Ist Caroline H. wirklich die gefährlichste Frau der Schweiz?

Bruno Bötschi

15.1.2020 - 07:15

Die sogenannte Parkhausmörderin Caroline H. (rechts) wird am 17. Dezember 2001 ins Zürcher Obergericht zum Prozess eskortiert.
Bild: Keystone

Caroline H. gilt als die gefährlichste Frau der Schweiz. Sie bekennt, zwei Frauen brutal ermordet zu haben. Es gibt keine Beweise, nur ihr Geständnis. «Republik»-Journalist Carlos Hanimann begab sich auf Spurensuche – und sät Zweifel.

Herr Hanimann, weshalb fingen Sie an zu recherchieren, ob Caroline H. die gefährlichste Frau der Schweiz ist?

Es fing an wie fast immer: Jemand hatte etwas gehört, erzählte es weiter, und irgendwann rief mich jemand an und erzählte mir davon. Ich hörte zu und fragte nach. In diesem Fall landete ich dann bei einem Informanten, den ich «Hugentobler» nenne. Er glaubt, Caroline H. ist nicht die Mörderin, für die sie alle halten. Diesem Verdacht bin ich in meiner Recherche nachgegangen.

Die Verbrechen liegen mehr als 20 Jahre zurück. In Ihrem Buch «Caroline H. – die gefährlichste Frau der Schweiz?» schreiben Sie, dass die verurteilte Täterin bis heute Rätsel aufgibt. Was denken Sie, warum wollte Caroline H. bisher nicht mit Ihnen persönlich reden?

Darüber kann ich nur spekulieren. Ich habe ihr zuerst, wie es üblich ist, einen Brief geschrieben und ihr erklärt, dass ich sie gern treffen möchte. Sie antwortete nicht. Dafür ihr Anwalt. Er fühlte sich offenbar übergangen, weil ich Caroline H. direkt angeschrieben hatte. Aber auch meine Versuche, über ihn Kontakt zu Caroline H. herzustellen, scheiterten. Warum? Der Anwalt richtete mir aus, Caroline H. wolle in der Öffentlichkeit nicht über die Taten reden, für die sie verurteilt wurde. Das muss ich akzeptieren.

Mit anderen Journalistinnen und Journalisten hat sie gesprochen, etwa 2018 mit einer Reporterin von der «SonntagsZeitung». Ihr schrieb Caroline H. im Vorfeld des Gespräches in einem Brief: «Ich werde mit Ihnen reden, vorausgesetzt, Sie interessieren sich für mich als Mensch und nicht als Story.» Sie sind, so scheint mir, auch am Menschen und nicht an der Story interessiert. Warum blockte bei Ihnen nicht nur Caroline H., sondern auch ihr Anwalt ab?

Beide Journalistinnen, die Caroline H. nach ihrer Verurteilung für offizielle Interviews haben treffen können, stimmten vorgängig einer sehr wichtigen Bedingung zu: Sie durften mit Caroline H. nicht über die Morde sprechen, für die sie verurteilt worden war. Genau darüber wollte ich aber mit ihr reden. Ich wollte von ihr erfahren, warum sie nach der Verurteilung von ihren Geständnissen Abstand nahm. Ich wollte wissen, was stimmte: Hatte sie in den 1990er Jahren zwei Frauen in Zürich getötet und eine dritte lebensgefährlich verletzt, wie sie vor Gericht gestand? Oder hatte sie falsche Geständnisse abgelegt? Und wenn ja: Warum?

Carlos Hanimann, geboren 1982, ist Journalist. Angefangen hat er beim «St. Galler Tagblatt». Danach war er zehn Jahre lang als Redaktor bei der Wochenzeitung «WOZ». Seit November 2017 schreibt er für das digitale Magazin «Republik».
Bild: Tom Haller

Hat sich Caroline H. oder ihr Anwalt nach dem Erscheinen Ihres Buches nochmals bei Ihnen gemeldet?

Nach der Veröffentlichung haben sich verschiedene Leute bei mir gemeldet. Aber von Caroline H. und von ihrem Anwalt habe ich nichts mehr gehört, obwohl mir der Anwalt kurz vor der Publikation schrieb, es liefen «intensive Gespräche zu neueren Entwicklungen».

Sie erwähnen in Ihrem Buch einen Mann, den Sie «Hugentobler» nennen. Er glaubt, Caroline H. sei unschuldig – zumindest was die Morde betreffen. Was halten Sie persönlich von seiner Handwerker-Theorie?

Was ich persönlich von seinen Theorien halte, ist nicht entscheidend. Wichtig ist: Stimmen die Fakten, die er präsentiert? Und sind diese von öffentlichem Interesse? Beides kann ich mit Ja beantworten. «Hugentobler» hat in den 1990er Jahren einen Handwerker getroffen, der ihm ein fürchterliches Gewaltverbrechen ankündigte. Kurz darauf wurde am Zürichhorn beim Chinagarten die Leiche einer älteren Frau gefunden, die so getötet worden war, wie es dieser Handwerker zuvor «Hugentobler» beschrieben hatte. Steckt also der Handwerker hinter dem Mord beim Chinagarten – und nicht Caroline H., die den Mord gestand? Das kann ich nicht beurteilen. Auch «Hugentobler» weiss nicht mit Bestimmtheit, ob der Handwerker die Ankündigung wahrmachte – oder ob das alles nur ein Zufall ist.

Über «Hugentobler» kann ich öffentlich leider nur wenig verraten, um ihn nicht in Gefahr zu bringen. Nur so viel: Ich habe ihn vielfach zu Gesprächen getroffen, habe natürlich seinen Hintergrund, seine Biografie und seine Glaubwürdigkeit überprüft und halte ihn für eine sehr vertrauenswürdige Person. Dasselbe gilt für die Aussagen, die er mir gegenüber gemacht hat.



Wem glauben Sie mehr: Caroline H. oder «Hugentobler»?

Ich habe keinen Grund, an «Hugentoblers»Aussagen zu zweifeln. Caroline H. hingegen hat schon vor dem Mordprozess, also in einem früheren Verfahren wegen Brandstiftungen in Luzern falsche Geständnisse abgelegt für Taten, die sie gar nicht begangen hatte. Und die Mordgeständnisse hat sie ein paar Jahre später in Therapie widerrufen.

Sie als wahrheitsliebender Bürger: Hatten Sie während Ihren Recherchen nie Lust, die Unterlagen von Hugentobler und den Namen des Handwerkers, den er als Mörder beschuldigt, der Polizei weiterzuleiten respektive zu melden?

Nein, nie. Und das würde ich auch nicht tun. Ich bin als Journalist nicht der verlängerte Arm der Strafverfolgungsbehörden. Aber letztlich ist diese Frage auch hypothetisch. Denn der Handwerker hat mir ja gesagt, dass ihn die Polizei damals als Täter für zwei Morde verdächtigte, festnahm und befragte. Die Strafverfolger dürften seinen Namen also kennen.

In der «SonntagsZeitung» sagte Caroline H. unter anderem, die Leute sollten erfahren, «dass ich keine Gestörte bin, die in einem Loch wohnt». Was denken Sie: Ist Caroline H. gestört – und wenn ja, wie gestört?

Ich bin kein Psychiater und will mich nicht über ihren Gesundheitszustand äussern. Verschiedene psychiatrische Gutachten stellen aber unterschiedliche Persönlichkeitsstörungen fest, unter anderem eine Borderline-Störung. Und in dem von Ihnen erwähnten Text in der «SonntagsZeitung» sagt Caroline H. selber, dass sie allenfalls Asperger-Autismus hat.

Die Recherche von Journalist Carlos Hanimann zeigt, dass viele Fragen im Fall «Caroline H.» offen sind. Sein Buch ist eine Spurensuche zu einem der aussergewöhnlichsten Kriminalfälle der Schweiz.
Bild: zVg

Ausgerechnet Caroline H., die als «Frauenhasserin» bezeichnet wurde, lebt seit über zwei Jahrzehnten nur unter Frauen im Gefängnis Hindelbank – über 100 Insassinnen, zu drei Vierteln weibliches Personal. Was halten Sie davon?

Einen Grossteil dieser Zeit lebte sie in Isolationshaft, allein, ohne Kontakt zu anderen Gefangenen, in einem unwahrscheinlich harten Haftregime. Caroline H. lebte in dieser Zeit «wie lebendig begraben», so beschrieb meine «Republik»-Kollegin Brigitte Hürlimann einmal die Haftbedingungen.

Nach Ihren jahrelangen Recherchen: Was denken Sie, ist Caroline H. die gefährlichste Frau der Schweiz respektive ist sie eine Mörderin oder nicht?

Ich masse mir nicht an, diese Frage zu beantworten. Caroline H. wurde rechtskräftig verurteilt. Sie hat sich bisher nicht offiziell gegen dieses Urteil gewehrt. Aber ich glaube nach meinen Recherchen, dass es berechtigt ist, an dieser «prozessualen Wahrheit» zu zweifeln. Das Urteil ist nicht in Beton gegossen. Zu viele Fragen sind offen.



Die Rätsel und die Unklarheiten über den Fall sind bei mir nach der Lektüre Ihres Buches nicht kleiner geworden. Und wie ist es für Sie: Sehen Sie heute klarer im Fall Caroline H.?

Dann bin ich froh. Mit meinen Recherchen wollte ich genau das: Zweifel säen. Auch die Justiz macht hin und wieder Fehler. Ist wirklich alles eindeutig, wenn jemand ein Geständnis abgelegt hat? Falsche Geständnisse in Strafverfahren sind eine häufig unterschätzte Realität. Ich habe am Unerschütterbaren rütteln wollen. Vor meinen Recherchen war alles klar: Caroline H. schien eine gefährliche Mörderin zu sein. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. Der einzige Beweis für ihre Täterschaft waren ihre Geständnisse. Und an diesen kann man in meinen Augen mit Recht zweifeln.

Werden Sie den Fall Caroline H. weiterhin bearbeiten oder ist er für Sie mit dem Buch nun abgeschlossen?

Nach der Veröffentlichung haben sich ein paar neue Hinweise ergeben. Denen gehe ich nach. Aber letztlich müssen sich nun die Verfahrensbeteiligten bewegen. Ich würde gern wissen, wie Caroline H. heute denkt. Und von ihr hören, was sie von all dem hält.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Bibliografie: Caroline H. – Die gefährlichste Frau der Schweiz?, Carlos Hanimann, Echtzeit Verlag, ca. 27 Fr.

Leseprobe: republik.ch

Das sind die zwölf verrücktesten Pflanzen der Welt
Zurück zur Startseite