Ehemaliger US-General

«Die Ukraine befreit die Krim bis Ende August»

Von Andreas Fischer

17.1.2023

Rauch steigt über einem Munitionslager der russischen Armee auf der Krim auf: Seit Monaten attackiert die Ukraine logistische und militärische Ziele der Besatzer.
Rauch steigt über einem Munitionslager der russischen Armee auf der Krim auf: Seit Monaten attackiert die Ukraine logistische und militärische Ziele der Besatzer.
Uncredited/AP/dpa

Die letzte Schlacht des Krieges gegen die Ukraine wird womöglich um die Krim geschlagen. Experten sind sich sicher, dass die Ukraine die Halbinsel von den russischen Besatzern befreien kann. Aber zu einem hohen Preis.

Von Andreas Fischer

17.1.2023

Dass die Krim eine entscheidende Rolle im Krieg Russlands gegen die Ukraine spielen wird, darin sind sich die meisten Fachleute einig. Kiew nimmt immer wieder logistische und militärische Ziele der 2014 völkerrechtswidrig von Russland annektierten Halbinsel ins Visier.

Die Rückgewinnung der Krim ist eins der erklärten Ziele der Ukrainer: Allerdings ist die Halbinsel für Moskau strategisch und symbolisch so wichtig, dass bei einem ukrainischen Angriff eine weitere Eskalation des Krieges zu befürchten sei.

Fakt ist aber auch: Zwischen der Krim und Russland besteht keine natürliche Landverbindung. Die Halbinsel ist geografisch ein ins Meer ragender Zipfel des ukrainischen Festlandes. Schon allein deshalb sind Wirtschaft, Handel und Versorgung seit jeher eng mit der Ukraine verknüpft.

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Weil die Ukraine die Verbindung auf dem Landweg nach der Annexion gekappt hat, liess Wladimir Putin eilig die Krim-Brücke über die Strasse von Kertsch bauen. Dass sie Anfang Oktober 2022 Ziel eines Angriffs und bei einer Explosion beschädigt wurde, und dass Russland mit massiver Vergeltung antwortete, unterstreicht ihren hohen logistischen Wert.

Befreiung der Krim möglich, aber nicht einfach

Seit Monaten betont Präsident Wolodymyr Selenskyj, dass die Ukraine die Krim befreien werde. «Der Krieg begann mit der Krim und wird mit der Krim enden», sagte er im vergangenen August und wiederholte im Dezember: «Das ist unsere Region Luhansk, das ist unser Süden der Ukraine, das ist unsere Krim. Die Ukraine wird dem Feind nichts Eigenes überlassen.» Verstärkte Drohnenangriffe auf militärische Ziele auf der Krim zeigen, dass er es ernst meint.

Dass die Ukraine ihr Kriegsziel erreichen kann, davon ist der ehemalige US-General Ben Hodges überzeugt. «Die Ukraine befreit die Krim bis Ende August», twitterte er Anfang Januar. Das sei indes eine «sehr optimistische» Ansage, schätzt Matthew Schmidt, Direktor für internationale Angelegenheiten an der Universität von New Haven, gegenüber «Newsweek» ein.

Allerdings räumt Schmidt dem ukrainischen Militär durchaus eine Chance ein, die Krim einzunehmen. Voraussetzung dafür sei, dass die Ukraine nicht nur weiterhin mit Militärgerät aus dem Westen unterstützt werde, sondern dass die Nato-Staaten auch offensive Waffen liefern. In der aktuellen Panzerdiskussion könnte die angekündigte Lieferung von Challenger 2 Panzern aus Grossbritannien der Türöffner dafür sein.

Mehr Offensivwaffen aus dem Westen nötig

Waffen allein reichen laut Schmidt allerdings nicht aus. Die ukrainischen Soldaten müssten auch lernen, mit verbundenen Waffensystem zu manövrieren. «Sie wären in der Lage, sich zu bewegen und gleichzeitig präzise zu feuern. Sie hätten ein besseres Situationsbewusstsein mit westlichen Informationen und eine bessere Moral.» Derzeit machen die USA in einem ersten gross angelegten Ausbildungsprogramm in moderner Kriegsführung Hunderte ukrainische Soldaten auf dem Truppenübungsplatz im deutschen Grafenwöhr fit für den Krieg gegen die russischen Invasoren.

Auch der ehemalige Nato-General Hans-Lothar Domröse, sieht den Schlüssel für eine erfolgreiche Rückeroberung der Krim in «einer erheblich massierten Lieferung von mehr Hightech, von Drohnen, Artillerie und besseren Panzern», wie er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagte. Unter anderem sei wichtig, dass die USA die Reichweitenbeschränkung der Himars-Raketenwerfer aufgeben und Munition liefern, mit der Ziele in 300 Kilometern Entfernung getroffen werden können.

Der letzte Kampf wird brutal

Der Kampf um die Rückeroberung werden auf jeden Fall äusserst brutal, sagt Matthew Schmidt. Wegen der erwarteten Verluste und des Risikos eines Scheiterns sollte der Kampf um die Krim aber die letzte Schlacht des Krieges sein. Darauf scheint sich Russland bereits vorzubereiten und hat die Verteidigung an der Landbrücke zur Krim massiv ausgebaut, wie das Washingtoner Institute for the Studies of War in einem Lagebericht schrieb.

Zudem besteht das Problem der russisch besetzten Landverbindung von der Krim zum Donbass, wie Andreas Umland vom Stockholm Centre For Eastern European Studies auf Twitter erläuterte. Dem Sicherheitsexperten erscheint es einfacher, «die Krim von Versorgungswegen zu isolieren und quasi einzukreisen. Dann wird es womöglich zu einer Verhandlungslösung für die Rückführung der Krim kommen.»

Selenskyj scheint dieser Lösung nicht grundlegend abgeneigt zu sein. «Wenn uns jemand einen Weg aufzeigt, wie die Besetzung der Krim mit nicht-militärischen Mitteln beendet werden kann, dann werde ich sehr dafür sein», hatte der ukrainische Präsident der «Financial Times» vor einigen Wochen gesagt. Wenn ein Vorschlag aber bedeute, dass die Krim besetzt und Teil Russlands bleibe, «sollte niemand darauf seine Zeit verschwenden».

Im August 2022 kam es in einem Munitionsdepot im russischen Luftwaffenstützpunkt bei Nowofedoriwk auf der Krim zu Explosionen. Einige Beobachter vermuteten, dass die Ukraine dahinter steckt. Moskau dementierte und erklärte, dass es sich um einen Unfall gehandelt habe. 
Im August 2022 kam es in einem Munitionsdepot im russischen Luftwaffenstützpunkt bei Nowofedoriwk auf der Krim zu Explosionen. Einige Beobachter vermuteten, dass die Ukraine dahinter steckt. Moskau dementierte und erklärte, dass es sich um einen Unfall gehandelt habe. 
Archivbild: Keystone