«Regionen mit tiefer Impfquote sind Brutstätten für Mutationen» 

gbi, SDA/DPA

27.11.2021

People wait to get vaccinated at a shopping mall, in Johannesburg, South Africa, Friday Nov. 26, 2021. Advisers to the World Health Organization are holding a special session Friday to flesh out information about a worrying new variant of the coronavirus that has emerged in South Africa, though its impact on COVID-19 vaccines may not be known for weeks. (AP Photo/Denis Farrell)
Hier gibt es den begehrten Impfstoff: Menschen warten in einem Impfzentrum im südafrikanischen Johannesburg darauf, dass sie an die Reihe kommen. 
Bild: AP Photo/Denis Farrell

In Afrika haben erst wenige Menschen die Covid-Impfung erhalten – nun taucht ausgerechnet dort eine neue, womöglich gefährliche Variante auf. Die WHO warnt schon länger vor genau diesem Szenario.

gbi, SDA/DPA

27.11.2021

In der Corona-Pandemie sitzt die ganze Welt im selben Boot – aber nicht in der gleich komfortablen Lage: Während in der Schweiz und anderen wohlhabenden Ländern darüber diskutiert wird, wie die Bevölkerung geboostert werden soll, hinken viele Länder Afrikas noch eine Impfdosis hintendrein – meist sogar zwei.

Erst 6,6 Prozent der Bevölkerung sind in Afrika vollständig gegen das Coronavirus geimpft.

Das sollte auch den Rest der Welt nicht kaltlassen, warnte bereits im Herbst Matshidiso Moeti, die für Afrika zuständige Regionaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation WHO: «Diese atemberaubende Ungleichheit und ein ernsthafter Rückstand bei den Impfstoff-Lieferungen drohen Regionen in Afrika mit tiefer Impfquote in Brutstätten für Varianten zu verwandeln, die gegen die Impfung resistent sind. Das könnte die ganze Welt zurück auf Feld eins schicken.»

Diese Warnung dürfte mit der neuen Variante B.1.1.529 manchen in den Ohren klingen. Die Variante trat erstmals im südlichen Afrika auf und versetzt Expert*innen und Regierungen weltweit in den Alarmzustand.



Wobei auch festgehalten werden muss: Es ist keineswegs sicher, wie gefährlich die neue Variante ist und ob sie den Impfschutz durchbrechen kann. Gleichwohl drängte die EU-Kommission die Mitgliedstaaten am Freitag bereits dazu, Einreisebeschränkungen gegen Reisende aus südafrikanischen Ländern zu erlassen.

Die Schweiz will erst die weitere Entwicklung beobachten. 

Die Weltgesundheitsorganisation WHO untersucht, ob B.1.1.529 als besorgniserregend eingestuft werden muss. Das sagte WHO-Expertin Maria van Kerkhove in einem Briefing. Es werde auch angeschaut, inwieweit die Variante Folgen für die Diagnostik, Therapien und die Impfkampagnen habe.

Booster-Impfungen «ein Skandal»

WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus schimpfte kürzlich richtiggehend über Auffrischimpfungen für gesunde Geimpfte. Diese ergäben keinen Sinn, solange Gesundheitspersonal und gefährdete Menschen in ärmeren Ländern noch auf ihre erste Impfdosis warteten. «Und trotzdem horten Länder mit den höchsten Impfraten mehr Covid-19-Impfdosen, während Länder mit niedrigen Einkommen weiter warten», sagte Tedros.

«Täglich werden weltweit sechsmal mehr Auffrischimpfungen verabreicht als erste Impfdosen in Ländern mit niedrigen Einkommen. Das ist ein Skandal, der jetzt gestoppt werden muss», so Tedros.

Afrika im Griff der vierten Welle

Dass das Virus sich nicht um Grenzen schert, hat bereits die Delta-Variante gezeigt. Es kann also nicht schaden, im Blick zu haben, was in Afrika passiert. In mehreren Staaten des Kontinents wütet derzeit eine vierte Infektionswelle, wobei der Trend bei den Neuinfektionen wieder rückläufig ist. Gegenüber der Vorwoche sank die Zahl um 11 Prozent, die Zahl der Todesfälle um 15 Prozent.

WHO zur Coronavirus-Variante B.1.1.529: Erforschung wird dauern

WHO zur Coronavirus-Variante B.1.1.529: Erforschung wird dauern

Die Weltgesundheitsorganisation WHO rät von Reisebeschränkungen wegen der in Südafrika nachgewiesenen neuen Coronavirusvariante vorerst ab. Nach den Worten eines WHO-Sprechers in Genf wird es «einige Wochen» dauern, bis mehr Klarheit herrscht.

26.11.2021

In Südafrika dagegen steigen die Fallzahlen wieder. Das südafrikanische Institut für Ansteckende Krankheiten (NICD) teilte am Donnerstag mit, es seien in Südafrika erst 22 Fälle von B.1.1.529 nachgewiesen worden. Mit mehr Fällen sei im Zuge der laufenden Genomanalysen zu rechnen.

«Obwohl die Datenlage noch beschränkt ist, machen unsere Experten mit allen Überwachungssystemen Überstunden, um die neue Variante und die damit möglicherweise verbundenen Implikationen zu verstehen.»

Insgesamt wurden bisher in Afrika laut der Gesundheitsorganisation der Afrikanischen Union (CDC) rund 8,6 Millionen Infektionen registriert, von denen mehr als 222’000 tödlich verliefen. Die Dunkelziffer dürfte nach Angaben John Nkengasongs von der CDC allerdings höher liegen.

Nkengasong begründet die niedrige Impfquote unter anderem mit logistischen Problemen und ruft dazu auf, in den einzelnen Staaten wieder verstärkt zu testen. Die CDC versucht, die Mittel der afrikanischen Staaten zu bündeln und Massnahmen im Kampf gegen die Pandemie zu koordinieren. Bisher hat Afrika laut CDC rund 403 Millionen Impfdosen beschafft, von denen 55 Prozent verabreicht wurden.

Schweiz geht mit gutem Beispiel voran

Abhilfe schaffen soll auch die internationale Covax-Initiative, die auch von der Schweiz unterstützt wird und eine gerechte Verteilung der begehrten Impfstoffe fördern soll. Doch die Zahl der zugesagten Impfdosen für ärmere Länder musste bereits mehrfach nach unten korrigiert werden.

«Exportverbote und das Horten von Impfstoffen würgen die Belieferung von Afrika ab», kritisiert WHO-Direktorin Moeti. Solange reiche Länder Covax aus dem Markt drängen würden, drohe Afrika seine Impfziele zu verpassen. Bis Ende 2022 sollen 70 Prozent der Bevölkerung auf dem Kontinent vollständig geimpft sein.

Die Schweiz machte hierbei gerade einen ersten Schritt: Als erstes Land ist sie nun dem Aufruf der Covax-Initiative gefolgt, in der Impfstoff-Warteschlange hinten anzustehen. Das teilte die Gavi-Allianz am Donnerstag mit, die für die Beschaffung und Lieferung von Covax zuständig ist.