindern ausüben?

Viele haben selbst schon in ihrer Kindheit häusliche Gewalt erlebt. Sie hatten nie die Möglichkeit, eine andere Konfliktstrategie zu erlernen, weshalb sie die gelernten Muster wiederholen. Buben identifizieren sich zudem oft mit dem Täter, der meist eine ältere männliche Bezugsperson ist.

In welcher Bevölkerungsschicht kommt häusliche Gewalt besonders vor?

Häusliche Gewalt kommt in allen Schichten gleichermassen vor. Es ist zudem ein internationales Problem, das nicht auf kulturelle Ursachen per se zurückgeführt werden kann.


Serie zur häuslichen Gewalt

Häusliche Gewalt ist in der Schweiz weit verbreitet. 2018 wurden laut Schweizerischer Kriminalstatistik rund 18'500 Straftaten gezählt. 2019 stieg die Zahl um 8 Prozent auf 19'500 Straftaten. Die Dunkelziffer ist hoch. In Zeiten des Coronavirus verschärft sich das Problem, weil man sein Haus nicht mehr verlassen sollte, die Schulen und Kindergärten geschlossen sind sowie Homeoffice zu intensiverem Zusammenleben führt. «Bluewin» beleuchtet das Thema häuslicher Gewalt diese Woche in einer Serie. 

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