Late Night USA

«Genau, das ist das Zeichen für: ‹Ich bin keine Geisel›!»

Von Philipp Dahm

15.4.2020

In Unschuld gewaschen: Dr. Anthony Fauci erhebt die Hände.
Screenshot: YoiuTube

Im Medienzirkus von Washington jagt ein bizarres Vorkommnis die nächste. Das Verhältnis zwischen Präsident Donald Trump und Teilen der Presse ist besorgniserregend, findet der TV-Satiriker Stephen Colbert.

Wenn man es übertrieben und martialisch sagen wollte, könnte man es einen «offenen Krieg» nennen. Die täglichen Medienkonferenzen wären die Gefechte, Geplänkel oder Scharmützel – und weil es der Präsident ist, der die nationale Presse informiert, wird auf allerhöchstem Niveau gekämpft –politisch. Die Rede ist von den Breitseiten, mit denen Donald Trump einmal mehr einen Grossteil der Medien in seinem Land derzeit eindeckt.

Dass davon überhaupt eine breitere Öffentlichkeit erfährt, ist «C-Span» zu verdanken, dem «Phoenix» im US-Sender-Sortiment. Und natürlich den Late-Night-Shows, die das Gebaren genüsslich aufbereiten, aber andererseits für ein Publikum senden, das seine Meinung über den Präsidenten vor Langem gebildet hat ­– und das derlei Possen kaum noch vom Hocker zu reissen vermag.

Dem TV-Gott sei Dank sind die Presse-Predigten beider Parteien aber allemal amüsant und zuweilen anbetungswürdig. Dass mit harten Bandagen gerungen wird, zeigt sich allein schon in der Dauer der Pressekonferenzen. Zuletzt dauerte es geschlagene zwei Stunden und 24 Minuten, bis sich Trump und die Medien auseinandergesetzt hatten.

«Er kann keine Wahlkampfveranstaltungen abhalten», erklärt sich Stephen Colbert in seiner «Late Show» jene Dauer, «weil das Coronavirus das Leben seiner Anhänger bedroht – und das oberste Gebot der Politik lautet: Töte deine Anhänger nicht!» Also mache der US-Präsident nun kurzerhand in seinen Briefings Wahlkampf und schiesse scharf gegen die Medien.

Feuer unterm Dach

«Trump war wütend wegen der ganzen Artikel über seinen allseits bekannten Fehler, das Coronavirus öffentlich nicht ernst zu nehmen, die am Wochenende erschienen sind», führt Colbert aus. «Also zwang er die versammelte Presse ein Video über Corona-Erfolge anzusehen», einen Clip mit der Aussage: «Die Medien haben das Risiko von Anfang an kleingeredet, während Präsident Trump konkrete Schritte unternommen hat.»

Heim-Studio – bei Stephen Colbert zuhause.
Screenshot: YouTuve

Ging es bei diesen Briefings nicht eigentlich mal darum, eine verunsicherte Gesellschaft in einer nationalen Krise mit wertvollen Informationen zu versorgen, fragt Colbert – «aber natürlich nutzt Trump jene, um über sich selbst zu reden. Er ist wie ein Feuerwehrmann, der zu deinem brennenden Haus kommt, und statt einen Schlauch zu nehmen, sagt er: ‹Wow, dieses Inferno ist die perfekte Kulisse für eine Film darüber, dass es nicht meine Schuld ist, dass dein Haus abgebrannt ist›.»

Late Night USA – Amerika verstehen

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

Colbert wandelt einen Billy-Joel-Hit ab, singt «I didn’t start the fire …», und klatscht in die Hände. «Gibt es ein Klatschen in dem Lied?», fragt er seinen Sohn, der in seinem Heim-Studio den Kameramann spielt. «Kein Klatschen», erwidert dieser trocken. «Hab ich den Ton getroffen?» Filius John: «Du warst nah dran.» Es ist jener Charme des Spontanen und Unperfekten, der dieser Tage allen Late-Night-Shows gemein ist.

Der Kontoll-Fake-Komplex

Wenig charmant findet Donald Trump übrigens, wenn man nachhakt, warum sein Corona-Video erst im Monat März beginne: Stephen Colberts Sender-Kollegin Paula Reid bekommt für diese Frage einiges zu hören – zu sehen ab Minute 3.15. «Sie wissen, dass Sie Fake sind. Ihr ganzer Sender ist Fake – und alles, worüber Sie berichten.»

Colbert kontert: «Wissen Sie, Mister President, Sie können so viel lügen, wie Sie wollen, aber das ist erst zwei Monate her. Wir waren alle dabei und hatten etwas, was man Kameras nennt, die aufgenommen haben, als du das gesagt hast: …»

Trumps Aussagen vom Februar  holen ihn ein.
Screenshot: YouTube

Es folgt der Einspieler ab Minute 4.48 mit Trumps Aussagen vom Februar, wonach alles «unter Kontrolle» sei, das Virus im April von allein verschwände und ohnehin kein Problem darstelle. «Wir haben das nicht vergessen. Wir sind keine Goldfische», murrt Colbert.

Meuterei an der Leine

Wie bei uns ist natürlich auch in den USA ein grosses Thema, wann die gesellschaftlichen Zügel wieder gelockert werden können. In Amerika kommt aber noch die Diskussion hinzu, wer eigentlich Ross und wer Reiter ist.

Während sich die Gouverneure der Bundesstaaten absprechen wollen, wann sie den Lockdown lüften, betont Trump, das sei Sache Washingtons – also seine. Zitat in Sachen Befugnis bei Minute 7.25: «Die Autorität ist total.» New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo widerspricht Trump, der sei ja nun mal kein König – zu sehen ab Minute 8.19.

Die Aussagen stacheln Trump an, der auf Twitter zurückschlägt:

Colbert nimmt nun Fahrt auf: «Dafür, dass es einer seiner Lieblingsfilme ist, ist Trump bei ‹Meuterei auf der Bounty› nicht sehr textsicher: Für Captain Bligh läuft es nämlich nicht so gut. Er wird abgesetzt und endet in einer Nussschale, in der er zurück nach England rudert ... Gott, ich hoffe, es läuft wie bei ‹Meuterei auf der Bounty›!»

Finale Fauci

Zum Ende der Show geht Colbert noch auf einen ein, der schon an der Front zerrieben zu werden drohte – das Beinahe-Bauernopfer Anthony Fauci Seitdem Trump ihn für unvorsichtige öffentliche Aussagen fast gefeuert hätte, lässt der 80-jährige Immunologe nichts mehr anbrennen.

«Es ist erstens lächerlich, dass der Präsident eine Pressekonferenz über eine globale Pandemie missbraucht, um eine besorgte Nation einem Propagandavideo auszusetzen«, sagt Colbert und schliesst mit Blick auf die Helvetica-Schrift in Grossbuchstaben: «Und zweitens: Eure Propaganda ist mies!»
Screenshot: YouTuzbe

Bei Minute 10.25 sehen wir nochmal Reporterin Reid, die Fauci zu entlocken versucht, was der mit «Rückschlägen» zu Beginn der Corona-Krise gemeint habe. Der Arzt antwortet: «Ich habe meine Worte falsch gewählt.» Reid argwöhnisch: «Machen Sie das freiwillig, oder hat Ihnen der Präsident gesagt, dass Sie das tun sollen?»

Fauci hebt beide Händflächen. «Alles, was ich tue, ist freiwillig. Bitte, deuten Sie so etwas nicht einmal an!» Colbert nimmt grinsend ebenfalls die Hände hoch. «[Genau], das ist das internationale Zeichen für ‹Ich bin keine Geisel›! Deuten Sie nicht einmal an, ich würde mit meinen Augen im Morsecode etwas anderes blinzeln!»

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