Darum trifft die dritte Welle Tschechien besonders schwer

tafu, mit Material der dpa

4.3.2021

epa08761652 Women wearing a protective face masks take selfie on almost abandoned Charles Bridge in Prague, Czech Republic, 21 October 2020. The Czech Republic recorded a rise in the COVID-19 disease, an increase in newly detected infections exceeding 11,000 in last days, resulting in the government to impose a series of new further restrictive measures from 22 October, with mandatory masks in outside places from 21 October. EPA/MARTIN DIVISEK
Touristen sichtet man auf der Karlsbrücke in Prag nur noch selten. (Archivbild)
Bild: Keystone/EPA/Martin Divisek

tafu, mit Material der dpa

4.3.2021

Während sich viele Länder aus dem Lockdown in kleinen Schritten herauswagen, ist die Lage in Tschechien dramatisch. Doch wie konnte es zu so hohen Ansteckungszahlen kommen, feierte man doch im Juni noch das Ende der Pandemie?

«Wir haben viele Fehler gemacht.» Tschechiens Regierungschef Andrej Babiš gibt sich reumütig, wenn es um die Corona-Strategie seines Landes geht. Denn die Lage ist ernst: Am Mittwoch meldeten die Behörden 16'642 neue Corona-Fälle binnen 24 Stunden, die Sieben-Tage-Inzidenz erreicht mit 780 Infektionen pro 100'000 Einwohner einen Rekord – es ist der höchste Wert weltweit. Auch die Zahl der stationär behandelten Menschen ist mit 8162 Personen auf einen Höchstwert seit Beginn der Pandemie in Tschechien gestiegen.

Während sich andere Länder langsam aus dem Lockdown herauswagen, wenn auch teils in kleinen Schritten, muss Tschechien seine Massnahmen noch verschärfen: Es herrscht Maskenpflicht in der Öffentlichkeit, Schulen und Geschäfte, die nicht der lebensnotwendigen Versorgung dienen, müssen geschlossen bleiben. Ausserdem dürfen Bürger ihren Bezirk nur im Notfall verlassen.

Doch was ist passiert in dem Land, das noch im Sommer fest davon überzeugt war, das Virus besiegt zu haben? Da feierte man nämlich öffentlichkeitswirksam ein grosses Picknick auf der berühmten Karlsbrücke in Prag – ohne Masken, ohne Abstand. Ebendiese Brücke, die zu normalen Zeiten ein Touristenmagnet ist, wirkt aktuell wieder wie ausgestorben. Ein klassischer Fall von «Zu früh gefreut». 

Gefahr der vorschnellen Lockerungen 

Der Wunsch nach Lockerungen ist natürlich in jedem Land gross, gefühlt schon viel zu lang dauern die Massnahmen, die das Volk in Kauf nehmen muss. So ist die Gefahr, vorschnell zu einer vollständigen Normalität zurückzukehren, ein ständiger Begleiter.

Davon kann aktuell auch US-Präsident Joe Biden ein Lied singen. Greg Abbott, republikanischer Gouverneur des Bundesstaats Texas, erklärte am Dienstag, die Maskenpflicht und alle Kapazitätsgrenzen für Restaurants und andere Betriebe würden aufgehoben. Auch im Bundesstaat Mississippi will Gouverneur Tate Reeves alle Anordnungen zum Tragen von Masken und Kapazitätsgrenzen für Restaurants und Firmen beenden.

«Wir sind in der Lage, Covid einzudämmen und Texas sicher zu 100 Prozent zu öffnen», schrieb Abbott auf Twitter. Das sieht der US-Präsident anders. «Ich glaube, dass es ein grosser Fehler ist», sagte Biden am Mittwoch. «Das Letzte, was wir brauchen, ist ein Neandertaler-Denken, dass in der Zwischenzeit alles in Ordnung ist.»

Denn in Ordnung ist die Lage keinesfalls. Das bestätigt auch Immunologe Anthony Fauci und nannte die Rücknahme der Schutzmassnahmen «unerklärlich» und «unüberlegt». Auf CNN erklärte er, bereits vor Monaten hätten die USA erlebt, wie die Fallzahlen wieder bedenklich zugenommen hätten, nachdem manche Bundesstaaten die Richtlinien der Experten nicht befolgt hätten.

Vertrauen in die Regierung ist verloren

So auch in Tschechien: Die Gründe für die aktuell prekäre Lage sind vielschichtig, wie SRF analysiert. Zu Beginn der Pandemie kam es in Tschechien zu weniger Infektionen als anderswo. Und trotzdem fror die Regierung das öffentliche Leben als eines der ersten Länder ein, Masken wurden verpflichtend.

Die Strategie wirkte, im Sommer war der Jubel gross. Allerdings nicht lange: Zum Ende des Sommers stiegen die Fallzahlen an, Experten rieten zu Maskenpflicht und Einschränkungen, doch die Regierung wollte nicht auf die Wissenschaftler hören. Auch nicht im Herbst, als die zweite Welle eindeutig anrollte. Statt wie empfohlen die Geschäfte zur Vorweihnachtszeit zu schliessen, blieben diese geöffnet.



Durch Fehleinschätzungen und halbherzige Entscheidungen verlor die Regierung immer mehr an Vertrauen. «Das Problem sind die Menschen, die uns regieren», erklärte eine Bürgerin im Interview mit dem «Spiegel». «Die Menschen haben die Schnauze voll, Politiker brechen ständig die Regeln, die sie selbst aufgestellt haben. Und dann sind sie überrascht, wenn Menschen mit geringerem IQ sagen, dass sie die Regeln auch nicht einhalten wollen.»

Im Stich gelassen

Diese Frustration spiegelt sich im Verhalten der Bürger wieder. Nach Angaben von SRF gehe jeder Zweite in Tschechien trotz Corona-Symptomen arbeiten. Denn man fühle sich von der Regierung im Stich gelassen, zu Hause bleiben bedeute massive finanzielle Einbussen. Wer in Quarantäne ist, bekommt nur 60 Prozent des Lohns. Die bereitgestellten Hilfen der Regierung reichen bei Weitem nicht aus.

Des Weiteren versuchen viele Tschechen, die Einschränkungen mit Tricks zu umgehen. So begannen beispielsweise Gastronomen, in ihren Lokalen politische Versammlungen auszurichten, um legal wieder öffnen zu können. Denn solche Veranstaltungen sind erlaubt. 

Ein Schlupfloch unter vielen, wie auch Impfkoordinator Robin Sin im Gespräch mit dem «Spiegel» verdeutlicht. Es reiche nicht, den Bewegungsradius zu verkleinern, da es seiner Meinung nach unmöglich sei, dies zu überwachen. «Wenn man sich die Liste der Ausnahmen anguckt, die sogar vom Ministerium genehmigt wurde, dann kann wirklich jeder einen Grund für eine Ausnahme erfinden.»

epa08518695 Diners sit at a gigantic table measuring 515 meters (1,690 feet) in length and spanning the entirety of the iconic Charles Bridge in Prague, Czech Republic, 30 June 2020. The massive dinner party came after an easing of the restrictions imposed in a bid to slow down the spread of the pandemic COVID-19 disease caused by the SARS-CoV-2 coronavirus. The event's organizers covered the colossal table with a white tablecloth and adorned it with flowers. Attendees were encouraged to bring their own food and share it with others. The still-low number of foreign visitors to the Czech Republic due to the coronavirus pandemic also provided an opportunity for locals to enjoy one of their city's most famous landmarks without the habitual hubbub from the throngs of tourists that usually crowd the picturesque capital. EPA/MARTIN DIVISEK
Am 30. Juni 2020 wurde auf der Prager Karlsbrücke mit einem grossen Picknick gefeiert, dass Tschechien erfolgreich gegen die Pandemie vorgegangen war.
Bils: Keystone/EPA/Martin Divisek

Hilfe aus dem Ausland

Missmanagement bei der Bewältigung der Pandemie räumt inzwischen auch die Regierung ein. «Ich weiss, dass die Regierung viele Fehler gemacht hat in der Vergangenheit, aber ich bitte Sie eindringlich, uns noch einmal eine Chance zu geben», erklärte Regierungschef Andrej Babiš anlässlich der Verschärfung der Massnahmen. «Nur so können wir gemeinsam durch diesen Notstand kommen und das Virus in den nächsten drei Wochen stoppen und zur Normalität zurückkehren.»

Allein scheint Tschechien die Situation allerdings nicht bewältigen zu können. Nach Aussage von Innenminister Jan Hamacek stehe man im Gespräch über ausländische Hilfe. Deutschland stelle 19 Betten zur Verfügung – mit einer Option auf Dutzende. Die Schweiz sei bereit, ein Flugzeug zu entsenden und 20 Patienten aufzunehmen. Polen habe rund 200 Betten angeboten.



Ausserdem sind aus Deutschland bereits 15'000 zusätzliche Impfstoff-Dosen der Firma AstraZeneca an Tschechien geliefert worden. Die Bundesländer Sachsen, Thüringen und Bayern hatten die gemeinsame Spende angekündigt, die für die grenznahen Corona-Hotspots im Westen Tschechiens bestimmt ist.

Angesichts der verzweifelten Lage sollen nun auch weitgehend unerprobte Medikamente versuchsweise eingesetzt werden. Im Universitätskrankenhaus in Brno trafen 10'000 Packungen des Antiparasitikums Ivermectin ein. Dafür hatte sich Regierungschef Andrej Babiš persönlich eingesetzt: «Wir sagen, dass wir nicht auf klinische Studien warten können, lasst uns das versuchen.»