Verzweifelter Hilferuf in Tigray – Dramatische Hungersnot droht

AP

2.7.2021

Vertriebene aus der Region Tigray stehen Schlange, um von Anwohnern gespendete Lebensmittel in einem Aufnahmezentrum für Binnenvertriebene zu erhalten. Foto: Ben Curtis/AP/dpa
Vertriebene aus der Region Tigray stehen Schlange, um von Anwohnern gespendete Lebensmittel in einem Aufnahmezentrum für Binnenvertriebene zu erhalten.
Bild: Ben Curtis/AP/dpa

Seit Beginn des Krieges um Äthiopiens Tigray-Region ist nur wenig über das Schicksal Hunderttausender Menschen in abgeschnittenen Gebieten bekannt geworden. Ein jüngster Brief beschreibt Einzelheiten – mehr als schockierend.

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2.7.2021

Der verzweifelte Brief kam aus einem entlegenen Gebiet in Äthiopiens Konfliktregion Tigray. Helft uns, hiess es darin, Menschen «fallen wie Blätter». Das Schreiben vom 16. Juni, abgestempelt und unterzeichnet von einem hochrangigen örtlichen Beamten, bietet einen seltenen Einblick in das Schicksal zumindest einiger der Hunderttausenden Menschen, die seit Monaten von der Aussenwelt abgeschnitten sind.

Im November 2020 war ein lange schwelender Konflikt zwischen der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) und der Regierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed eskaliert. Abiy schickte – von Eritrea unterstützte – Truppen nach Tigray und entmachtete die TPLF, die zu einem Guerillakrieg überging. Bei den Kämpfen sind Tausende Zivilisten getötet worden, und den USA zufolge sind bis zu 900'000 Menschen in Tigray von einer Hungersnot bedroht.



Aber konkret ist wenig bekannt über die weiten Gebiete der Region, die sich seit November unter der Kontrolle von Kämpfern aller Seiten befinden. Angesichts blockierter Strassen und andauernder bewaffneter Auseinandersetzungen haben humanitäre Gruppen keinen Zugang zu den betroffenen Menschen. Eine Chance erhoffen sie sich von einer einseitigen Waffenruhe, die Äthiopiens Regierung kürzlich verkündet hat, nachdem die Tigray-Kämpfer wieder die Kontrolle über die Regionalhauptstadt Mekele übernommen hatten und Regierungssoldaten geflohen waren.

Sexuelle Ausbeutung und kein sauberes Wasser

Allerdings ist die Feuerpause am Wackeln, sie sei ein «kranker Witz», sagte ein Sprecher der Tigray-Kämpfer. Man werde nicht ruhen, bis die Region vollständig befreit sei.

Der Brief mit dem Hilferuf, den die Nachrichtenagentur AP einsehen konnte, gelangte aus dem abgeschnittenen zentralen Bezirk Mai Kinetal nach Mekele. Er enthält viele Einzelheiten, die sonst sehr rar sind, wie ein regionaler Gesundheitsbeamter in Tigray sagte.

A destroyed tank sits by the side of a road leading to Abi Adi, in the Tigray region of northern Ethiopia Tuesday, May 11, 2021. (AP Photo/Ben Curtis)
Gewalt und Tod sind in Äthiopiens Krisenregion Tigray derzeit alltäglich. (Symbolbild)
Bild: AP Photo / Ben Curtis

Demnach sind in dem Bezirk mindestens 440 Menschen ums Leben gekommen und mindestens 558 Opfer sexueller Gewalt geworden. Mehr als 5000 Häuser wurden geplündert, Viehbestände geraubt und Tonnen an Ernteerträgen verbrannt. «Es gibt keinen Zugang zu sauberem Wasser; Elektrizität, Telefonverbindungen, Banking, Gesundheitsfürsorge und der Zugang zu humanitärer Hilfe sind blockiert», schrieb der Offizielle, Berhe Desta Gebremariam.

«Leute sind nicht in der Lage sich zu bewegen, um ihr Leben zu retten, weil eritreische Soldaten uns völlig belagern, ohne Transportmöglichkeiten, und sie sind dazu verdammt, zu leiden und zu sterben.»

«Wir wissen, dass überall Menschen sterben»

Ausgeplünderte Bauern in dem weitgehend landwirtschaftlichen Bezirk hätten keine Samen, um Nahrung anzubauen, teilte Berhe weiter mit, und er warnte, dass 2021 und 2022 katastrophal würden, wenn es keine Hilfe gebe. Bislang ist nur eine Hilfslieferung nach Mai Kinetal gelangt, aber sie reichte nur für die Hälfte der Einwohner – und wurde später von eritreischen Soldaten geplündert.

Einwohner, die zu Fuss aus Mai Kinetal geflüchtet sind, berichteten ebenfalls, dass Menschen am Verhungern seien, bestätigte der regionale Gesundheitsbeamte in Tigray, der seinen Namen aus Furcht vor Vergeltung nicht genannt haben wollte. «Es ist so schrecklich. es ist so schrecklich», sagte er. «Wir wissen, dass überall Menschen sterben.» Auf Mai Kinetal angesprochen verlautete aus ranghohen UN-Kreisen für humanitäre Hilfe, es sei «besonders kritisch für uns», dieses Gebiet zu erreichen.

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen befinden sich weiterhin 1,6 Millionen Menschen in Tigrays schwer zu erreichenden Gebieten, und das UN-Kinderhilfswerk sprach unlängst von mindestens 33'000 ernstlich unterernährten Kindern, die dort «unmittelbar vom Tod bedroht» seien, wenn es nicht mehr Hilfe gebe.

Und das könnte so kommen. Äthiopiens Regierung hat bereits angekündigt, dass sie ihre einseitige Feuerpause beenden werde, wenn die Ackerbausaison in Tigray vorbei sei, das heisst, im September. Wie Samen und andere für die Landwirtschaft benötigte Dinge rechtzeitig zu den Bauern in der Region gelangen werden, ist unklar.

Einheimische bereiten sich auf das Schlimmste vor

Für Menschen mit Angehörigen in den unzugänglichen Gebieten hat der spärliche Informationsfluss Monate voller Sorge und Verzweiflung bedeutet. «Jedes Mal, wenn ich die Gelegenheit habe, mit jemandem zu sprechen, der aus dem Gebiet fliehen konnte, ist es wie eine neue Runde von Schmerz und Schock, immer und immer wieder», sagt Teklehaymanot G. Weldemichel, der aus Mai Kinetal stammt.

Das Haus seiner Familie in dem Bezirk sei am Anfang des Krieges beschossen worden, und als seine Eltern später dorthin zurückgekehrt seien, hätten sie es ausgeplündert vorgefunden – von eritreischen Soldaten, die alles mitgenommen hätten, sogar Fotoalben.



Ein anderer Mann aus Mai Kinetal, der nur seinen Vornamen – Tsige – nennt und in Japan studiert, konnte bislang nur einmal mit seiner Mutter in der Heimat telefonieren, seit der Krieg begann, und sie hat von heftigen Kämpfen und Bluttaten eritreischer Soldaten berichtet. Demnach töteten sie gnadenlos Einwohner, die der Verbindungen zu Tigray-Kämpfern verdächtigt wurden, und ein Verwandter, der sich geweigert habe, den Soldaten sein Vieh zu übergeben, sei vor den Augen seines Enkels umgebracht worden.

«Jeder Tag könnte einen Wandel im Leben meiner Familie bedeuten», sagt Tsige. «Ich muss mich auf das Schlimmste vorbereiten. Alle paar Minuten denkst du an deine Familie, sind sie am Leben?»