Sturm aufs Kapitol

Immer mehr brutale Details kommen ans Tageslicht

ap

13.1.2021 - 06:36

dpatopbilder – Unterstützer des US-Präsidenten Trump versuchen eine Absperrung vor dem Kapitol zu durchbrechen. Foto: John Minchillo/AP/dpa
Anhänger des US-Präsidenten Trump durchbrechen am 6. Januar 2020 eine Absperrung vor dem Kapitol in Washington.: 
Bild: Keystone/AP/John Minchillo

Millionen Menschen konnten live im Fernsehen die Szenen der Gewalt, des Chaos und der Angst beim Angriff auf das Washingtoner Kapitol miterleben. Aber erst Tage später wird das volle erschreckende Ausmass des Aufstandes offenbar – und die Planung, die dahinterstand.

Unter Kampfbannern mit Donald Trumps Namen klemmen die Angreifer auf dem Kapitol einen Polizisten an einer Eingangstür ein, «Hilfe!» schreit er, sein Gesicht schmerzverzerrt, seine Zähne blutig, wie man später in einem Video sehen kann. Ein anderer Polizeibeamter wird zu Tode geschlagen, offenbar mit einem Feuerlöscher, einen dritter gewaltsam über ein Geländer gestossen, er fällt in die tobende Menge.

«Hängt Pence!» ruft der Mob in Sprechchören, als er ins Kapitol vordringt, mit Rohren auf Polizisten einschlägt, um sich einen Weg zu bahnen. Man will auch wissen, wo Nancy Pelosi steckt, die  Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, und überhaupt, wo sich all die Parlamentarier aufhalten: «Wo sind sie?» Draussen hat man einen Galgen errichtet, komplett mit hölzernen Stufen und einer Schlinge, Schusswaffen und Rohrbomben sind in der Nähe versteckt. 

Was sich am 6. Januar auf dem Washingtoner Kapitol abspielte, war eines der düstersten Kapitel der amerikanischen Demokratie, unfassbar die Szenen, die Menschen rund um die Welt an jenem Tag im Fernsehen miterlebten. Aber erst nach und nach wird dank zahlreicher Handy-Videos und Augenzeugenberichte das volle Ausmass der Bösartigkeit dieses Anschlages offenbar – und die Planung, die dahinterstand..

Es war nicht nur eine Ansammlung von demonstrierenden Trump-Unterstützern, die sich von ihrer Wut über die Wahlniederlage des Präsidenten hin- und mitreissen liessen – eine Erkenntnis, die den demokratischen Abgeordnete Jim McGovern in Echtzeit traf, als der brüllende prügelnde Mob den Sitzungssaal des Repräsentantenhauses erreichte. «Ich sah diese Menge von Leuten schreiend auf das Glas einhämmern», schilderte er später der Nachrichtenagentur AP. «Als ich ihre Gesichter sah, dämmerte es mir, dass sie nicht Demonstranten sind, sondern Leute, die Schaden zufügen wollen. Was ich vor mir sah, war im Grunde einheimischer Faschismus ausser Kontrolle.»



Angeheizte Anhänger

Auch Pelosi sprach von einer «gut geplanten, organisierten Gruppe mit Führungspersonen und Anleitung. Und die Anleitung war, Leuten an den Kragen zu gehen». 

Der Aufstand begann mit einer Kundgebung, auf der Trump und führende Gefolgsleute wie sein Anwalt Rudy Giuliani die anschwellende Menge noch einmal richtig anheizten, zum Kampf aufforderten – kurz vor Beginn einer Sitzung von Abgeordneten und Senatoren zur traditionellen offiziellen Auszählung der Stimmen des Wahlleute-Gremiums, die dem Demokraten Joe Biden bereits zuvor den Sieg bei der Präsidentenwahl im November bescheinigt hatten. Nutzer der sozialen Medien am rechten Rand hatten bereits seit Wochen offen angedeutet, dass es Chaos im Kongress geben werde, wenn er zwecks Bestätigung des Ergebnisses zusammentreten werde. Im Zuge des Angriffes ermutigten sie Anhänger, «dem Plan zu vertrauen» und «die Front zu halten». 

Was genau der Plan war, steht im Mittelpunkt der derzeitigen Ermittlungen. Das FBI untersucht, ob manche der Angreifer Kongressmitglieder entführen und als Geiseln benutzen wollten – oder vielleicht sogar noch Schlimmeres. Einige trugen Plastikhandfesseln bei sich. 

Innerhalb des FBIs gab es nach einem Bericht der «Washington Post» eine Warnung vor einer solchen Eskalation. Extremisten hätten demnach gepostet, man solle sich bei der Reise nach Washington auf «Krieg» einstellen. «Der Kongress muss hören, wie Glas zerbricht, wie Türen eingetreten werden und wie das Blut ihrer BLM (Black Lives Matter, Anm.)- und Antifa-Sklavensoldaten vergossen wird», hiess es laut dem Blatt in einem der Postings.

Mob vor gesperrter Tür

Es waren Tausende, die das Kapitol stürmten. Sie überrannten vor dem Gebäude die – zahlenmässig völlig unterlegenen – Polizisten und Metallbarrieren. Kurz nach 14 Uhr Ortszeit rief die Polizei im Kapitol Mitarbeiter in einem Bürogebäude im Kapitolkomplex auf, sich in einem Untergrund-Tunnelsystem in Sicherheit zu bringen, Minuten später wurde Vizepräsident Mike Pence an einen geheimen Ort auf dem Gelände gebracht: Er hatte sich Trumps Aufforderung widersetzt, Biden den Wahlsieg nicht zu bescheinigen und war damit neben Pelosi zu einem Hauptziel der Angreifer geworden. 

Um 14.15 wurden die Türen des Saales der Abgeordnetenkammer verbarrikadiert und Parlamentariern drinnen wurde geraten, sich hinter ihren Stühlen zu ducken oder sich in Schränken zu verstecken. Pelosi weigerte sich nach eigenen Angaben zunächst, sich von der Polizei in Sicherheit bringen zu lassen, auch noch, als der Mob bereits vor den gesperrten Türen zur Kammer stand, gab dann aber schliesslich nach.

Um 14.44 Uhr, als die Vorbereitungen zur Evakuierung des gesamten Saales liefen, war ein Schuss direkt vor einer Tür zu hören, wie man später erfuhr, hatte ein Polizist auf eine vordringende Angreiferin gefeuert und sie getötet.

Im Sitzungssaal des Senats auf der anderen Seite des Kapitols waren zeitweise 200 Menschen verbarrikadiert. Ein schwer bewaffneter Polizist stand beschützend in der Nähe der Fraktionschefs der Republikaner und Demokraten, Mitch McConnell, der sich ebenfalls Trumps Willen widersetzt hatte, und Chuck Schumer. Der Saal wurde dann wenig später ebenfalls evakuiert, bevor der Mob in ihn eindrang. Draussen vor der Kammer suchten Angreifer derweil weiter nach Parlamentariern, riefen: «Wo sind sie?»

Verspätet angerückte Verstärkung

Eine ähnliche Frage stellten sich andere: Wo blieben die erhofften, mittlerweile angeforderten Verstärkungen für die Polizei? Erst um 17.30 Uhr, nachdem schliesslich die Nationalgarde angerückt war, begann eine breit angelegte Offensive, die Angreifer aus dem Kapitol zu vertreiben. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte setzten Tränengas gegen die Menge ein und durchkämmten dann die Flure, um nach möglichen Nachzüglern zu suchen. Als es zu dunkeln begann, drängten Beamte in Kampfausrüstung den Mob Meter für Meter vom Kongressgebäude weg, inmitten von Tränengaswolken und dem Lärm von Granaten. 

Nicht lange danach setzten Abgeordnete und Senatoren ihre Arbeit fort, bestätigten am frühen Morgen des 7. Januar Bidens Wahlsieg, immer noch völlig schockiert von dem Aufstand – und dem katastrophalen Versagen des Sicherheitsapparates.                  

Zurück zur Startseite

ap