Darum wird es keine Transparenz im Fall Nawalny geben

Von Carsten Hoffmann, dpa/uri

8.9.2020

Der deutsche Bundestag und dahinter das Bettenhaus des Universitätsklinikums Charité, in dem der vergiftete Kremlkritiker Nawalny behandelt wird. 
Bild: Keystone

Der Ton zwischen Russland und Deutschland im Fall Nawalny wird immer schärfer. Und Berlin wird Moskau sicher nicht den Gefallen tun, genau darzulegen, wie man den Nowitschok-Nachweis beim Vergifteten erbracht hat.

Nach der Vergiftung des Kremlkritikers Alexej Nawalny werden Verschwörungstheorien gestreut, die Zweifel an der Analyse eines deutschen Bundeswehrlabors keimen lassen sollen. Völlige Offenheit gegenüber Russland wird es in dem Fall aber nicht geben.

«Unbefugtes Betreten ist verboten! Vorsicht Schusswaffengebrauch!»: Das Institut für Pharmakologie und Toxikologie liegt im süddeutschen München in einem militärischen Sicherheitsbereich.

Auf dem Gelände gilt ein Fotografier- und Filmverbot. Mehr als 40 Experten arbeiten in dem Labor, das weltweit zu den führenden Institutionen für die Analyse chemischer Kampfstoffe und zu 17 zertifizierten Laboren der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) zählt.

Verschwörungstheorien kursieren

Wie ein Lauffeuer war in der vergangenen Woche die Nachricht um die Welt gegangen, dass dort im Fall des vergifteten Kremlkritikers Alexej Nawalny der «zweifelsfreie Nachweis» eines chemischen Nervenkampfstoffes aus der Nowitschok-Gruppe erbracht wurde, wie es der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert gesagt hatte. Nowitschok-Kampfstoffe basieren auf Phosphorsäureestern und gehören damit zu einer Gruppe mit Pflanzenschutzmitteln wie E605.

Alexej Nawalny bei seiner Ankunft in Berlin. (Archiv)
Bild: Keystone

Seit der Erklärung kursieren auch Verschwörungstheorien und gezielte Desinformationen, die Zweifel am Untersuchungsergebnis einer in Russland erfolgten Vergiftung sähen sollen. Der Geheimdienst von Belarus – schon vor der schweren Wahlkrise nicht als neutrale Informationsquelle zu betrachten – will gar ein Telefonat zwischen Berlin und Warschau mit Abmachungen einer Inszenierung «mitgeschnitten» haben.



Trotzdem gilt es Experten als unwahrscheinlich, dass die deutsche Regierung den kompletten Nachweisweg - teils geheimes Handwerkszeug der Bundeswehrwissenschaftler – mit der russischen Seite teilen könnte. Zu viel der eigenen Fähigkeiten müsste man preisgeben. Dass man sich in Berlin aber vollständig sicher ist, liegt an der Expertise der militärischen Experten, die genau in diesem Bereich des Schutzes vor chemischen Kampfstoffen forschen.

Dienste haben verschiedene Nowitschok-Proben

Das Institut nimmt «die wissenschaftliche Leitfunktion in den Bereichen der Spezialdiagnostik von durch chemische Kampfstoffe hervorgerufene Gesundheitsstörungen und -Expositionen wahr», so die Bundeswehr. Und zu den Fähigkeiten: «Dies umfasst im Schwerpunkt die Entwicklung von Antidoten, also Gegenmitteln und Therapieverfahren zur Behandlung von Vergiftungen durch Haut- und Nervenkampfstoffe. Zudem kann das Institut die Verifikation, also den zweifelsfreien Nachweis von Vergiftungen durch chemische Kampfstoffe durchführen.»

Ein Versuchshase rennt im Jahr 1987 in einer russischen Forschungseinrichtung zu Chemiwaffen. Das Bild wurde bei einem Besuch westlicher Diplomaten und Journalisten aufgenommen. (Archiv)
Bild: Keystone

Für den Nachweis wurden Blut und Urin Nawalnys analysiert, aber auch Materialproben, die aus der Kleidung genommen wurden. Die Forscher stützen sich auch auf Referenzproben, die Deutschland in den 90er Jahren nach Art eines Spionage-Dramas – es war die Zeit der zerfallenden Sowjetunion - in die Hände gefallen sind. Ein russischer Wissenschaftler war nach früheren Berichten mit dem Stoff übergelaufen.

Auf den Fall und die sehr genauen Erkenntnisse wies am Montag der deutsche Innenpolitiker Patrick Sensburg hin. «Die westlichen Dienste haben natürlich Nowitschok-Proben, um die unterschiedlichen Formen aus dieser Gruppe nachweisen zu können», sagte der Christdemokrat am Rande einer Sitzung des für die Geheimdienste zuständigen Parlamentarischen Kontrollgremiums. Diese Proben habe man sich durch «nachrichtendienstliche Erkenntnisse» beschaffen können, sagte er im Interview der «Welt». «Das hat die Russen sehr geärgert.»

Ball liegt jetzt in Russland

Im Fall Nawalny liegt der Ball für die deutsche Regierung nun klar in Russland, wo der Oppositionelle am 20. August in Sibirien plötzlich erkrankt und dort im Krankenhaus mit dem Verdacht auf eine Vergiftung behandelt worden sei. Sicher wurde ihm auch dort Blut abgenommen. «Alle Beweismittel, Zeugen, Spuren etc. befinden sich natürlich an dem Ort, an dem die Tat begangen wurde, also vermutlich irgendwo in Sibirien», sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes.



Vorhaltungen an Deutschland, die Bearbeitung dieser Untersuchung zu verzögern, trügen schon deshalb nicht, weil Russland auch ohne deutsche Hilfe diese Untersuchung durchführen könne, «wenn es dazu bereit und interessiert daran wäre». Er sagte: «Aufgrund der vor Ort erfolgten zweitägigen medizinischen Behandlung nach der Tat ist auch davon auszugehen, dass sich alles, was notwendig ist, um dem nachzugehen, in Russland unter dem Zugriff der russischen Behörden befindet.»

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