Einsam im Nordatlantik – und einsame Spitze bei den Corona-Zahlen

SDA/aka

23.2.2021 - 08:19

A man stops on his way to the top of what once was the Okjokull glacier, in Iceland, Sunday, Aug. 18, 2019. With poetry, moments of silence and political speeches about the urgent need to fight climate change, Icelandic officials, activists and others bade goodbye to the first Icelandic glacier to disappear. (AP Photo/Felipe Dana)
Ein Wanderer auf dem Okjokull Gletscher in Island.
Bild: KEYSTONE

Island ist Europas Antwort auf Neuseeland, und das gilt seit Kurzem nicht nur wegen seiner grünen Landschaften und Naturwunder. Wie die Neuseeländer auf der anderen Erdseite haben auch die Isländer die Coronavirus-Pandemie so gut in den Griff bekommen wie nur wenige andere Länder.

«Unser Kampf gegen die Pandemie ist besser gelaufen als wir vielleicht erwartet haben», sagte Islands Ministerpräsidentin Katrín Jakobsdóttir der Deutschen Presse-Agentur. Der isländische Weg mit umfassenden Corona-Tests und Testergebnissen innerhalb weniger Stunden, einer konsequenten Kontaktverfolgung sowie strengen Quarantäne- und Isolationsregeln habe womöglich bessere Resultate gezeigt als die strikten Massnahmen anderer Länder.

«Das ist der Schlüssel zu unserem Erfolg: der einfache Zugang zu Tests für die Menschen, die Verfolgung von Infektionen und der wissenschaftliche Ansatz», sagt die Regierungschefin.

Diese Strategie schlägt sich in äusserst niedrigen Neuinfektionszahlen nieder. Nach einem Höchststand Mitte Oktober sind die Werte rapide gesunken. Abgesehen von einigen wenigen positiven Tests bei Reisenden nach ihrer Ankunft hatte Island zuletzt gleich sechs Tage am Stück ohne inländischen Corona-Fall erlebt.

Islands Todesfälle in den ersten Februarwochen: null

Mit gerade einmal 6,59 Neuinfektionen pro 100'000 Einwohner in den ersten beiden Februar-Wochen sucht Island bei den Vergleichszahlen der EU-Gesundheitsbehörde ECDC seinesgleichen. Selbst die anderen Nordeuropäer Norwegen (66), Finnland (88) und Dänemark (100) – hinter Island die Staaten mit den derzeit niedrigsten Zahlen im Europäischen Wirtschaftsraum – liegen um ein Vielfaches höher. Islands Todesfälle in Verbindung mit einer Corona-Infektion in dem Zeitraum: null.

Nun kann man anführen, dass Island mit seiner isolierten Lage im Nordatlantik einen klaren Vorteil hat und sich nur bedingt mit grösseren Ländern vergleichen lässt – schliesslich hat die Insel nur 360'000 Einwohner und damit etwa so viele wie Bochum oder Wuppertal. Der Erfolg begründet sich aber nicht bloss in der Lage und Grösse des Landes, sondern auch im strikten Vorgehen, Tests, Kontaktverfolgung und einem hohen Grad an Vertrauen der Bevölkerung in ihre Experten.

Selbstredend sind die Grenzkontrollen für Island deutlich einfacher als für andere: Deutschland grenzt an neun Länder und hat mehrere internationale Flughäfen, Island erreicht man fast ausschliesslich über den Flughafen Keflavik bei Reykjavik. Wer einreist, muss seit Freitag einen negativen, maximal 72 Stunden alten PCR-Test vorlegen. Hinzu kommen ein Corona-Test bei der Ankunft, fünf bis sechs Tage Quarantäne und ein weiterer Test im Anschluss an die Quarantänezeit.

Die Quarantäne ist ohnehin ein wichtiger Baustein der isländischen Corona-Strategie: Ausnahmslos jeder, der mit einem Infizierten Kontakt hatte, muss sie über sich ergehen lassen. Zum Vergleich: Bislang sind etwa 6000 Menschen auf Island positiv auf das Coronavirus getestet worden – aber knapp 46'000 waren vorübergehend in Quarantäne.

Beizen und Fitnesscenter wieder offen

Und dann wäre da noch das Vertrauen in die Experten. Chefepidemiologe Thórólfur Gudnason, Zivilschutz-Leiter Vidir Reynisson und Gesundheitsdirektorin Alma Möller werden gerne als «Dreifaltigkeit» bezeichnet – und trotz der strikten Beschränkungen des öffentlichen Lebens haben die meisten Isländer ihre Vorgaben befolgt.

Dafür wurden sie mit gewissen Lockerungen belohnt: Beizen durften in diesem Monat wieder öffnen, das Training im Fitnessstudio ist wieder erlaubt. Die maximale Besucherzahl in Kinos, Theatern, Museen sowie auf Konzerten und religiösen Veranstaltungen wurde von 100 auf 150 angehoben.

Epidemiologe Gudnason betont trotz der guten Lage, dass eine weitere Lockerung langsam und behutsam vor sich gehen müsse. «Ich glaube nicht, dass das Virus in Island verschwunden ist. Ich mache mir Sorgen, dass es sich irgendwo verstecken könnte», sagte er am Donnerstag auf einer Pressekonferenz. Wie die weiteren Lockerungen aussehen werden, liess er zunächst offen. Nur so viel: «Das Letzte, was ich empfehlen werde, ist, dass die Leute ihre Maske abnehmen.»

Einbruch im Tourismus

Die Einreisebestimmungen sind derweil ein Mittel, damit Island einen für die Tourismusbranche wichtigen Spagat schafft: Touristen wieder ins Land zu lassen, neue Infektionstreiber aber nicht. Ein Schritt in diese Richtung ist bereits, dass sich Reisende von Test und Quarantäne befreien können, wenn sie eine überstandene Corona-Infektion oder auch eine Impfung gegen Covid-19 nachweisen können.

Der für Island so wichtige Tourismussektor hatte 2020 einen drastischen Einbruch erlebt: Die Zahl ausländischer Urlauber sank um 76 Prozent auf unter 500'000. Ob es 2021 wieder aufwärts geht? «Auf lange Sicht bin ich optimistisch. Wir erwarten eine gewisse Anzahl an Touristen, aber wir wissen nicht, ob das passieren wird», sagt Regierungschefin Jakobsdóttir. Letztlich komme es darauf an, wie schnell die Impfungen in Island und auch in anderen Ländern vorankämen.

«Je sicherer, desto besser»

Ab dem 1. Mai ist nun ein neues Einreisesystem geplant, das Reisende aus Ländern mit geringerem Infektionsrisiko von der Quarantäne befreien könnte. Dass es für den Island-Tourismus nicht von jetzt auf gleich uneingeschränkt weitergehen kann, dafür hat die Branche Verständnis. «Es geht nicht um ‹je früher, desto besser›», sagt die Leiterin der staatlichen Tourismusbehörde Visit Iceland, Sigrídur Dögg Gudmundsdóttir. «Sondern um ‹je sicherer, desto besser›.»

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