Abgeschieden Das sind die letzten coronafreien Zonen der Welt

dpa

18.4.2020

Die Pazifikinsel Nauru hat noch keine Coronavirus-Fälle – und wehrt sich mit grossem Aufwand gegen die Einschleppung.
Die Pazifikinsel Nauru hat noch keine Coronavirus-Fälle – und wehrt sich mit grossem Aufwand gegen die Einschleppung.
Bild: Keystone

Rund 200 Länder gibt es auf der Welt, und das Coronavirus hat sich in nur drei Monaten in rund 180 davon ausgebreitet. Trotzdem gibt noch immer ein paar wenige, die dem Krankheitserreger getrotzt haben.

In der Schweiz haben wir uns das mühsam abgewöhnt – doch es gibt Orte auf der Welt, an denen man sich zur Begrüssung immer noch die Hände schütteln oder sich sogar Küsschen geben kann. Wo Kinder noch in die Schule und auf Spielplätze dürfen und man abends das Restaurant oder die Bar besucht. s gibt noch Orte, wo vieles noch so ist, wie es vor der Coronakrise war.

Einer dieser Orte heisst Nauru. Die Insel liegt mitten im Pazifik, ganz in der Nähe des Äquators und ist der drittkleinste Staat der Welt. Nur der Vatikan und Monaco sind noch kleiner. Knapp 13'000 Menschen leben hier auf 21 Quadratkilometern Fläche. Bis zur nächstgelegenen Insel des Nachbarlands Kiribati sind es schon 292 Kilometer, bis zum australischen Kontinent fast 3'000 Kilometer.

Abgeschiedenheit schützt vor dem «Feind»

Diese geografische Isolation ist in diesen Tagen ein Segen für Nauru. So weit raus auf den Ozean hat es das Virus noch nicht geschafft. Nauru gilt als coronafreie Zone. Und die Regierung tut alles dafür, dass das auch so bleibt. Wenn Präsident Lionel Aingimea darüber redet, klingt es so, als würde seine Insel von einer Kriegsflotte belagert, die ihre Kanonen mit Viren geladen und auf die Küste gerichtet hat.

«Es ist ein Feind ohne Augenmass, ohne Beherrschung. Alles, was er tut, ist verschlingen. Und was er verschlingt, ist die Gesundheit eines Landes, die Wirtschaft eines Landes», sagt er in einem Video-Interview. Diese «Schlacht» könnten die Menschen in Nauru nur gemeinsam gewinnen. «Jeder muss sich an diesem Kampf beteiligen.»



Die Abwehrmassnahmen haben schon Mitte März begonnen. Nauru Airlines fliegt seitdem keine anderen Pazifikinseln mehr an. Jetzt geht nur noch alle zwei Wochen ein Flug ins australische Brisbane und zurück –früher waren es drei pro Woche. Die etwa 50 Passagiere und Besatzungsmitglieder, die mit diesen Maschinen landen, werden für 14 Tage in einem Quarantänezentrum interniert. Wer Grippe-Symptome zeigt, wird getestet. Bisher fielen alle Tests negativ aus.

Im Hafen von Nauru legen noch Frachtschiffe an, die Besatzung darf aber nicht von Bord, die Ladung wird dekontaminiert. Von der einheimischen Bevölkerung hat in den letzten vier Wochen kaum jemand die Insel verlassen. «Wir sind sehr sicher, dass wir das Coronavirus noch nicht auf unserer Insel haben», sagt der Präsident der ehemaligen deutschen Kolonie im Pazifik.

Nur wenige Staaten sind coronafrei

Der Krankheitserreger hat sich in den vergangenen drei Monaten derart rasant über den ganzen Globus verbreitet wie wohl kaum ein Virus zuvor. Am 13. Januar wurde in Thailand der erste Corona-Fall ausserhalb des Ursprungslands China bestätigt. Seitdem sind innerhalb von drei Monaten rund 180 weitere Länder hinzugekommen.

Nauru ist nach der Statistik der Johns-Hopkins-Universität in den USA einer von nur noch 15 Staaten dieser Welt, die verschont geblieben sind. Bei all diesen Ländern handelt es sich um geografisch isolierte oder politisch abgeschottete Staaten. Nicht bei allen kann man allerdings sicher sein, dass sie tatsächlich coronafrei sind.

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Von den 54 Staaten in Afrika gelten nur das Bergkönigreich Lesotho sowie die Inselgruppe der Komoren vor der Küste Mosambiks als noch nicht von Covid-19 betroffen, was auch mit fehlenden Testmöglichkeiten zusammenhängen könnte. Die Weltgesundheitsorganisation WHO weist allerdings darauf hin, dass Proben von Verdachtsfällen auch in anderen Ländern getestet werden könnten. Lesotho, das komplett von Südafrika umgeben ist, profitiere möglicherweise von der Ausgangssperre im Nachbarland und die Komoren von der Kappung der meisten Flugverbindungen.

Nordkorea, Tadschikistan und Turkmenistan

Nordkorea hatte bereits im Februar seine ohnehin nur sporadischen Verkehrsverbindungen ins Ausland gekappt und es zu einer Frage der «nationalen Existenz» erklärt, die Einschleppung des Virus zu verhindern. Ob das tatsächlich gelungen ist, wird im Ausland jedoch wegen der engen Handels- und Schmuggelverbindungen zu China bezweifelt.

In Zentralasien haben Tadschikistan und Turkmenistan noch keine Fälle gemeldet. Turkmenistan ist ähnlich abgeschottet wie Nordkorea, hat aber im Süden eine lange Grenze zum stark betroffenen Iran. Die Staatsführung gibt sich jedenfalls alle Mühe, nach aussen zu demonstrieren: Wir sind gesund. Am Weltgesundheitstag vergangene Woche fuhren Hunderte Menschen in Sportkleidung in der Landesfarbe Grün auf ihren Velos gemeinsam durch die Hauptstadt.



Die zehn anderen Länder sind allesamt Inselstaaten im Pazifik. Bei ihnen kann man wegen der jeweils sehr übersichtlichen Einwohnerzahl und der sehr strikten Einreisekontrollen relativ sicher sein, dass es das Virus dort tatsächlich noch nicht gibt. Aber kann das langfristig gutgehen?

Null-Risiko ist unrealistisch

Die australische Gesundheitsforscherin Meru Sheel von der Universität Canberra meint, dass die strikten Einreisebestimmungen das Risiko eines Virenimports auf den Pazifikinseln sehr stark verringert hätten. Aber ganz ausräumen könne man es auch mit den härtesten Massnahmen nicht. «Wir wollen optimistisch sein, aber es ist unrealistisch zu sagen, dass das Risiko bei Null ist.»

Die Inselstaaten könnten sich nicht selbst versorgen und seien auf Lieferungen aus dem Ausland angewiesen. «Sie können diese Staaten nicht abkapseln, sei es politisch, sozial oder wirtschaftlich», sagt Sheel. «Es wird immer das Risiko der Einschleusung geben, solange das Virus in irgendeinem Teil der Erde zirkuliert.»

Einzelne Inselstaaten im Pazifik hat es auch schon erwischt. Zum Beispiel Fidschi mit seinen fast 100'000 Einwohnern, wo es schon mindestens 16 Fälle gibt.

Das beobachtet auch die Regierung von Nauru sehr genau, und bereitet sich auf den möglichen Katastrophenfall vor. Das Inselhospital wurde personell bereits verstärkt und in den nächsten Tagen will Aingimea seinen Landsleute nach und nach auch die Verhaltensregeln näher bringen, die in den Corona-Staaten üblich sind: Zwei Meter Abstand, Winken statt Händeschütteln, Tragen von Schutzmasken. «Man kann wirklich nicht sagen, dass Isolation alleine die Lösung ist. Man muss einfach produktiv im Kampf gegen das Virus sein», sagt der Präsident.

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