Nachschub-Ader durchtrennt

Kiew stiftet Chaos auf der Krim, um die Stadt Cherson zu befreien

Von Philipp Dahm

17.8.2022

Hat das ukrainische Militär seine Reichweite erhöht?

Hat das ukrainische Militär seine Reichweite erhöht?

Amateuraufnahmen eines brennenden Umspannwerks auf der Krim. Jüngste Vorfälle auf der von Russland annektierten Halbinsel könnten darauf hindeuten, dass das ukrainische Militär seine Reichweite jüngst vergrössern konnte.

17.08.2022

Die Schlinge um Cherson zieht sich zu: Nachdem die Ukraine alle Brücken zerstört hat, nimmt sie nun Nachschub-Linien und Stützpunkte auf der Krim ins Visier, um die Stadt von den Besatzern befreien zu können.

Von Philipp Dahm

17.8.2022

Die Eroberung der Krim zahlt sich 2014 nicht nur für den russischen Staat aus, der so strategisch wichtige Warmwasser-Häfen eingenommen hat. Auch das Volk freut sich über die Sandstrände, die flugs zur beliebten Feriendestination werden.

Acht Jahre später ist Ernüchterung eingekehrt. Zum einen sind die Preise in der Region in die Höhe geschnellt, was für durchschnittliche russische Touristen ein Problem ist. Zum anderen zögern viele wegen des Krieges, dort Ferien zu machen. Wer trotzdem kommt, liest angeblich «immer wieder Nachrichten und ist bereit, die Krim im Fall einer Gefahr sofort zu verlassen».

Spätestens seit dem 9. August reisen Russ*innen ab: Mehrere Explosionen richten auf dem Militärflugplatz Saky grosse Schäden an. Prompt stauen sich vor der 2018 errichteten Krim-Brücke die Autos der Heimkehrer. In den sozialen Netzwerken kursiert ein vielsagendes Video einer Russin, die im Heck ihres Autos weint, weil sie abreisen muss.

«Ich möchte die Krim und [den Kur- und Badeort] Aluschta wirklich nicht verlassen», schluchzt sie. «Es ist so cool hier.» Ob sie sich daran gewöhnt habe, fragt der Filmende auf dem Beifahrersitz. «Das habe ich», antwortet die Russin. «Es ist, als würden wir zu Hause sein. Alles war so schön und heimelig.»

Krim als Nachschub-Ader

Inzwischen muss es den Menschen dämmern, dass die Krim besetztes Gebiet ist. Die Strände sind leer, denn die Einschläge kommen näher – im wahrsten Sinne des Wortes: Nachdem ein Bahn-Knotenpunkt in Dschankoj getroffen wird, fahren keine Züge mehr zur Krim. Auch der Militärflugplatz bei Hvardiiske soll angegriffen worden sein.

«Die Attacken auf russische Positionen auf der Krim und um sie herum sind wahrscheinlich Teil einer zusammenhängenden ukrainischen Gegenoffensive, um die Kontrolle über das westliche Ufer des Dnipro wiederzuerlangen», analysiert die Washingtoner Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) die Lage. Die «New York Times» schreibt, ukrainische Spezialeinheiten operierten in dem Gebiet und verursachten Chaos.

Die Krim ist bisher eine Lebenslinie ins besetzte Cherson gewesen, über die Nachschub in die besetzte Grossstadt geflossen ist. Doch diese Ader haben die ukrainischen Streitkräfte durchtrennt – mitunter gar mit chirurgischer Präzision, wenn etwa Brücken in die Stadt mit Himars-Artillerie zerschossen worden sind. Es ist der russischen Armee deshalb nicht mehr möglich, schweres Gerät nach Cherson zu bringen – oder auch herauszuholen.

Tschetschenen gegen Deserteure

Die Lage der russischen Armee in Cherson sieht düster aus. Laut ukrainischen Quellen verlegen sich die Kreml-Kräfte darauf, mit Raketenwerfern und Flugzeugen anzugreifen. Ein versuchter Ausbruch von Bodentruppen Richtung Mykolajiw soll zurückgeschlagen worden sein – angeblich mit hohen Verlusten für die russischen Angreifer.

Laut ISW muss Moskau inzwischen die Nationalgarde, die dem Innenministerium untersteht, und tschetschenische Einheiten aufbieten, um zu verhindern, dass Soldaten in der Region den Dnipro überschreiten und desertieren. Gleichzeitig haben die Streitkräfte Mühe, Mensch und Material in die Stadt zu verlegen.

Ein Video aus Cherson vom April, das jetzt öffentlich geworden ist, zeigt, wie zwei Buben versehentlich eine gefundene Panzerfaust abschiessen. Sie bleiben unverletzt.

«Derzeit nutzt der Feind Melitopol als Logistik-Zentrum für den Transport und die Verschiffung von Munition und schweren Waffen», zitiert CNN Iwan Fedorow, den Bürgermeister der besetzten Stadt Melitopol. Russische Soldaten zögen sich von Cherson nach Melitopol zurück, während deren Angehörige aus Melitopol evakuiert würden.

Russland schlägt verbal zurück und rüstet auf

Wladimir Putin stellt die Lage anders dar. «[Die USA] brauchen Konflikte, um ihre Hegemonie zu behaupten», sagt der russische Präsident an einer Sicherheitskonferenz vor Militärs aus Afrika, Asien und Südamerika. «Deshalb machen sie aus den Ukrainer*innen Kanonenfutter.» Washington werde «sich genau so verhalten, um in Afrika, Asien und Lateinamerika Konflikte anzuheizen», warnt der 69-Jährige.

Nach dem Angriff auf den Stützpunkt Saky am 9. August hat Russland 3000 Menschen von der Krim evakuiert.
Nach dem Angriff auf den Stützpunkt Saky am 9. August hat Russland 3000 Menschen von der Krim evakuiert.
AP

Die «westliche Globalisierungselite» versuche, «Russland und China die Schuld für ihre eigenen Fehler zu geben», fährt Putin fort, der explizit auch den Taiwan-Besuch von Nancy Pelosi anspricht. Sein Verteidigungsminister Sergei Schoigu ergänzt: «Westliche Geheimdienste liefern nicht nur Zielkoordinaten für Angriffe. Westliche Spezialisten überwachen auch die Eingabe dieser Daten in die Waffensysteme.»

Um die Waffenhilfe des Westens zu kontern, legt auch der Kreml in dem Bereich nach. Der Iran will Russland offenbar 1000 Drohnen für den Krieg in der Ukraine liefern. Weiter hat das Verteidigungsministerium angeblich bei der nationalen Rüstungsindustrie mehrere Systeme der brandneuen S-500-Flugabwehr und der Interkontinentalrakete Sarmat bestellt, die im Westen auch als Satan II bekannt ist.