Mit meinen neuen Nachbarn rede ich über alles – ausser Politik

Von René Sollberger, Las Vegas

21.10.2020 - 06:55

Ich bin vor wenigen Wochen umgezogen und lerne nach und nach die neuen Nachbarn kennen. Im US-Wahlkampf ist Vorsicht angezeigt – vor allem, wenn man nicht zum selben politischen Lager zählt.

Es gibt äussere Zeichen für die innere Überzeugung. In den USA schmücken sich manche ganz bewusst mit äusseren Zeichen, um der Umwelt zu zeigen, wie sie politisch denken. Etwa mit einer US-Flagge am Haus oder einem Aufkleber am Auto. Aber was bedeutet ein Basketballkorb vor der Garage?

Ich bin vor wenigen Wochen aus der Gegend von San Francisco nach Las Vegas gezogen, von Kalifornien nach Nevada. Ich muss mit meinen neuen Nachbarn noch sehr zurückhaltend sein. Noch bin ich mir nicht ganz sicher, wer alles auf welcher Seite steht.

Kalifornien ist politisch langweilig

Kalifornien wählt seit jeher stramm demokratisch, und in meinem Bezirk stimmten vor vier Jahren 85 Prozent für Hillary Clinton und gegen Donald Trump. Und weil im US-Wahlsystem in jedem Bundesstaat nach der Regel «The winner takes it all» angerechnet wird, entfallen in Kalifornien alle Elektorenstimmen seit jeher aufs blaue, also demokratische Lager.

Mit anderen Worten: Wer in Kalifornien wählen geht, könnte eigentlich auch zu Hause bleiben. Nichts würde sich ändern. Der Kandidat der Demokraten, Joe Biden, wird sich alle 55 Stimmen der Wahlleute dieses Staats holen. Mehr sind nirgendwo zu vergeben, weil Kalifornien der bevölkerungsreichste Staat ist.



Im Fokus: US-Wahlen 2020

Amerika wählt: «blue News» begleitet die heisse Phase des Duells um das Weisse Haus nicht nur mit dem Blick aus der Schweiz, sondern auch mit Berichten von Schweizer Journalisten, die in den USA leben. Trump oder Biden? Am 3. November wird gewählt – nicht nur der Präsident, sondern auch ein Drittel des Senats, das komplette Repräsentantenhaus sowie in elf Staaten der Gouverneur.

Ganz anders jetzt in Nevada. Hier zählt jede Stimme. Allerdings hat der Staat nur gerade sechs Wahlleute, also sechs Elektorenstimmen zu vergeben. Früher eher rot, also republikanisch, mausert sich Nevada langsam, aber sicher zu einem blauen, also demokratischen Hoheitsgebiet. Grund dafür ist die sich wandelnde Zusammensetzung der Bevölkerung in der Wüstenstadt Las Vegas. Es ist eine der am schnellsten wachsenden Metropolen in den USA, und viele Zuzügler wählen demokratisch.

Es sind meist jüngere Leute, oft Latinos. Das hat dazu geführt, dass seit 2019 beide Abgeordneten in der kleinen Kammer, also im Senat, der demokratischen Partei angehören. Und es sind zwei Frauen.

Ebenfalls seit 2019 ist erstmals ein demokratischer Gouverneur im Amt. Und in den letzten Wahlen vor vier Jahren hat Hillary Clinton gegen Donald Trump gewonnen, mit gut zwei Prozentpunkten Vorsprung. Nevada ist also nicht mehr konservativ.

Muscle Cars und US-Fahnen

Mein Nachbar schräg über die Strasse fährt einen tiefergesetzten, mit Spoilern versehenen und getunten schwarzen Chevy Camaro mit extra lautem Auspuff, einen echten Muscle Car. Oder ist es ein Ford Mustang? Nein, es ist ein Dodge Charger.

An der Ecke wohnt einer, bei dem draussen neben dem Eingang fast ständig die US-Fahne hängt. Rechts wohnt ein jüngeres Paar mit Baby – er stammt aus dem liberalen Nordosten der USA. Und links von meinem Haus leben zwei Schwule, die supernett sind und oft Besuch haben. Eigentlich sind alle sehr nett. Aber wo stehen sie politisch?



Die äusseren Zeichen lassen vermuten, wer welchem Lager zuzuordnen ist. Der schwarze Bolide und die Fahne deuten auf Anhänger der Konservativen, der Nordosten der USA als Herkunftsort und ein schwules Paar eher auf Anhänger der Liberalen. Aber ganz sicher kann man nicht sein.

Wir reden also über dies und das, woher man kommt, ob der Hund friedlich ist, was man arbeitet, über die Hitze im Sommer – aber ja nicht über Politik, solange nicht sonnenklar ist, dass man sich versteht, weil man auf derselben Seite steht, demselben Lager angehört.

Schade eigentlich. Denn alle erwarten, dass im Kongress die 435 Abgeordneten und 100 Senatoren beider Lager miteinander reden, Brücken bauen, Gräben überwinden, um gute Kompromisse zu finden.



René Sollberger lebt seit 2013 in den USA, zuerst zwei Jahre in Boston, danach fünf Jahre in San Francisco, seit 2020 in Las Vegas. Er ist mit einer Amerikanerin verheiratet und arbeitet als Journalist mit Fokus auf Wirtschaft und Politik, früher u. a. bei «Cash», «Berner Zeitung» und «Handelszeitung».

Zurück zur Startseite