Russlands Armee ist 100 Jahre nach der Gründung im Aufschwung

24.2.2018 - 00:00, Friedemann Kohler, dpa/jfk

Jedes Jahr am 23. Februar feiert Russland am «Tag der Vaterlandsverteidiger» seine Streitkräfte, doch dieses Mal ist es ein besonderes Jubiläum: Vor 100 Jahren wurde die Rote Armee gegründet. (Archivbild)
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Die Armee der Atommacht Russland begeht das Jubiläum in einem Aufschwung nach Jahren des Verfalls. Präsident Wladimir Putin hat die Streitkräfte auf etwa 880'000 Mann verkleinert, hat sie modernisiert und professionalisiert.
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Neben Öl- und Gaslieferungen hat Putin die Streitkräfte zum Hauptinstrument der russischen Aussenpolitik gemacht. Seine Soldaten kämpfen offen im Syrienkrieg ...
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... und verdeckt in der Ostukraine mithilfe von prorussischen ukrainischen Sympathisanten und Paramilitärs.
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Die Annexion der Halbinsel Krim erfolgte auch durch Soldaten ohne militärische Hoheitszeichen, die ihre Zugehörigkeit zur russischen Armee erkenntlich gemacht hätte.
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Der Dienst in dieser Armee ist für die Russen selbst nicht mehr ganz so lebensgefährlich und brutal wie noch vor einigen Jahren. Prominentes Opfer der sogenannten Dedowschtschina («Herrschaft der Grossväter»), der systematischen Drangsalierung von Wehrpflichtigen war Andrei Sytschow, dem 2006 wegen Misshandlungen durch Vorgesetzte beide Beine sowie die Geschlechtsorgane und das erste Glied des rechten Ringfingers amputiert werden mussten.
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Mit dem Ende des Kalten Krieges räumte die russische Armee Osteuropa. Es folgten ab 1992 Kämpfe der nun schon russischen Armee in Georgien und Moldau und zwei bittere Kriege im Inneren gegen die aufrührerische Nordkaukasus-Republik Tschetschenien bis 2009. Hier im Bild patrouillieren russische Soldaten durch die zerstörte tschetschenische Hauptstadt Grosny.
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Aus Afghanistan mussten die sowjetischen Soldaten 1989 geschlagen abziehen, nachdem sie zehn Jahre lang gegen die Mudschahedin gekämpft hatten.
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Nach dem Zweiten Weltkrieg kontrollierte die Rote Armee halb Europa, schlug Aufstände in Ost-Berlin, Budapest und Prag nieder. Der Prager Frühling veranlasste die Rote Armee 1968 zum Einmarsch in die Tschechoslowakei und zur Niederschlagung der Revolte.
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Die Rote Armee trägt wesentlichen Anteil am Sieg über die nationalsozialistische deutsche Schreckensherrschaft im Zweiten Weltkrieg ...
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... doch die Sowjetunion zahlte einen enorm hohen Blutzoll.
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Den Aufbau der neuen Armee leistete vor allem der Revolutionär Leo Trotzki (1879-1940), hier rechts neben einem General. Die Rote Armee sicherte der Sowjetmacht im Bürgerkrieg das Überleben. Sie überstand die Säuberungen unter dem Diktator Josef Stalin.
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Russland begeht einen Jahrestag: Vor 100 Jahren wurde die Rote Armee gegründet. Heute hat Präsident Putin aus den Streitkräften ein schlagkräftiges Instrument seiner Aussenpolitik gemacht.

Jedes Jahr am 23. Februar feiert Russland am «Tag der Vaterlandsverteidiger» seine Streitkräfte, doch dieses Mal ist es ein besonderes Jubiläum: Vor 100 Jahren wurde die Rote Armee gegründet. Dazu werden im militärischen Freizeitpark «Patriot» bei Moskau historische Siege nachgespielt, es gibt Konzerte, Ausstellungen und eine Gedenkmedaille. Und darf es als Geschenk für den Offizier ein schickes Mobiltelefon mit Tarnhülle und goldenem Doppeladler sein?

Die Armee der Atommacht Russland begeht das Jubiläum in einem Aufschwung nach Jahren des Verfalls. Präsident Wladimir Putin hat die Streitkräfte auf etwa 880'000 Mann verkleinert, hat sie modernisiert und professionalisiert. An militärischer Schlagkraft liegt Russland auf Platz zwei weltweit hinter den USA. 2,84 Billionen Rubel, umgerechnet etwa 46,5 Milliarden Franken, gaben Putin und sein Verteidigungsminister Sergej Schoigu dafür 2017 aus. Zum Vergleich: Die Schweiz wandte 3,9 Milliarden für Verteidigung auf.

Das russische Militär sei in gutem Zustand, sagte der Experte Wladimir Kosin, früher bei der Armeezeitung «Krasnaja Swesda» («Der rote Stern»), der Deutschen Presse-Agentur. «Aber es gibt immer etwas zu verbessern, um neue Bedrohungen für die Sicherheit des Landes abzuwehren.» Westliche Experten beobachten eine Modernisierung bei den Atomwaffen, bei Luftwaffe, Luftabwehr und Spezialeinsatzkräften. Die Marine und das Gros des Heeres hinken hingegen noch hinterher.

Neben Öl- und Gaslieferungen hat Putin die Streitkräfte zum Hauptinstrument der russischen Aussenpolitik gemacht. Seine Soldaten brachten 2014 die ukrainische Halbinsel Krim unter Kontrolle. Sie kämpfen verdeckt in der Ostukraine und offen in Syrien. Die neuen Nato-Staaten in Mittel- und Osteuropa fühlen sich durch die russische Militärmacht bedroht. Die gute Nachricht: Der Dienst in dieser Armee ist für die Russen selbst nicht mehr ganz so lebensgefährlich und brutal wie noch vor einigen Jahren.

Russlands neue Waffen
Der Armata T-14 ist Russlands neuer Superpanzer. Er soll westlichen Modellen in vielen Belangen überlegen sein.
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Eine Keramik-Panzerung schützt das Innere des T-14. Seine 125-Millimeter-Kanone soll Lenkraketen und Granaten abfeuern können.
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Der Turm des T-14 ist unbemannt und soll sich sogar komplett fernsteuern lassen. Russland will in den nächsten Jahren rund 2300 T-14-Panzer anschaffen.
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Die Sukhoi Su 35 ist schon länger im Einsatz - das Nachfolgemodell Su 35 S besitzt verbesserte Flugeigenschaften, ein weitreichendes Radar und ein schwer zu knackendes Luftverteidigungssystem.
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Ein weiterer Vorteil der Sukhoi Su 35 S: Sie ist vergleichsweise günstig in der Herstellung - ganz im Gegensatz zu westlichen Pendants.
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Das Flugabwehrsystem S-400 erreicht Ziele in bis zu 60 Kilometern Höhe, ist extrem schnell aufgebaut und kann vier verschiedene Raketen abfeuern.
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Die russische S-400 Triumf Raketenabwehrsysteme sind ein internationaler Bestseller.
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Die Delta III- und Delta-IV-U-Boote (Foto) bekommen einen Nachfolger: die Borei-Klasse. Diese ist ein Trägersystem für seegestützte Interkontinentalraketen.
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Russland plant eine Modernisierung seines Atomwaffen-Arsenals. Ziel ist es, alle Interkontinentalraketen aus der Sowjetära bis 2020 zu ersetzen.
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Trotzki leitete den Aufbau der neuen Armee

Die moderne Armee stehe in der jahrhundertealten russischen Militärtradition seit Zarenzeiten, sagt Kosin. Doch wenn man sich Uniformen und Rituale anschaut, dann wirkt vor allem die 100 Jahre alte Rote Arbeiter- und Bauernarmee nach.

Am 23. Februar 1918 war der Erlass der jungen Sowjetregierung über die Gründung der neuen Armee zwar schon ein paar Tage alt. Doch an diesem Tag schrieben sich die ersten Freiwilligen ein und mussten gleich Richtung Baltikum abrücken. Das deutsche Kaiserreich, der Feind im Ersten Weltkrieg, stand in Riga und drohte mit dem Vormarsch auf die russische Hauptstadt Petrograd (heute wieder St. Petersburg).

Den Aufbau der neuen Armee leistete vor allem der Revolutionär Leo Trotzki (1879-1940). Die Rote Armee sicherte der Sowjetmacht im Bürgerkrieg das Überleben. Sie überstand die Säuberungen unter dem Diktator Josef Stalin. Und sie besiegte unter hohem Blutzoll im Zweiten Weltkrieg die faschistischen Angreifer aus Deutschland.

Soldatenmütter gegen die systematische Drangsalierung

In den Jahrzehnten danach kontrollierte die Rote Armee halb Europa, schlug Aufstände in Ost-Berlin, Budapest und Prag nieder. Zwischen den Atommächten Sowjetunion und USA herrschte ein Gleichgewicht des Schreckens. Aus Afghanistan mussten die sowjetischen Soldaten geschlagen abziehen. Mit dem Ende des Kalten Krieges räumten sie Osteuropa. Es folgten ab 1992 Kämpfe der nun schon russischen Armee in Georgien und Moldau und zwei bittere Kriege im Inneren gegen die aufrührerische Nordkaukasus-Republik Tschetschenien bis 2009.

In den Jahren der Tschetschenien-Kriege entstand die Arbeit der Soldatenmütter. Die Soldaten baten um Hilfe, wenn sie von Offizieren oder dienstälteren Soldaten drangsaliert wurden. Wenig fürchteten russische Familien so sehr wie den Wehrdienst ihrer Söhne. 

«Ein solches Ausmass von Gewalt gibt es nicht mehr», sagte der Jurist Anton Schtscherbak vom Komitee der Soldatenmütter in St. Petersburg der dpa. Die Beschwerden über die sogenannte Dedowschtschtina seien zurückgegangen. Aber es blieben Klagen über schlechte ärztliche Versorgung, mangelnde Ausrüstung, alte Kasernen. «Das ist jetzt die russische Armee, aber sie hat immer noch viel Sowjetisches.»

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