Von wegen «im Affekt» – die meisten Männer planen ihre Tat

Julia Käser

15.1.2020 - 10:44

Entgegen der verbreiteten Annahme geschehen Tötungen im häuslichen Bereich nicht aus dem Affekt heraus. (Symbolbild)
Bild: Keystone

Häusliche Gewalt, die in einer Tötung endet – immer wieder fallen ihr vor allem Frauen und Mädchen zum Opfer. Die meisten Delikte werden von den Tätern geplant, so eine britische Kriminologin. 

Alle zwei Wochen kommt eine Frau in der Schweiz durch häusliche Gewalt ums Leben – eine Zahl, die mittlerweile gut bekannt ist. Frauen werden siebenmal häufiger zum Opfer als Männer. Weltweit sind es jährlich über 80'000 Frauen und Mädchen. Doch entgegen geläufiger Annahmen geschehen diese Taten oftmals nicht im Affekt – im Gegenteil: In einer neuen Untersuchung kommt die britische Kriminologin Jane Monckton Smith zum Schluss, dass die meisten Frauenmorde geplant werden. Darüber berichtete zuerst Infosperber.

Für ihre Studie untersuchte sie insgesamt 372 Tötungsdelikte an Frauen und entwickelte ein Modell mit acht Eskalationsstufen, die eine betroffene Beziehung durchläuft. Dieses Modell soll den Behörden dazu verhelfen, besser und schneller auf potenzielle Täter aufmerksam zu werden, um so die brutalen Gewalttaten verhindern zu können.

Besitzansprüche und Stalking als frühe Anzeichen

So wird ein Grossteil der potenziellen Täter laut Monckton Smith bereits früh auffällig, unter Umständen noch vor der Beziehung. Die Delikte: Gewaltanwendung oder Stalking. Sie stellt gar fest, dass über 90 Prozent  das Opfer vor der Tötung gestalkt hätten.



Das Muster, das die Kriminologin nachzeichnet, ist immer dasselbe: Im Laufe der Beziehung entwickelt der potenzielle Täter Besitzansprüche und das Verlangen nach Kontrolle. Das Paar vernachlässigt weitere soziale Beziehungen, isoliert sich, und der potenzielle Täter versucht, die emotionale, soziale und finanzielle Kontrolle über seine Partnerin zu erlangen. Die Angst vor einem Verlust ebendieser Kontrolle oder einer möglichen Trennung ist schliesslich die Ursache der späteren Tötung.

Durch Drohungen, Erpressung, Gewalt und Stalking wird versucht, die Kontrolle aufrechtzuerhalten. Reagiert die Partnerin darauf nicht, kommt der Sinneswandel beim potenziellen Täter. Er beginnt, sich den Mord auszumalen, plant die Tat – und schliesslich schlägt er zu. 

«Studie weist Mängel auf»

Monckton Smith impliziert mit ihrer Studie, dass Tötungen an Frauen von den Behörden verhindert werden könnten – eben weil sie geplant und nicht spontan vollzogen werden. Ist es wirklich so einfach?

«Nein», sagt Nora Markwalder, Kriminologin und Assistenzprofessorin für Strafrecht an der Universität St. Gallen: «Häusliche Gewalt tritt immer wieder auf – meist sind die Opfer weiblich, aber auch Männer sind betroffen – doch, wann sie in einer Tötung gipfelt, ist kaum vorhersehbar.»



Markwalder verweist auf eine Schwäche der Studie. So beziehe diese nur Fälle ein, die tatsächlich mit einer Tötung endeten. «Man weiss also nicht, ob häusliche Gewalt ohne Tötung ebenfalls solche Eskalationsstufen durchläuft, und wo die Unterschiede zwischen den beiden Arten von Fällen liegen.» Genau dieser Punkt sei aber entscheidend für die Risiko-Abschätzung.

«Wir wissen, dass zwei Drittel der Beziehungen, in denen es später zu einer Tötung kommt, konfliktär sind. Ein Fünftel der Täter ist polizeilich bekannt. Das bedeutet aber auch, dass die Polizei von den restlichen vier Fünfteln nichts weiss.» Und genau das sei eines der grossen Probleme, sagt Markwalder – die hohe Dunkelziffer.

«Offizielle Statistiken sind nur Spitze des Eisbergs»

Ein weiteres sei die Tatsache, dass laufende Verfahren wegen häuslicher Gewalt allzu häufig auf Wunsch der Opfer wieder eingestellt würden. Eine für den 1. Juli geplante Gesetzesänderung will dem entgegenwirken und die Entscheidungskompetenz der Opfer beschränken. 



Doch Markwalder sagt: «Ein Verfahren, das die geschädigte Person selbst so nicht will, ist wahnsinnig schwierig zur Verurteilung zu bringen. Meistens handelt es sich um Vier-Augen-Delikte – verweigert das Opfer die Aussage, hat das ein Mangel an Beweisen zur Folge.»

Unerlässlich sei vor allem eines: das Sammeln von weiteren Daten zu häuslicher Gewalt, etwa in Form von Opfer-Befragungen und Täter-Interviews. Die offiziellen Statistiken sind gemäss Markwalder nicht genügend aussagekräftig, sondern bloss die Spitze des Eisbergs. Um das Ausmass des Problems zu erfassen, müssten mehr Details über die Opfer-Täter-Konstellationen bekannt sein. Denn eines ist sicher: «Wüsste man, unter welchen Umständen häusliche Gewalt dermassen eskaliert, dass sie tödlich endet, hätte man längst etwas dagegen unternommen.»

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