London: Putin verantwortlich für Giftattacke

SDA

16.3.2018 - 18:01

Grossbritannien macht den russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich für den Giftanschlag auf einen Ex-Agenten verantwortlich. Es sei "äusserst wahrscheinlich", dass es Putins Entscheidung gewesen sei, sagte Aussenminister Boris Johnson am Freitag in London.

Der Kreml warf Johnson ein schockierendes und unanständiges Benehmen vor. Zuvor hatte Russland die Ausweisung von Diplomaten als Reaktion auf einen entsprechenden Schritt der Briten angekündigt. Gewarnt wurde aber auch vor weiterer Eskalation: Man dürfe nicht vor Ende der Polizeiarbeit in einen Kalten Krieg abrutschen, sagte der britische Oppositionsführer Jeremy Corbyn.

Johnson warf Russland vor, das Nervengift entwickelt und illegal gelagert zu haben. Für ihn sei klar, dass die Attacke auf den 66 Jahre alte Sergej Skripal und seine 33-jährige Tochter von dort geleitet wurde. Beide kämpfen im Krankenhaus um ihr Leben.

Ein Kreml-Sprecher wies Johnsons Äusserungen scharf zurück: "Jegliche Erwähnung von oder in Bezug zu unserem Präsidenten in diesem Zusammenhang ist schockierend und ein unverzeihlicher Bruch diplomatischer Regeln und anständigen Benehmens", sagte er laut Nachrichtenagentur Tass. Russland weist jede Verantwortung für den Anschlag zurück.

Westliche Führungsmächte - die USA, Frankreich und Deutschland - hatten sich am Donnerstag demonstrativ hinter die britische Regierung gestellt und die Verantwortung Russlands als hoch wahrscheinlich eingestuft. Russland sei aufgefordert, die offenen Fragen zu dem Gift zu beantworten, hiess aus Berlin.

Gift schon in Moskau im Koffer versteckt?

Die britische Zeitung "Telegraph" berichtete, das verwendete Nervengift sei im Koffer von Skripals Tochter Julia versteckt worden, bevor diese Moskau verlassen habe.

Die Behörden gingen davon aus, dass ein Kleidungsstück, ein Kosmetikartikel oder ein Geschenk damit imprägniert worden seien. Die beiden Opfer seien womöglich in Skripals Haus im südenglischen Salisbury damit in Kontakt gekommen. Nach Auskunft der Polizei war Julia Skripal am 3. März von Russland nach London geflogen.

Den Behörden zufolge wurden die Skripals mit einem so genannten Nowitschok-Präparat vergiftet, welche das sowjetische Militär in den 1970er und 1980er Jahren entwickelt hatte. Die britische Regierung hat bislang öffentlich keine Beweise für eine russische Täterschaft vorgelegt.

Russisches Ermittlungsverfahren eröffnet

Russland fordert eine Probe des Nervengifts, um selbst der Herkunft nachgehen zu können. Zudem wurde ein eigenes Ermittlungsverfahren eröffnet, das dem Fall von Julia Skripal nachgehen soll. Sie ist russische Staatsbürgerin.

Auch der Tod eines Vertrauten des Kreml-Kritikers Boris Beresowski, der kürzlich in Grossbritannien unter ungeklärten Umständen starb, soll die Behörde untersuchen. Man sei bereit, mit den Briten in den Fällen zusammen zu arbeiten, hiess es aus Moskau.

Die britischen Behörden leiteten ihrerseits Ermittlungen ein. Nach Angaben der Anti-Terror-Polizei war der Tod von Nikolai Gluschkow ein Mord.

Der 68-Jährige war tot in seinem Haus in London entdeckt worden. Die Obduktion habe ergeben, dass der 68-Jährige durch "Druckausübung auf das Genick" gestorben sei, teilte die Londoner Polizei am Freitag mit. Die genauen Todesumstände seien aber noch unklar. Bislang gebe es keine Hinweise auf eine Verbindung zum Giftanschlag auf Sergej Skripal, erklärte die Polizei.

Gluschkow hatte für die russischen Grosskonzerne Avtovaz und Aeroflot gearbeitet. 2004 war er zu drei Jahren und drei Monaten Haft nach Vorwürfen von Betrug und Geldwäscherei verurteilt worden. 2010 erhielt er in Grossbritannien Asyl.

Auch britische Diplomaten vor Ausweisung

Der russische Aussenminister Sergej Lawrow kündigte derweil Vergeltung für die Ausweisung von 23 Russen an. "Selbstverständlich" werde Russland britische Diplomaten ausweisen, sagte er. Über die Zahl machte er keine Angaben. Durch die von Premierministerin Theresa May verfügte Ausweisung von 23 Mitarbeitern der Botschaft sei deren Arbeit erheblich eingeschränkt, sagte Lawrow.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg warnte derweil vor einer Isolierung Russlands. "Wir wollen keinen neuen Kalten Krieg, wir wollen keinen neuen Rüstungswettlauf", sagte Stoltenberg dem britischen Sender BBC. "Russland ist unser Nachbar, deswegen müssen wir uns weiter für verbesserte Beziehungen zu Russland einsetzen."

Stoltenberg wiederholte allerdings auch, dass er nicht an den Schlussfolgerungen der britischen Regierung in dem Fall zweifle.

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