Im Iran wächst die Wut auf Trump, aber auch auf die eigene Regierung

AP

16.9.2018

Eine galoppierende Inflation, keine Jobs und schlechte Zukunftsperspektiven - viele Menschen im Iran leiden schon jetzt unter der wirtschaftlichen Lage. Und wenn die Sanktionen der USA greifen, könnte sich die Situation dramatisch verschärfen.

Es ist nur einer von Tausenden Läden auf dem Grossen Basar von Teheran. Aber er vermittelt einen tiefen Einblick, wie sich die Stimmung im Iran vor dem Inkrafttreten der US-Sanktionen immer mehr verdüstert: Hoffnung, dass sich die Lage bessert, hat kaum jemand.

Der Verkäufer will nach Europa gehen, weil er sich dort ein besseres Leben erhofft. Seine Kundin hat Probleme, die Töpfe und Pfannen zu bezahlen, die sie ihrer Tochter zur Hochzeit schenken wollte, weil die iranische Währung Rial quasi zusammengebrochen ist. Ein anderer Verkäufer macht Innenpolitik und Korruption für die Misere des Landes verantwortlich. Und die Wut auf die Regierung ist allgegenwärtig - manche fluchen grummelnd, andere rufen sie auch laut heraus.

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Dass die Regierung des relativ moderaten Präsidenten Hassan Ruhani 2015 in den Atomdeal mit einflussreichen Ländern der Welt einwilligte, entwickelt sich für Ruhani immer mehr zu einer Schlinge um den Hals, die die Hardliner im Land genussvoll zuziehen. Zugleich drohen die sporadischen Proteste gegen die schlechte Wirtschaftslage jederzeit wieder aufzuflammen.

«Es ist schwieriger geworden, aber wir müssen unsere Erwartungen herunterschrauben», sagt die 26 Jahre alte Kiana Ismaili, die zusammen mit ihrer Mutter für die Hochzeit einkauft. Im Juni stürmten erzürnte Demonstranten den Grossen Basar, offensichtlich erzürnt darüber, dass der Wechselkurs für den Rial auf dem Schwarzmarkt auf 90'000 für einen US-Dollar gestiegen war.

Sehnsuchtsvoller Blick nach Europa

Mittlerweile muss man 150'000 Rial aufbringen, um einen Dollar zu erhalten - und das könnte noch lange nicht das Ende sein. Wenn erst einmal im November die US-Sanktionen gegen die lebensnotwendige iranische Ölindustrie greifen, könnte sich die Situation weiter zuspitzen. Die US-Regierung verneint, dass sie mit dem wirtschaftlichen Druck einen Sturz der iranischen Regierung anstrebe. Für iranische Vertreter ist dieser Zusammenhang jedoch eindeutig.

Die Angst um die Wirtschaft hat viele Menschen in den vergangenen Tagen auf den Grossen Basar getrieben, um noch etwas zu kaufen, bevor ihre Ersparnisse weiter dahinschmelzen. «Die Menschen kaufen mehr, weil sie glauben, dass sie Dinge bei den gegenwärtigen Preisen nicht mehr werden kaufen können», sagt Omid Farhadi, der 25 Jahre alte Verkäufer in dem Haushaltswarengeschäft. «Du hast keine Preisstabilität in diesem Land. Du gehst ins Bett, und über Nacht ist ein Auto für 100 Millionen Rial plötzlich 140 Millionen wert.»

Während die Kunden die Töpfe und Pfannen begutachten, erzählt Farhadi, dass er bald in die Niederlande auswandern wolle. Andere junge Iraner, die die entsprechenden finanziellen Mittel hätten, wollten das Land ebenfalls verlassen. Die, die kein Geld haben, blicken zumindest sehnsüchtig nach Europa. Für Farhadi sind für die schlechte Wirtschaftslage vor allem die schlechten Beziehungen des Irans zum Rest der Welt verantwortlich.

Zorn auf die eigene Regierung grösser als auf Trump

Im Mittelpunkt steht die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, die USA aus dem Atomabkommen von 2015 zurückzuziehen. Damals war vereinbart worden, dass der Iran die Anreicherung von Uran begrenze, weil man befürchtete, dass das Land Atomwaffen bauen wollte. Im Gegenzug wurden die Sanktionen gegen den Iran aufgehoben. Während die Vereinten Nationen sagen, der Iran halte sich an das Abkommen, fordert Trump schärfere Auflagen, die unter anderem auch das Raketenprogramm des Landes umfassen sollen.

Viele Iraner sind deswegen auf Trump wütend - auch weil er sie zusätzlich noch mit einem Einreiseverbot in die USA belegt hat. Doch noch grösser als der Zorn auf Trump ist der Zorn auf die eigene Regierung. Grund sind vor allem die Serie von Korruptionsfällen und die Vorwürfe des Missmanagements an offizielle Stellen.

Aliresa Alihosseini ist ein Kollege von Farhadi in dem Laden. Er sieht das Hauptproblem in der Regierung von Ruhani. «90 Prozent unserer Probleme sind hausgemacht», sagt er. «Nur fünf bis zehn Prozent hängen mit Amerika zusammen.»

«Sie schicken all unser Geld nach Syrien»

Die Mutter von Ismaili, der jungen Braut in dem Haushaltswarengeschäft, äussert sich zurückhaltend. Sie berichtet, wie der Iran in den fast 40 Jahren seit der Islamischen Revolution immer wieder mit Sanktionen und internationalem Druck konfrontiert war. Die aktuelle Situation sei also nicht neu.

Ein paar Männer, die sie hören, beginnen zu murmeln, manche beschimpfen sie sogar für ihre Aussagen. «Jemand wie ich, ein junger Mann, wenn der Hunger hat und keinen Job, dann wird er zum Dieb. Ich verwandele mich regelrecht zum Vampir», sagt er. Seinen Namen will er nicht nennen, aus Angst vor Repressalien, weil er die Regierung öffentlich kritisiert hat.

Anderswo auf dem Basar gibt es sogar Leute, die Trump verteidigen. Mahdiraschid Mohammadsadeh besitzt einen kleinen Stand im Bereich der Juweliere. Seine Kunden seien ganz wild darauf, Gold zu kaufen zum Schutz gegen den Verfall des Rial. Als man mit Barack Obama Frieden geschlossen habe, seien die Preise dagegen niedrig gewesen. Aus seiner Sicht ist für wirtschaftliche Misere die kostspielige Intervention des Irans im syrischen Bürgerkrieg verantwortlich. «Es ist das Geld der Menschen», sagt er. «Wir haben nichts getan, dass wir das so verdienen. Aber sie schicken jetzt all unser Geld nach Syrien.»

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