Die blutige Rache der IS-Kämpfer

von Bram Janssen, AP/uri

14.5.2019

Unter Tränen berichtet Hussein Abd über das Schicksal seiner drei getöteten Söhne.
Bild: Felipe Dana/AP/dpa

Auch nach dem propagierten Sieg über den IS im Irak verbreiten die Extremisten Terror: Nachts kommen sie aus ihren Verstecken und nehmen blutige Rache an der Bevölkerung.

Vor eineinhalb Jahren erklärte der Irak den Sieg über den «Islamischen Staat». In ihrem einstigen sogenannten Kalifat verbreiten die Extremisten aber weiter Angst und Schrecken und nehmen Rache an Menschen, die sich gegen den IS gestellt haben.

Es war ein kühler Abend im Januar. Chadidscha Abd und ihre Familie waren eben mit dem Abendessen fertig, als zwei Männer mit Gewehren ins Zimmer stürmten. Der eine trug eine Uniform des irakischen Heeres, der andere war in Zivil. Sie gaben sich als Armeeangehörige aus, tatsächlich kamen sie vom IS. Ihre Mission in Badusch: Rache.



Sie wollten nur ein paar Fragen stellen, sagten die Eindringlinge. Chadidscha war sofort misstrauisch. Wenn die beiden wirklich zur 20. Division gehörten, wie sie sagten, dann hätte ihr Mann Inad Hussein Abd sie kennen müssen. Denn schliesslich arbeiteten er und seine Brüder Abdulmuhsin und Mohammed als Informanten den Truppen zu.

Genau dafür lieferten die Extremisten des «Islamischen Staates» jetzt die Rechnung. Sie zogen Inad und seine Brüder in den Hof, wo noch ein Dutzend weitere bewaffnete Kämpfer warteten, schossen ihnen Kugeln in den Körper und liessen sie in Lachen von Blut liegen.

Sie entführen, überfallen, töten

Vor eineinhalb Jahren hat der Irak den Sieg über die Terrororganisation IS erklärt, die einst Teile des Landes und Syriens in ihr sogenanntes Kalifat verwandelt hatte. Doch die versprengten Kämpfer verbreiten noch immer Angst und Schrecken – wie in der nordirakischen Ortschaft Badusch bei Mossul. Aus ihren Verstecken in den Bergen kommen sie in der Nacht in die Orte, entführen, überfallen, töten.

Damit wollen sie die Menschen einschüchtern und strafen, Informanten zum Schweigen bringen und auch Geld eintreiben, um ihren Kampf zu finanzieren. In Videos brüsten sich die Extremisten mit ihren Angriffen auf «Abtrünnige» und Spione.



Auf rund 5'000 bis 7'000 werden die Kämpfer im Irak noch geschätzt, wie es aus Geheimdienstkreisen heisst. Obwohl das einst vom sogenannten Kalifat gehaltene Territorium befreit sei, machten die IS-Kämpfer deutlich, dass sie sich nicht geschlagen geben wollten und ein Comeback anstrebten, erklärt Generalmajor Chad Franks von der US-geführten Militärkoalition.

Es ist ein weitgehend versteckter, aber gnadenloser Krieg zwischen den Extremisten und den Sicherheitskräften. Diese bauen derweil auf Geheimdienstinformationen, Razzien und Durchsuchungen, um auch die weiter vorhandenen Schläferzellen in den Orten aufzuspüren.

Selbst durch Familien geht ein Riss

Auf der Suche nach untergetauchten Islamisten klopfen Soldaten in den Orten des früheren Kalifats nachts an Türen, durchsuchen Häuser und nehmen Verdächtige zur Befragung mit. Zimperlich sind sie nicht. Eigentlich gilt jeder als potenzieller IS-Kollaborateur oder -Sympathisant. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat den Behörden Folter vorgeworfen, um Geständnisse zu erpressen – was das Innenministerium zurückgewiesen hat.

Die juristische Aufarbeitung geschieht im Schnellverfahren. Häftlinge werden zu Tausenden durch Prozesse gebracht, die Kritiker als Scheinverfahren anprangern. Die Schuldsprüche basieren meist auf nicht viel mehr als Geständnissen und den Aussagen von Informanten.

Badusch am Ufer des Tigris gehörte zu den Hochburgen des IS bei seinem Vormarsch über weite Teile des Nordiraks. Nach Einschätzungen aus Sicherheitskreisen waren etwa zwei Drittel der Einwohner – deren Zahl sich vor dem Krieg auf rund 25'000 belief – zumindest zeitweilig Mitglieder oder Anhänger der Terrormiliz.



Wer nicht mitmachte und unter dem IS litt, sogar Angehörige verlor, weiss oft von Nachbarn, die sich den Extremisten anschlossen. Und der Verdacht, dass vielleicht noch immer Unterstützer nebenan wohnen, bleibt. Das Misstrauen sitzt tief. Selbst durch Familien geht der Riss.

«Es ist sehr kompliziert»

«Die Leute in der Stadt sind sehr kooperativ», sagt der Geheimdienstoffizier Mohammed Fausi über die Suche nach IS-Überresten. Es dürfe aber nicht vergessen werden, dass Anhänger und Opfer des «Islamischen Staates» unter einem Dach lebten. «Es ist sehr kompliziert.»

Bei ihrer Suche nach Unterstützern der Terrorgruppe verfolgten die Streitkräfte nun auch die Spuren von Familien, in denen es IS-Mitglieder gab, erklärt Chalid Abdullah Baidar al-Dschaburi von der 20. Division. Der Gruppe, der Inad Hussein Abd und seine Brüder Informationen zulieferten, für die sie mit dem Leben bezahlten.

Das Grauen des IS-Überfalls sucht die Witwe Chadidscha in ihren Träumen heim. Wie ihre Töchter verzweifelt «Papa! Papa!» schrien, als sie die Leiche sahen. Wie eine versuchte, eine Kugel aus der Wange des Vaters zu ziehen und es nicht schaffte. Der Sohn hat derweil so grosse Angst, dass er sein Zimmer nicht mehr verlassen will.

Die Kinder glaubten allerdings, Soldaten hätten den Vater umgebracht, sagt Chadidscha. Der fiese Krieg ist ihnen nicht zu erklären. «Sie verstehen nichts, was hier passiert.»

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