Kriegsgewinne

Wer an den Waffenlieferungen an die Ukraine verdient

Von Stefan Michel

26.11.2022

Der Westen, allen voran die USA, liefern für Milliarden Dollars Waffen an Kiew. Wer bezahlt sie – und wer streicht die Gewinne ein? Die knappe Antwort: die Steuerzahlenden und die Rüstungsfirmen. Es geht aber auch ausführlicher.

Von Stefan Michel

26.11.2022

Waffen aus dem Westen erhält die Ukraine schon seit 2014, seit der Konflikt im Donbass mit Gewalt ausgetragen wird und Russland die Krim annektiert hat. Doch kaum ist die russische Armee am 24. Februar in die Ukraine einmarschiert, haben die Lieferungen schweren Militärgeräts an Kiew deutlich zugenommen.

Gegen 40 Milliarden Euro sind seit der Invasion in Form von Militärhilfe an die Ukraine geflossen, gemäss den Zahlen des Ukraine Support Tracker des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Auf ähnliche Beträge kommt das US-amerikanische Forum on the Arms Trade

Wer zahlt das alles und wer verdient daran? Die erste Frage lässt sich mit einem Wort beantworten: Steuerzahlende. Die Waffen, die an die ukrainischen Streitkräfte gehen, stammen entweder direkt aus Rüstungsfabriken oder aus Beständen westlicher Armeen, wo sie nach der Weitergabe ersetzt werden. Allen gemein ist, dass sie aus den Haushalten der jeweiligen Länder oder der EU finanziert worden sind.

Der Beitrag der ukrainischen Rüstungsindustrie

Die Ukraine soll auch schon selber Waffen eingekauft haben, wie der «Tagesspiegel» berichtet hat. Der Anteil auf eigene Rechnung im Ausland gekaufter Waffen am gesamten Arsenal der Ukraine ist aber unbedeutend.

Die Ukraine hat als ehemalige Sowjetrepublik eine beachtliche Rüstungsindustrie geerbt. Jedoch sei diese in den folgenden Jahrzehnten stark geschrumpft und habe von wenigen Ausnahmen abgesehen keine High-Tech-Rüstungsgüter produziert, heisst es in einem Artikel des US-Thinktanks Foreign Policy Research Institute. 

Die russische Annexion der Krim und der Beginn des bewaffneten Konflikts haben dies teilweise korrigiert. Seit der russischen Invasion 2022 kämpfen die ukrainischen Rüstungsbetriebe vor allem mit russischen Luftangriffen. Als wichtigsten Beitrag der heimischen Waffenhersteller nennt das Foreign Policy Research Institute nun deren Fähigkeit, militärische Ausrüstung zu reparieren.

Westlichen Rüstungsfirmen gehen die Waffen aus

Aber zurück zur Frage, wer an den Waffenlieferungen aus dem Westen verdient: Die Hersteller erfreuen sich guter Verkäufe, seit in der Ukraine materialintensive Panzer- und Artillerieschlachten stattfinden. Sowohl aus den USA als aus Europa kommen Berichte, dass die Bestände zur Neige gehen. 

Die Lager leer, die Auftragsbücher voll – das ist ein durchaus positives Szenario für jedes produzierende Unternehmen. Die Rüstungsfirmen könnten mehr verkaufen, als sie effektiv tun. Jedoch ist es ihnen gemäss Experten nicht möglich, ihre Produktion kurzfristig zu erhöhen: Zu komplex ist die Herstellung moderner Waffensysteme, nur schon wegen der vielen Komponenten und Materialien, die von Zulieferern kommen. 

Sicher ist: Die Rüstungsfirmen, die die in der Ukraine gefragten Güter liefern, können diese gut verkaufen. Dies umso mehr, als dass auch verschiedene westliche Staaten ihre Armeen modernisieren wollen. Der deutsche Konzern Rheinmetall hat vor Kurzem bekannt gegeben, dass sein Gewinn deutlich gewachsen sei.

Vom Höhenflug des auch hierzulande tätigen deutschen Konzerns profitieren auch Schweizer Firmen, die diesen mit Komponenten beliefern, wie Swissinfo berichtet. Dies, obwohl die Exportmöglichkeiten der Schweizer Firmen gesetzlich begrenzt sind.

Gute Geschäfte machen zudem Rüstungsfirmen in Osteuropa. Gemäss einem Bericht von Swissinfo haben sie zuerst ihre Lager an Waffen und Munition aus der Sowjetära geleert. Nun produzieren sie sowohl alte als auch neue Militärgüter für die Ukraine. Der CEO des polnischen staatlichen Unternehmens PGZ gibt an, 2023 1000 tragbare Luftabwehrwaffen zu produzieren. 2022 hätten 600 solcher Manpads das Werk verlassen, in den Jahren davor seien es 300 bis 350 gewesen.

Rüstungsaktien bewegen sich auf und ab

Zu den grössten Rüstungsfirmen der Welt gehören aber weder Rheinmetall noch osteuropäische und auch keine Schweizer Firmen in diesem Sektor. Die Aktienkurse der am teuersten bewerteten Hersteller von Militärgütern sind zu Beginn des Krieges in die Höhe geschossen, haben dann aber wieder nachgegeben und bewegen sich seither auf und ab. Die Aktionäre haben also noch keine enormen Gewinne gemacht. Aktienkurse sind jedoch immer eine Momentaufnahme. Die Profite können sich noch einstellen.

Einen weiteren Vorteil für die Unternehmen, die die Ukraine mit Rüstungsgütern beliefern, nennt die «New York Times»: Obwohl zum grossen Teil mit Material und Taktik aus dem Zweiten Weltkrieg ausgetragen, sei dieser Krieg ein Beta-Test für westliche Waffen und andere militärische Ausrüstung.

So kämen das amerikanische Aufklärungssystem namens Delta und Anti-Drohnen-Waffen des Typs SkyWiper breit zum Einsatz und können aufgrund der nun im Feld gewonnenen Erfahrungen verbessert werden.  

Die Weltwirtschaft profitiert nicht

Profitieren die Volkswirtschaften der liefernden Länder von den guten Verkäufen ihrer Rüstungsbetriebe? Die aktuelle Situation der Weltwirtschaft deutet nicht darauf hin. Im besten Fall hat der gestiegene Umsatz der Waffenindustrie den Schaden gemindert.

Zuletzt zeigt der Umfang der US-Waffenlieferungen an die Ukraine deren Bedeutung. Für 27,6 Milliarden Dollar hat nordamerikanische Militärausrüstung den Weg in das angegriffene Land gefunden. Das ist rund 1,5 Prozent des Militärbudgets der USA.