«Jede zweite Woche wird eine Frau von ihrem Partner getötet» 

Jennifer Furer

3.4.2020 - 07:28

In Frauenhäusern kommt es aufgrund der Corona-Krise bereits zu Enpässen. (Symbolbild)
Bild: Getty Images

Häusliche Gewalt breitet sich während der Corona-Krise zunehmend aus. Drei Politikerinnen, die sich schwerpunktmässig mit dem Thema befassen, sagen, wie die Situation derzeit aussieht und welche Lösungen sie sich wünschen.

Die Corona-Krise stellt derzeit viele Länder vor die Herausforderung, mit einem Anstieg häuslicher Gewalt umzugehen. Konkret geht es darum, Hilfsangebote aufrechtzuerhalten und – wenn möglich – auszubauen. In Frauenhäusern etwa ist es durch die Corona-Krise zu Engpässen gekommen. 

Diese versuchen derzeit, ihr Angebot auszubauen. Die Aufgabe ist nicht einfach – und sie bedarf der Unterstützung von vielen Seiten, erst recht von der Politik. 

«Bluewin» sprach mit drei Politikerinnen, die sich seit längerer Zeit mit dem Thema häusliche Gewalt auseinandersetzen – politisch, beruflich und respektive oder ehrenamtlich. 

Es sind dies:

Yvonne Feri, SP-Nationalrätin und Präsidentin Kinderschutz Schweiz

Salome Scharer vom Feministischen Streikkollektiv Zürich und SP-Gemeinderätin

Flavia Wasserfallen, SP-Nationalrätin und Präsidentin vom Fachverband Mütter- und Väterberatung

Durch ihr Engagement haben sich alle drei bereits vor der Corona-Krise mit häuslicher Gewalt auseinandergesetzt. Und sie werden es auch nach der Krise tun. Feri, Schaerer und Wasserfallen sprechen über mögliche Lösungsansätze, ihr politisches Vorgehen und die Rolle des Frauenstreiks.

Yvonne Feri, SP-Nationalrätin und Präsidentin Stiftung Kinderschutz Schweiz

«Ganz plötzlich sind Einzelpersonen, Paare und Familien sich selbst überlassen, Unterstützung von Fachpersonen gibt es kaum. Es ist schwierig, den Alltag ganz neu zu organisieren, eine sinnvolle Tagesstruktur zu schaffen sowie die Arbeit und den Schulunterricht zu Hause zu erledigen und gleichzeitig mit der Verunsicherung durch das Coronavirus zurechtzukommen. Krisen und Konflikte sind vorprogrammiert.

Mit diesen umzugehen stellt in der Isolation eine grosse Herausforderung dar, denn die gängigen Krisen- und Konfliktlösungsstrategien funktionieren häufig nicht. Paare können sich nach einem Streit nicht einfach einen Tag aus dem Weg gehen, Grosseltern dürfen nicht mehr die dringend nötige Entlastung bei der Kinderbetreuung bieten, feste Therapietermine für psychisch Erkrankte fallen weg, Kinder können ihre Sorgen nicht im Spiel mit Gleichaltrigen vergessen.

Und ausgerechnet in Zeiten der erhöhten Belastung entstehen Löcher im sozialen Netz, das sonst von aufmerksamen und interessierten Dritten gespannt wird. Grosseltern, Kinderärztinnen und Kinderärzte, Lehrpersonen, Trainerinnen und Trainer, die allfällige Probleme frühzeitig erkennen und bei Bedarf helfend eingreifen können, fehlen.

Was muss getan werden, damit die Corona-Krise nicht zu einem massiven Anstieg von Gesundheitsschädigungen durch häusliche Gewalt und psychische Not führt? Es gibt kein Patentrezept. Unabdingbar ist aber, dass die Gefahren der sozialen Isolation öffentlich zum Thema gemacht und Lösungen gesucht werden.

Menschen sollen wissen, dass die Isolation für viele schwierig ist und dass es auch während der Corona-Pandemie Anlaufstellen für Kinder und Erwachsene gibt, die Hilfe bieten. Diese Informationen könnten auch über die Internetseiten des Bundes zum Coronavirus verbreitet werden. Eine nationale 24-Stunden-Hotline wäre eine weitere sinnvolle Massnahme.

Unsere Stiftung Kinderschutz Schweiz hat wegen des befürchteten Anstiegs an Anrufen und Fragen eine Triagestelle geschaffen. Obwohl wir eigentlich keine Auskunftsstelle sind, nehmen wir momentan Anrufe entgegen und leiten die Anrufenden an die korrekten Stellen weiter.

Erfreulich ist, dass Bund und Kantone eine Taskforce einberufen haben, um die Entwicklungen zu beobachten und um bei einer Zunahme häuslicher Gewalt reagieren zu können.

Ich selbst habe politisch bereits einiges versucht, um beispielsweise eine Anstossfinanzierung oder eine nationale Strategie für Schutzhäuser zu erreichen. Dabei bin ich leider gescheitert. Aber ich werde sicher da wieder anknüpfen.

Und wir alle sind aufgerufen, Teil eines möglichst straff gespannten sozialen Netzes zu sein, indem wir uns während der Corona-Pandemie verstärkt um unsere Mitmenschen kümmern. Wenn wir regelmässig zum Telefonhörer greifen und Bekannte, Verwandte und Freunde nach dem Befinden fragen, können wir dazu beitragen, dass Menschen in Not rechtzeitig die nötige Unterstützung erhalten.»


Salome Schaerer vom Feministischen Streikkollektiv Zürich und SP-Gemeinderätin in Uster

«Auf allen politischen Ebenen hat man die Gefahr einer Zunahme häuslicher Gewalt durch die Isolationsmassnahmen erkannt. Es wurde aussergewöhnlich schnell gehandelt. Ich vermute, dass durch die enorme Präsenz aller Themen, die letztes Jahr durch den Frauenstreik erhöhte Aufmerksamkeit erhielten, sehr viele Menschen auch für das Thema häusliche Gewalt sensibilisiert wurden.

Insgesamt müsste trotzdem viel mehr passieren. Von benötigten 800 Unterkunftsplätzen bestehen in der Schweiz etwa 300. Ich hoffe, dass die Massnahmen, die heute getroffen werden, und Öffentlichkeitskampagnen, die jetzt eine grosse Verbreitung erfahren – da nun die Mittel dafür freigesetzt wurden –, langfristig nicht nur eine symbolische Wirkung haben werden.

Ich wünsche mir zudem, dass die Vergrösserung der Hilfsangebote nicht nur kurzfristig aufrechterhalten wird und, dass die Gesellschaft breit sensibilisiert wird. So können wir erreichen, dass einerseits Betroffene von Gewalt sich getrauen Hilfe zu holen und andererseits immer mehr Menschen diese Gewalt zu verhindern wissen.

Meine Handlungsmöglichkeiten begrenzen sich politisch auf die Gemeinde Uster. Deshalb habe ich mich in einer dringlichen Anfrage an den Stadtrat von Uster gewandt, mit dem Ziel für die Problematik zu sensibilisieren und darauf hinzuweisen, dass die Stadt Uster Institutionen, wie das Frauenhaus Zürcher-Oberland direkt unterstützen kann, sollte das nötig werden.

Just an dem Tag, an dem meine dringliche Anfrage an den Stadtrat von Uster gelangte, hat der Kanton Zürich die Frauenhäuser aufgefordert, Unterkunftsplätze hinzuzumieten und zusätzliches Personal einzustellen. Die zusätzlich entstehenden Kosten werden vom Kanton übernommen.

Frauenhäuser finanzieren sich zum grössten Teil aus Spenden, weil die Beträge aus der Opferhilfe nicht ausreichen, um betroffenen Frauen genügend Beratung und Schutz bieten zu können. Jede Gemeinde könnte sich freiwillig dafür verpflichten, einen substantiellen Beitrag an diese Organisationen zu leisten.

Warum? Weil die Arbeit, die Frauenhäuser leisten, die gesamte Gesellschaft etwas angeht und von allen getragen werden sollte. Und: Die Gründe, wieso es Frauenhäuser braucht, sind ebenfalls in der gesamten Gesellschaft zu suchen. Nur ein ganzheitliches Umdenken im Bereich der Rollenverständnisse zwischen Männern und Frauen könnte dazu führen, dass Frauenhäuser nicht mehr nötig wären.

Ich setze mich weiterhin auch im Rahmen des Feministischen Streikkollektivs Zürich für diverse Anliegen ein. Gerade jetzt wird ja überdeutlich sichtbar, welche Berufe systemrelevant sind und, dass diese überdurchschnittlich von Frauen ausgeführt werden. Nebst kleineren Kampagnen gegen Gewalt an Frauen und Femiziden, setzen wir uns als Kollektiv dafür ein, dass diese sogenannten ‹Frauenberufe› endlich aufgewertet und besser entlöhnt werden.

Es lässt sich nicht länger rechtfertigen, dass Menschen in sogenannt systemrelevanten Berufen – Pflegekräfte, Betreuungspersonen, Detailhandelsangestellte, Reinigungskräfte und weitere – mit Jahreseinkommen auskommen müssen, die für andere einen halben Monatslohn bedeuten. Eine Aufwertung braucht es aber nicht nur beim Lohn, sondern bei der generellen Wertschätzung der betreffenden Arbeit durch die Gesamtgesellschaft.»


Flavia Wasserfallen SP-Nationalrätin und Präsidentin vom Fachverband Mütter- und Väterberatung

«Das Thema häusliche Gewalt beschäftigt mich als Politikerin und auch als Präsidentin des Fachverbands Mütter- und Väterberatung seit längerer Zeit. Es ist ein Thema, das oft tabuisiert oder verdrängt wird. Dabei wird jede zweite Woche eine Frau in der Schweiz von ihrem Partner getötet, und Kinder erfahren Gewalt und Misshandlung am häufigsten im eigenen Zuhause.

Gerade in Krisen wie der aktuellen wird dieses versteckte Problem sogar noch grösser. Jetzt, wo viele Familien ständig zusammen sind, Existenzängste bestehen, Unsicherheit herrscht und sozialer Austausch und Ausgleich fehlen, steigen die Risikofaktoren für häusliche Gewalt. Dies haben Statistiken aus China gezeigt.

Ich fordere die Behörden auf, die Bevölkerung nicht nur betreffend Hygiene-Massnahmen, Umgangsmassnahmen oder wirtschaftliche Unterstützung zu informieren, sondern auch die psychosoziale Belastung für viele Menschen zu thematisieren.

Es braucht gerade in dieser Zeit von allen Behörden – etwa der Polizei, Beratungsfachstellen und Gleichstellungsbüros – eine stärkere Koordination untereinander sowie eine noch viel präsentere Information der Bevölkerung darüber, wo bei Problemen Hilfe geholt werden kann.

Die Istanbul-Konvention, welche die Schweiz ratifiziert hat und Gewalt an Frauen bekämpfen will, fordert zum Beispiel eine schweizweite Hotline, welche vielsprachig und auf verschiedenen Kanälen funktioniert. Auch ist es wichtig, dass Nachbarn die Polizei rufen, wenn sie häusliche Gewalt beobachten oder vermuten.

Langfristig braucht es nebst dem Aufbau dieser Gewalt-Hotline mehr Plätze in Frauenhäusern und mehr Plätze für gewaltbetroffene Mädchen. Es gibt im Moment nur sieben Plätze in Zürich.

Und vor allem braucht es mehr Anschlussplätze für Frauen und Kinder, die nach der Notaufnahme in Frauenhäusern eine weiterführende Lösung brauchen, die es heute oft nicht gibt, weshalb nicht wenige am Ende wieder in ihrem alten gewaltbelasteten Umfeld landen.

Eine weitere Möglichkeit sehe ich darin, dass Lehrpersonen oder andere Betreuungspersonen, ihren Fokus nicht nur auf die Lernstoff-Vermittlung via E-Mail über die Eltern richten, sondern Formen finden, wie sie direkt mit jedem Kind via Telefon oder Skype in Kontakt treten und so ihre wichtige soziale Kontrollfunktion wahrnehmen können, die ohne täglichen Unterricht fehlt.

Wenn gewalttätige Eltern wissen, dass das Kind am nächsten Tag nicht zur Schule muss, könnten sie es unter Umständen noch schlimmer misshandeln.

Zudem: Menschen, die heute auf der Flucht in die Schweiz Opfer von Gewalttaten werden, haben keinen Anspruch auf Opferhilfe in der Schweiz.

Das ist ein Problem und lässt viele traumatisierte, geflüchtete Erwachsene oder Kinder mit ihrem Leiden alleine. Wenn wir diese Lücke schliessen und entsprechende Angebote aufbauen könnten, könnte viel Leid aufgefangen und spätere Folgeschäden gemildert werden.

Schliesslich engagiere ich mich sehr stark für die Revision des Sexualstrafrechts. Nach heutigem Sexualstrafrecht liegt keine Vergewaltigung vor, wenn jemand ungewollten Sex passiv über sich ergehen lässt. Vielmehr muss ich mich aktiv wehren, schreien, die Person schlagen oder kratzen, wenn ich keinen Sex will, sonst wird stillschweigende Zustimmung vermutet.

Wenn also eine Frau beim Sex ‹Nein› oder ‹Stopp› sagt, sich aber nicht aktiv wehrt, liegt keine Vergewaltigung vor. Das Strafrecht ist hier stark veraltet und nicht der gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit angepasst, dass Nein auch Nein heisst und Sex immer einvernehmlich sein muss.»


Serie zum Thema häusliche Gewalt

Häusliche Gewalt ist in der Schweiz weit verbreitet. 2018 wurden laut Schweizerischer Kriminalstatistik rund 18'500 Straftaten gezählt. 2019 stieg die Zahl um acht Prozent auf 19'500 Straftaten. Die Dunkelziffer ist hoch. In Zeiten des Coronavirus verschärft sich das Problem, weil man sein Haus nicht mehr verlassen sollte, die Schulen und Kindergärten geschlossen sind sowie Homeoffice zu intensiverem Zusammenleben führt. «Bluewin» beleuchtet das Thema häusliche Gewalt diese Woche in einer Serie.

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