QAnon? «Der dümmste Scheiss, den ich je gehört habe»

Philipp Dahm

17.8.2020 - 20:49

«Last Week Tonight»: John Oliver nimmt QAnon und andere Verschwörungstheorien aufs Korn.
Screenshot:  YouTube

Die Welt wird von einer Clique von pädophilen, satanistischen Demokraten geleitet, glauben QAnon-Anhänger. Eine Republikanerin verbreitet diese Mär ganz offen. Und Donald Trump? Ist begeistert.

Dass etwas faul sei mit Kamala Harris, die Vizepräsidentin wird, sollte Joe Biden am 3. November 2020 die Wahlen gewinnen – das glaubt offenbar so mancher Anhänger von Donald Trump. «Es gibt haltlose Anschuldigungen, dass sie nicht die Voraussetzungen für eine Staatsbürgerschaft erfüllt und daher nicht für das Amt geeignet sei», erklärt Jon Oliver in «Last Week Tonight» (Video hier), «obwohl sie ganz klar in den USA geboren worden ist.»

Das erinnere an das Buhei um die Geburtsurkunde von Barack Obama: «Birterism» nennt man den Versuch, aus Einheimischen Fremde zu machen. Donald Trump greife derlei Gerüchte dankbar auf und verbreite sie: «Ich habe heute gehört, dass [Harris] die Voraussetzungen nicht erfüllt, und ganz nebenbei: Der Anwalt, der das geschrieben hat, ist ein hochangesehener, sehr fähiger Anwalt. Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt.»

Oliver kontert: «Tut es verdammt nochmal nicht. Es ist erstaunlich, dass Trump derart langsam auf gewisse Dinge reagiert – wie etwa eine öffentliche Gesundheitskrise. Aber wenn es darum geht, rassistische Verschwörungstheorien zu vertiefen, wird er zu Flash auf Kokain [Comicfigur].» Doch das ist nicht die einzige Verschwörungstheorie gewesen, die zuletzt für Schlagzeilen gesorgt hat.

Top Secret

In Georgia hat bei den Vorwahlen für den Kongress eine Politikerin gewonnen, die ganz offen eine obskure Bewegung unterstützt, die das FBI als potenziell terroristisch einstuft. Marjorie Taylor Greene ist Fan der QAnon-Theorien. «Q ist ein Patriot, das ist klar», sagt die 46-Jährige, «aber wir wissen nicht, wer Q ist. Man glaubt, Q stünde Donald Trump sehr nahe.» Wer so glücklich ist, von dem Thema nichts zu wissen, wird von John Oliver aufgeklärt.

Gestatten: Marjorie Greene.
Bild: Keystone

«Die Verschwörung umfasst eine ganze Reihe von Fledermausscheiss-Theorien, aber grundsätzlich glauben die QAnon-Anhänger an eine globale Verschwörung von Kriminellen, die Satan anbeten und Kinderpornos verbreiten. Angeführt werden jene von prominenten Demokraten, deren Mitglieder von Hillary Clinton über Tom Hanks bis zu einer mexikanischen Zementfabrik reichen.»

Der Urheber des Ganzen nennt sich Q – nicht wegen des gottgleichen Charakters aus «Star Trek», sondern als hohe Stufe für Freigaben von Geheimdienstinformationen. «Anon» steht in diesem Fall für «Anonymus». «Das klingt so erfunden, wie es ganz sicher auch ist», lästert Oliver.

Mueller sollte demokratische Verschwörung aufdecken

«Diese Verschwörungstheorie soll Trump beschützen», erklärt ein Experte in einem eingespielten Clip. «Dinge, die für uns wie schlechte Nachrichten [für Trump] aussehen wie etwa die Mueller-Untersuchung [beim Impeachment-Verfahren], sehen sie als Teil einer grösseren Trump-Strategie: Trump hat es nur so aussehen lassen, als würde er mit Russland zusammenarbeiten, damit Robert Mueller auf die Sache angesetzt wird und Trump und Mueller dann gemeinsam gegen Hillary Clinton, den Staat im Staate und den Pädophilen-Ring vorgehen.»

Die Reaktion der Interviewerin vom öffentlich-rechtlichen US-Sender «PBS»: «Man muss viel… überlegen, um so weit zu kommen.» Oliver frotzelt: «Es ist so schön, Judy Woodruff zuzusehen, wie sie darum kämpft, beschreibende Worte zu finden, die sie auf ‹PBS› auch sagen darf. Denn ‹Dafür muss man lange überlegen› heisst beim öffentlich-Rechtlichen so viel wie ‹Das ist der dümmste Scheiss, denn ich je gehört habe›.»

Judy Woodruff ist ganz benommen von den Ausführungen ihres Experten.
Screenshot: YouTube

Die QAnon-Welt ist so bizarr wie vielschichtig: Alle «Zusammenhänge» werden beispielsweise in einem Flowchart dargestellt, das eher verwirrend als erklärend ist: Es geht los bei Atlantis, Nazi-Deutschland und Pentagon stehen Seite an Seite, es reicht von den Freimaurern bis Prozac. Prinzessin Diana ist ebenso dabei wie John F. Kennedy, FBI-Gründer Edgar Hoover oder Papst Franziskus. Wetter-Kriegsführung, das CERN und die Kirche der Künstlichen Intelligenz haben auch etwas damit zu tun.

Und irgendwann droht der «Sturm»

Kurz: Es ist kompliziert. Deutlich einfacher ist dagegen die akustische Zusammenfassung dieser Fabel, nach der es übrigens eine Art «Tag des Jüngsten Gerichts» gibt. Bei QAnon heisst das «Die Ruhe vor dem Sturm. Das Motto der Anhänger lautet: «Where We Go One, We Go All» alias #WWG1WGA.

Eine schrecklich nette Community, deren Weltbild Marjorie Greene nicht fremd ist. Als die demokratischen Muslimas Ilhan Omar und Rashida Tlaib in den US-Senat gewählt worden sind, sprach Greene von einer «islamischen Invasion unserer Regierung». Ihrer Meinung nach halten die Demokraten «Schwarze in einer modernen Form der Sklaverei. Es ist ein Sklavenhalter-System, um ihre Stimmen zu bekommen».

Stolz sein, überlebt zu haben

Und über die Statuen von Amerikanern mit rassistischer Vergangenheit, die zuletzt zuhauf niedergerissen wurden, sagte die Republikanerin: «Wenn ich heute eine schwarze Person wäre und an diesen Statuen vorbeiginge, wäre ich so stolz. Ich würde sagen: ‹Seht her, wie weit ich in diesem Land gekommen bin›.» «Du bist keine ‹schwarze Person›, höchstens warst du es mal an Halloween», kontert Oliver mit Blick auf die «Blackfacing»-Unsitte, bei der sich Weisse als Schwarze verkleiden.

Während führende Republikaner noch vor wenigen Wochen von der schrillen Parteikollegin Abstand genommen hätten, habe sich das nach Greenes Vorwahlen-Sieg prompt geändert, resümiert der Moderator. Das dürfte auch der Tatsache gestundet sein, dass Trump einer der ersten Gratulanten war – und die polarisierende Politikerin zur Zukunft der Republikaner adelte.

Fazit: Es ist was faul im Staate USA, um es mit Shakespeares Hamlet zu sagen. Die Anhänger der QAnon-Verschwörungstheorien würden das unterschreiben – aber die Gegner angesichts der öffentlichen Huldigung dieser Ideen wohl auch.

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