Myanmars Militär nimmt Kinder ins Visier

phi/dpa

24.3.2021

Ein Foto von Khin Myo Chit, das ihre Familie der «BBC» überlassen hat. Das Mädchen wurde am Dienstag in Mandalay erschossen. 
Bild via BBC

Nach dem Putsch geht das Militär in Myanmar rigoros gegen Zivilisten vor. Für besondere Empörung hat der Tod eines Mädchens gesorgt, das in ihrem Elternhaus erschossen wurde.

phi/dpa

24.3.2021

Seit dem Putsch vom 1. Februar sterben in Myanmar täglich Zivilisten. Allein in Mandalay, der zweitgrössten Stadt des Landes, sollen Militärs am Dienstag fünf Menschen erschossen haben. Besondere Wut hat dabei der Tod eines sieben Jahre alten Mädchens ausgelöst, das bei einer Razzia im Haus ihrer Eltern ermordet wurde.

Die Soldaten sind gegen 16 Uhr in das Haus im Stadtteil Chanmyathazi eingedrungen, berichtet «Myanmar Now». «Sie haben unser Haus gestürmt», sagte Aye Chan San, die Schwester des Opfers. «Allen wurde befohlen, sich hinzusetzen.» Die Soldaten hätten ihren Vater gefragt, ob alle Bewohner anwesend seien, was der bejaht haben.

Die Militärs aber hätten ihm nicht geglaubt und auf ihn geschossen, aber stattdessen die siebenjährige Khin Myo Chit in den Bauch getroffen. Auf den 19 Jahre alten Bruder sollen die Soldaten mit Gewehrkolben eingeschlagen haben, bis er blutete. Danach haben sie ihn angeblich mitgenommen. 

«Wir konnten nicht verhindern, dass sie ihn mitnehmen», so Aye Chan San. «Sie sagten: ‹Wollt ihr, dass wir nochmal auf euch schiessen?›» Nachdem sie gegangen waren, habe die Familie Khin Myo Chit in Spital gebracht, doch die Ärzte konnten nichts mehr für das Mädchen tun. Ihre letzten Worte hat ihr Vater U Maung Ko Hashin Bai so beschrieben: «Sie sagte: ‹Ich kann nicht, Vater, es ist zu schmerzvoll.›»

Mindestens 20 tote Kinder

Die Familie ist ob des grausamen Vorfalls bestürzt, sagte Aye Chan San. «Es tut so weh. Wir trauern um das eine Kind und sorgen uns ums andere.» Dass Kinder ins Visier der Militärs geraten, ist leider keine Ausnahme: Erst am Montag war ebenfalls in Mandalay ein Junge namens Tun Tun Aung erschossen worden, der 14 oder 15 Jahre alt sein soll, weiss «Sky News»

«Der Tod dieser Kinder ist besonders besorgniserregend, weil sie angeblich zu Hause getötet worden sind, wo sie geschützt sein sollten», kommentierte die Hilfsorganisation Save the Children. Nach ihrer Information sind in Myanmar seit dem Putsch mindestens 20 Kinder umgekommen. 

Die UN zeigten sich in New York ebenfalls «zutiefst besorgt über die anhaltende Gewalt gegen Kinder» und forderten, das Leben junger Menschen zu schützen. Nach Schätzungen des Kinderhilfswerks Unicef sollen seit dem Putsch mindestens 23 Kinder getötet und elf weitere schwer verletzt worden sein.

«Silent Strike» statt Massenproteste

Die Militärjunta hat am Mittwoch mehr als 600 festgenommene Demonstranten freigelassen. Das teilte das staatliche Fernsehen mit. Es handle sich überwiegend um Studenten, die zuvor in Polizeistationen und Gefängnissen festgehalten worden seien. Ein Grund für den Schritt wurde zunächst nicht bekannt. Derweil wurden am Mittwoch die täglichen Massenproteste ausgesetzt.

Stattdessen versank das Land in Stille – die meisten Menschen blieben zu Hause, die Strassen waren wie leergefegt. Mit dem «Silent Strike» (stiller Streik) reagiert die Bevölkerung auf die Gewalt und auf Versuche der Junta, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen.

Die meisten Geschäfte blieben geschlossen, auch die Strassen waren selbst in der grössten Stadt Yangon (früher: Rangun) weitgehend leer. «Das ist ein anderer Weg, um das Militär zu bekämpfen», sagte Lin Aung aus dem Stadtteil Tamwe der Deutschen Presse-Agentur. «Ich besitze eine Autowerkstatt, aber heute bleibt sie zu.»