Seniorin berichtet von Geiselhaft Hunger und Besuch vom Hamas-Chef

AP/toko

29.11.2023 - 00:00

Ruti Munder wird nach ihrer Freilassung von einem israelischen Soldaten begleitet.
Ruti Munder wird nach ihrer Freilassung von einem israelischen Soldaten begleitet.
IDF via AP/KEYSTONE

Die 78 Jahre alte Ruti Munder verbrachte fast 50 Tage und Nächte in der Gewalt der Terrorgruppe Hamas. Zunächst seien die Geiseln gut versorgt worden, aber das habe sich geändert, erzählt sie.

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29.11.2023 - 00:00

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  • Die 78 Jahre alte Ruti Munder wurde vergangenen Freitag aus der Geiselhaft der Hamas entlassen.
  • Gegenüber einem israelischen TV-Sender berichtet sie von ihrer Haft. 
  • Zwei TV-Sender berichteten, der Hamas-Führer im Gaza-Streifen, Jihia al-Sinwar, habe die Geiseln in einem Tunnel besucht und ihnen zugesichert, ihnen werde nichts passieren. Eine Quelle der Berichte wurde nicht genannt.

Die Hamas versorgte ihre aus Israel verschleppten Geiseln zunächst anscheinend gut: Es habe Poulet und Reis gegeben, dazu Tee und Süssigkeiten für die Kinder.

Dann habe sich die Versorgung aber verschlechtert und sie habe Hunger gehabt, sagt eine der Freigelassenen, die 78 Jahre alte Ruti Munder dem israelischen Fernsehsender Channel 13. Sie sei in einem stickigen Raum festgehalten worden und habe fast 50 Tage lang auf Plastikstühlen verbracht.

Munder wurde gemeinsam mit ihrer Tochter Keren und ihrem Enkel Ohad gefangen gehalten, der während der Geiselhaft neun Jahre alt wurde. Ihre Aussagen geben Einblick in die Erlebnisse der Geiseln im Gazastreifen, über die bisher nur wenig bekannt wurde.

Die Seniorin wurde während des Terrorangriffs der Hamas am 7. Oktober aus ihrem Haus in Nir Oz entführt, einem Kibbuz im Süden des Landes. Ihr Ehemann Avraham, ebenfalls 78 Jahre alt, wurde ebenfalls verschleppt und befindet sich noch immer im Gazastreifen. Ihr Sohn wurde bei dem Angriff getötet.

Munder wurde im Rahmen der Vereinbarung über eine Feuerpause mit Israel am Freitag freigelassen. Sie kehrte in guter körperlicher Verfassung zurück, wie die meisten anderen Geiseln. Eine der Freigelassenen, eine 84-Jährige, wurde jedoch in lebensbedrohlichem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert, nachdem sie in der Gefangenschaft nach Angaben von Ärzten nicht angemessen versorgt worden war. Eine andere freigelassene Geisel musste operiert werden.

Anfangs hätten sie in der Geiselhaft Hühnchen mit Reis, alle Arten von Konserven und Käse gegessen, sagte Munder Channel 13. «Wir waren okay.» Morgens und abends gab es Tee, und die Kinder bekamen Süssigkeiten. Aber der Speiseplan änderte sich, als sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert habe, erzählt Mundi. Dann hätten sie Hunger gehabt.

Auf Plastikstühlen geschlafen

Die befreiten Geiseln haben sich seit ihrer Rückkehr weitgehend von der Öffentlichkeit ferngehalten. Alle Einzelheiten über ihren Leidensweg wurden von Verwandten berichtet, die nicht viel preisgaben.

Munder bestätigte Berichte von Angehörigen anderer befreiter Gefangener und sagte, sie habe auf Plastikstühlen geschlafen. Sie habe sich mit einem Laken zugedeckt, aber nicht alle Gefangenen hätten eines gehabt. Einige Jungen schliefen auf dem Boden. Sie selbst habe lange geschlafen, damit die Zeit schneller verging. Den Raum, in dem sie festgehalten wurde, beschrieb Munder als stickig, es sei ihr aber gelungen, ein Fenster ein Stück weit aufzubrechen. «Es war sehr schwierig», erzählte sie.

Der Krieg wurde ausgelöst von einem Terrorangriff der Hamas auf Südisrael, bei dem 1200 Menschen getötet wurden. Etwa 240 Menschen wurden von der Hamas und anderen Extremistengruppen in den Gazastreifen verschleppt. Die folgende israelische Offensive kostete nach Angaben der Gesundheitsbehörden im Gazastreifen, die von der Hamas kontrolliert werden, mehr als 13'000 Palästinenser das Leben. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Besuch von Jihia al-Sinwar

Munder sagte, sie sei am 7. Oktober mit Angehörigen in einen Wagen gesetzt und nach Gaza gefahren worden. Einer der Extremisten habe eine Decke über sie ausgebreitet, die ihrer Meinung nach verhindern sollte, dass sie die Kämpfer um sie herum sehen konnten. Während ihrer Gefangenschaft erfuhr sie von einem Hamas-Mitglied, dass ihr Sohn getötet worden war, wie Channel 13 berichtete.

Dennoch gab die Seniorin die Hoffnung niemals auf. «Ich war optimistisch», sagte sie. Sie habe immer an ihre Freilassung geglaubt. Zwei TV-Sender, Channel 12 und Channel 13, berichteten, der Hamas-Führer im Gazastreifen, Jihia al-Sinwar, habe die Geiseln in einem Tunnel besucht und ihnen versichert, dass ihnen nichts passieren werde. Eine Quelle für ihre Angaben nannten die Sender nicht.

Bisher wurden vor allem Frauen und Kinder von der Hamas freigelassen. Sie wurden in israelischen Kliniken auf physische und psychische Verletzungen untersucht, bevor sie nach Hause zurückkehrten. Mirit Regev, deren 21-jährige Tochter am Sonntag freigelassen wurde, sagte dem israelischen Rundfunksender Kan, der Familie sei geraten worden, ihr Kontrolle zurückzugeben. So sollten sie sie immer um Erlaubnis fragen, bevor etwas geschehe, wenn zum Beispiel jemand den Raum verlasse. Regevs 18-jähriger Sohn wird immer noch von der Hamas gefangen gehalten.

In einem anderen Interview sagte die Tante einer 25-jährigen israelisch-russischen Geisel, die am Sonntag freigelassen wurde, ihr Neffe sei vor seinen Entführern geflohen und habe sich einige Tage lang im Gazastreifen versteckt, bevor er wieder gefangen genommen wurde. Ihr Neffe habe einen israelischen Luftangriff zur Flucht genutzt, sagte Jelena Magid dem Sender Kan. «Er hat versucht, zur Grenze zu gelangen, aber ich glaube, er hatte Schwierigkeiten, weil er nicht wusste, wo er war und in welche Richtung er fliehen musste.» Vier Tage lang sei es ihm gelungen, sich zu verstecken.

Israelische Medien zeigten am Montag ein Video von Ori Megidish, einer israelischen Soldatin, die gefangen genommen und dann Ende Oktober vom Militär befreit wurde. Sie sagte, sie sei glücklich, es gehe ihr gut und sie wünsche sich, dass alle Gefangenen nach Hause zurückkehren. «Ich bin froh, dass ich mein Leben zurück habe», sagte sie.

AP/toko