Plötzlich auf das Händeschütteln verzichten – wie lernt man das?

Runa Reinecke

13.3.2020 - 06:55

Hygiene-Selbsttest – und wie oft fassen Sie sich ins Gesicht?

Hygiene-Selbsttest – und wie oft fassen Sie sich ins Gesicht?

Die Verbreitung des Coronavirus stellt uns auf eine harte Probe: Nie hätten wir gedacht, wie schwierig es ist, sich nicht mit der Hand ins Gesicht zu fassen. Ein Selbsttest.

15.03.2020

In die Armbeuge niesen, nicht mehr ins Gesicht fassen: Die Hygienetipps des BAG umzusetzen, fällt gar nicht so leicht. Eine Gesundheitspsychologin weiss Rat.

Plötzlich auf das Händeschütteln verzichten – das fällt sogar Bundesrat Alain Berset schwer. Social Distancing ist in aller Munde, die Finger sollte man von Selbigem aber lieber lassen, um das Risiko einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus, auch SARS-CoV-2 genannt, zu vermindern.

Wie es gelingt, sich von alten Verhaltensmustern zu verabschieden und sich die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfohlenen Hygieneregeln anzugewöhnen – das haben wir von der Gesundheitspsychologin und Expertin für Verhaltensänderung, Prof. Dr. Jennifer Inauen von der Universität Bern, erfahren.

Frau Inauen, fällt es Ihnen selbst schwer, Ihren Mitmenschen zur Begrüssung nicht die Hand zu geben?

Nicht mehr! Vor ein paar Wochen habe ich mir den Vorsatz gefasst, anderen nicht mehr die Hände zu schütteln. Jetzt hat sich das bereits automatisiert. Auch dank meines sozialen Umfelds, das diese Entscheidung unterstützt.

Wer nicht ohnehin schon reflexartig ins Nastüechli oder in die Armbeuge niest und hustet, hat unter Umständen Mühe damit, sich umzugewöhnen …

Das ist wirklich nicht ganz leicht. Es sind gleich mehrere, teilweise fest verankerte Verhaltensweisen, die wir selbst gar nicht mehr hinterfragen. Gewohnheiten, die wir, quasi von heute auf morgen, verändern sollen. Zu diesen Automatismen gehört auch das Händeschütteln.

Neue Verhaltensweisen antrainieren? «Das kann mehrere Wochen dauern», weiss Prof. Dr. Jennifer Inauen von der Universität Bern. 
Bild: zVg

Andererseits sind wir unseren Gewohnheiten nicht willenlos ausgeliefert und dazu in der Lage, unser Verhalten zu ändern. Dafür braucht es allerdings Motivation und Selbstmanagement.

Wie gelingt es, dass wir uns an neue Verhaltensweisen gewöhnen?

Man muss sich ein Ziel setzen und die Umsetzung konkret planen, sich selbst beobachten und versuchen, Handlungen bewusster auszuführen. Nutzen kann man dafür auch digitale Hilfen wie etwa eine Smartphone-App, die einen immer wieder ans Händewaschen erinnert.

Auch das soziale Umfeld kann uns unterstützen: Wir können gute Freunde oder den Partner bitten, uns aktiv darauf aufmerksam zu machen, dass wir uns mal wieder unbewusst an der Nase gekratzt haben.

Dauert es lange, bis man die neuen Verhaltensweisen – sozusagen automatisch – befolgt?

Das kann mehrere Wochen dauern. Wie sich dieser Lerneffekt beschleunigen lässt, ist Gegenstand aktueller wissenschaftlicher Untersuchungen. Wir wissen, dass uns dabei der Belohnungseffekt hilfreich sein kann. Wenn uns andere oder wir uns selbst etwas Gutes tun, nachdem wir eine neue Verhaltensweise beherzigt haben, geht es mit der Gewohnheitsentwicklung schneller voran. Entscheidend ist auch, wie oft man die neuen Verhaltensweisen wiederholt.



Händeschütteln zum Beispiel oder sich mit den Händen an Nase, Mund oder Augen fassen, weil uns etwas dort juckt – das tun wir normalerweise mehrmals pro Tag.

Funktioniert dieses «Umlernen» bei Kindern schneller?

Kinder haben sich die «falschen» Verhaltensweisen gar nicht erst angeeignet und sind gleichzeitig schneller in der Lage, sich auf eine neue Situation einzustellen. Aber auch älteren Menschen gelingt es, sich umzugewöhnen. Wir Erwachsenen müssen erst eine bestehende Gewohnheit «unterbrechen», damit wir uns danach eine neue Verhaltensweise antrainieren können.

Aus der Forschung wissen wir auch, dass man Gewohnheiten nie ganz auslöschen kann. Es ist möglich, dass einem die alte Gewohnheit immer wieder hineinfunkt, weil man gerade sehr unaufmerksam oder müde ist.



Kann man durch diese strikt befolgten Hygienemassnamen nicht auch einen Zwang entwickeln?

Möglich ist das. Allerdings sind davon nur sehr wenige Menschen betroffen. Eine Verhaltensänderung ist in Bezug auf die momentane Lage richtig – gleichzeitig ist es wichtig, in dieser besonderen Situation nicht in Angst und Panik zu verfallen. Es geht nicht darum, sich dauerhaft selbst auf die Finger zu schauen, sondern vielmehr darum, sich die neuen Verhaltensweisen so lange bewusst zu machen, bis sie zur Gewohnheit geworden sind.

Die Angst ist grundsätzlich kein guter Begleiter. Kann sie uns aber auch als Instrument zur Sensibilisierung dienen, damit wir die empfohlenen Verhaltensweisen ernst nehmen und konsequent umsetzen?

Angst ist etwas Natürliches, und in einer Krisensituation kann das auch von Nutzen sein. Welchen Schaden hingegen Panik anrichten kann, zeigte sich, als sich die breite Bevölkerung mit grossen Mengen an Atemschutzmasken und Desinfektionsmitteln eindeckte und diese Materialien jetzt dort fehlen, wo sie dringend gebraucht werden.

Die Coronavirus-Krise – eine Chronik

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