USA

Emotionale Trauerfeier für George Floyd — Biden: «Können Wunden heilen»

sda/dpa/toko

9.6.2020

Der gewaltsame Tod von George Floyd hat Amerika und die Welt erschüttert. Freunde, Angehörige und andere Gäste erwiesen ihm nun die letzte Ehre. Ein Zeichen der Anteilnahme aus dem Weissen Haus fehlt zunächst.

Gut zwei Wochen nach seinem Tod bei einem brutalen Polizeieinsatz haben die Angehörigen und Hunderte Ehrengäste Abschied von dem Afroamerikaner George Floyd genommen. Vor der Beisetzung kam die Trauergemeinde am Dienstag in der Kirche «The Fountain of Praise» in Houston im US-Bundesstaat Texas bei einer berührenden Trauerfeier zusammen. Der designierte demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden drückte seine Anteilnahme in einer emotionalen Videobotschaft aus, die in der Kirche gezeigt wurde. Biden rief zur Überwindung von Rassismus auf. Amerika habe keine andere Wahl, als es in Zukunft besser zu machen. «Wir können die Wunden dieser Nation heilen», sagte Biden.

Zu viele Schwarze in den USA «wachen auf und wissen, dass sie ihr Leben verlieren können, indem sie einfach ihr Leben leben», sagte Biden unter dem Applaus der Trauergäste . «Kein Kind sollte die Frage fragen müssen, die zu viele schwarze Kinder seit Generationen fragen mussten: Warum. Warum ist Papa weg.»

Der demokratische US-Präsidentschaftsbewerber Joe Biden in seiner Videobotschaft anlässlich der Beerdigung von George Floyd.
Der demokratische US-Präsidentschaftsbewerber Joe Biden in seiner Videobotschaft anlässlich der Beerdigung von George Floyd.
Bild: Keystone/AP/David J. Phillip

Ex-US-Vizepräsident Biden war am Montag persönlich nach Houston gereist, um Familienangehörige von Floyd zu treffen, darunter dessen sechs Jahre alte Tochter Gianna. In seiner Videobotschaft zeigte er sich am Dienstag empathisch, sprach von einem «tiefen Loch» in den Herzen der Familie und der Freunde — und bekam Applaus der Trauergemeinde.

«Wir wissen, dass ihr nie wieder dasselbe fühlen werdet», sagte Biden. Zu viele Schwarze in den USA «wachen auf und wissen, dass sie ihr Leben verlieren können, indem sie einfach ihr Leben leben», beklagte Biden. «Wenn George Floyd Gerechtigkeit erfährt, werden wir wirklich auf unserem Weg zur Rassengerechtigkeit in Amerika sein.» Dann würden Giannas Worte wahr, fügte Biden an die Adresse der Tochter hinzu: «Dein Vater wird die Welt verändert haben.»

«Wann war Amerika jemals grossartig?»

US-Präsident Donald Trump äusserte sich zunächst nicht zu der Trauerfeier, stattdessen griff er einen verletzten Demonstranten per Twitter an. Trump hat Floyds Tod mehrfach verurteilt. Ihm wird aber vorgeworfen, sich nicht klar gegen Rassismus zu positionieren und nicht genug Verständnis für den Zorn über Diskriminierung und Ungerechtigkeit im Land zu zeigen.

Floyds Nichte Brooke Williams sagte beim Gottesdienst: «Keine Hassverbrechen mehr, bitte. Jemand hat gesagt: ‹Make America Great Again›. Aber wann war Amerika jemals grossartig?» «Amerika wieder grossartig machen» war Trumps zentraler Wahlkampfslogan 2016. Williams bekam für ihre Worte viel Applaus.

Am Trauergottesdienst nahmen auch Floyds Kinder Gianna und Quincy Mason teil. Sein ältester Sohn trug wie andere Trauergäste eine Schutzmaske mit der Aufschrift: «I can't breathe» («Ich kann nicht atmen»). Diese Worte hatte Floyd kurz bevor er starb gesagt. Sie sind zu einem Motto bei den Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus geworden.

Der Pfarrer Al Sharpton (l) spricht mit Quincy Mason Floyd (M rechts), dem Sohn von George Floyd, vor der Beerdigung von George Floyd in der Fountain of Praise Kirche.
Der Pfarrer Al Sharpton (l) spricht mit Quincy Mason Floyd (M rechts), dem Sohn von George Floyd, vor der Beerdigung von George Floyd in der Fountain of Praise Kirche.
Godofredo A. Vásquez/POOL Houston Chronicle/AP/dpa

Massenproteste im ganzen Land

Der Tod Floyds hat nicht nur Massenproteste in aller Welt ausgelöst, sondern auch eine Debatte über Polizeireformen in den USA. Der Bürgermeister von Houston, Sylvester Turner, kündigte bei der Trauerfeier für Floyd ein Verbot von Würgegriffen und andere Massnahmen gegen Polizeigewalt an. «In dieser Stadt werden wir Deeskalation verlangen. In dieser Stadt wird man eine Warnung geben müssen, bevor man schiesst», sagte Turner. «In dieser Stadt hat man die Pflicht, einzuschreiten.»

Nach der Zeremonie in der Kirche sollte Floyds Leichnam am Dienstagnachmittag (Ortszeit) — eskortiert von der Polizei — zu einem Friedhof in der Nachbarstadt Pearland gebracht werden. Die letzte Meile (etwa 1,6 Kilometer) der Prozession sollte sein Sarg offiziellen Angaben zufolge in einer Pferdekutsche transportiert werden. Nach übereinstimmenden Medienberichten sollte Floyd anschliessend neben dem Grab seiner Mutter beigesetzt werden. Entlang der Strecke wurde mit vielen Zuschauern gerechnet. Die Stadt Pearland warnte vor extremen Temperaturen von weit mehr als 30 Grad.

Sargträger bringen den Sarg von George Floyd zur Beerdigung. 
Sargträger bringen den Sarg von George Floyd zur Beerdigung. 
Godofredo A. Vásquez/Pool Houston Chronicle/AP/dpa

Bereits am Montag waren Tausende zu Floyds aufgebahrtem Leichnam in die Kirche geströmt. Über Stunden nahmen Menschen an dem offenen, goldfarbenen Sarg Abschied von dem Mann, dessen Tod das Land aufgewühlt hatte. Floyd war in Houston aufgewachsen.

Der 46-Jährige war am 25. Mai in Minneapolis bei einem Polizeieinsatz getötet worden. Dabei hatte ein weisser Polizeibeamter sein Knie fast neun Minuten lang in den Nacken des am Boden liegenden Mannes gedrückt — trotz seiner wiederholten Bitten, ihn atmen zu lassen. Der Polizist und drei an dem Einsatz beteiligte Kollegen wurden entlassen, festgenommen und angeklagt. Floyd war wegen des Verdachts, mit einem falschen 20-Dollar-Schein bezahlt zu haben, festgenommen worden. Sein Tod löste Massenproteste gegen systematischen Rassismus und Polizeigewalt im ganzen Land und auch weltweit aus.


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