Die Chinesen verfolgen den langen Marsch der USA mit Häme – oder gar nicht

tsha

6.11.2020

Die langwierige Stimmenauszählung in den USA – hier Proteste in Philadelphia – ist auch in China ein Thema.
Bild: Keystone

Trump oder Biden? Während sich Peking vornehm zurückhält, machen sich chinesische Internetnutzer lustig über die «Zerstörung der amerikanischen Demokratie».

War da was? Wer am heutigen Freitag die «People's Daily» in die Hand nahm, die grösste Tageszeitung Chinas, der las, wie so oft in den letzten Monaten, vor allem einen Namen: Xi Jinping. In sechs von sechs Artikeln, die auf der Titelseite abgedruckt sind, wird der chinesische Staatspräsident erwähnt. Mal geht es darum, dass in den nächsten fünf Jahren die Gesundheit des chinesischen Volkes gestärkt werden solle, dann wieder um die Eröffnung einer Import-Export-Messe. Die Wahlen in den USA, die im Westen seit Tagen das Mediengeschehen bestimmen: In China sind sie eine Randnotiz.

Die «People's Daily» ist das offizielle Blatt der Kommunistischen Partei, und es ist nicht so, dass die chinesische Politik nicht ganz genau beobachten würde, was sich da auf der anderen Seite des Pazifik abspielt. Trump oder Biden – für Peking macht das durchaus einen Unterschied. Nicht, weil ein Präsident Biden im Handelskonflikt mit China auf einmal die Samthandschuhe anziehen würde, im Gegenteil: Biden würde den Konflikt, den manch Beobachter längst als neuen «Kalten Krieg» bezeichnet, wohl weiter anheizen.



Schliesslich ist auch ihm daran gelegen, Jobs in den USA zu halten. Und wie Trump hat auch Biden China immer wieder unfaire Subventionen, den Diebstahl geistigen Eigentums und Cyber-Angriffe vorgeworfen. Mit Biden im Weissen Haus hätte man allerdings immerhin einen etwas berechenbareren Ansprechpartner und noch dazu einen, der auf Kooperation setzt statt auf Konfrontation und auf Dialog statt auf Twitter-Gepolter – auch wenn selbst Biden neulich das Wort «Ganove» in den Mund nahm, als er über Xi sprach.

Auffällig unauffällig

Das offizielle China verhielt sich den in den vergangene Tagen auffällig unauffällig. Staatschef Xi hat sich bislang nicht öffentlich zur Wahl geäussert, lediglich Le Yucheng, stellvertretender Aussenminister der Volksrepublik, liess sich zu einem vorsichtigen Statement hinreissen. «China und die USA habe ihre Differenzen, aber wir haben auch weitreichende gemeinsame Interessen und Raum für Zusammenarbeit», sagte er diplomatisch. Er hoffe, dass die Auszählung der Stimmen reibungslos vonstatten gehe. Ein bisschen Schadenfreude darüber, wie sich die nach eigenem Selbstverständnis grossartigste Demokratie der Welt derzeit blamiert, schwang wohl auch mit in Les knapper Äusserung.

Überraschend zurückhaltend gibt sich die chinesische Propagandamaschinerie, die sonst um keine Gehässigkeit verlegen ist. Als es im Juni nach dem Tod des Schwarzen George Floyd zu Ausschreitungen in Teilen der USA gekommen war, lief der Propaganda-Apparat auf Hochtouren. Der Tenor damals: Wie kann der Westen es wagen, sich über angebliche Polizeigewalt in Hongkong zu echauffieren, wenn in den USA Polizisten unschuldige Menschen töten, am helllichten Tage, auf offener Strasse, aus blankem Rassismus? Klarer Fall von Doppelmoral, tönte es aus China.



Man sollte also meinen, die tagelange Verzögerung bei der Auszählung der Wählerstimmen sei ein gefundenes Fressen für Peking: Schaut her, so sieht sie wirklich aus, die Demokratie! Unsicherheit, Chaos, verlauerte Wahlzettel! Und dann noch ein Amtsinhaber, der sich selbst verfrüht zum Sieger erklärt. Doch solche Stimmen sind selten momentan. China habe keine Haltung zur US-Wahl, sagte am Mittwoch Wang Wenbin, ein Sprecher des chinesischen Aussenministeriums. Es handele sich um eine «innere Angelegenheit» der USA.

Wenig Interesse an der Wahl

«Im Grunde betrifft mich die Wahl nicht»: So wie die Ingenieurstudentin Liu Xiangxiang denken viele Chinesen. Die junge Frau aus der ostchinesischen Millionenstadt Tianjin sagt zwar, sie hoffe auf einen Sieg Bidens. «Wirklich wichtig ist mir das aber nicht», erzählt sie «blue News». Obwohl sie zwei Jahre in den USA studiert habe, könne sie sich heute nicht mehr vorstellen, für längere Zeit in dem Land zu leben. Sie mache sich nicht nur wegen der Corona-Pandemie Sorgen, sondern auch wegen der Sicherheitslage im Land und der Unzufriedenheit der Amerikaner mit ihrer Führung.

In den chinesischen sozialen Medien ist die Wahl zwar ein grosses Thema in diesen Tagen – vor allem aber ist sie Stoff für Memes und böse Witze. «Der grösste Teil des Internets macht sich über Trump lustig», sagt Liu.

Der amtierende US-Präsident wird auf Weibo, dem chinesischen Twitter-Pendant, meist nur «Chuan Jianguo» genannt. «Chuan» bedeutet eigentlich «Fluss», klingt aber für chinesische Ohren ein bisschen so wie «Trump». Und «Jianguo», das ist eigentlich ein patriotischer Vorname, der unter Mao äusserst populär war und so viel bedeutet wie «derjenige, der das Land aufbaut». Und genau das macht Trump aus Sicht der Weibo-Gemeinde auch. Allerdings nicht das eigene. Vielmehr sorge Trump mit seiner erratischen Politik dafür, dass China immer stärker werde. Er hoffe, schreibt ein Weibo-Nutzer, Trump gewinne die Wahl und führe die USA weiter bergab. Und ein anderer meint, Trumps wahre Absichten erkannt zu haben: «Seine letzte Mission ist es, die amerikanische Demokratie zu zerstören.»

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