Wie der 17-jährige Herschel Rache übt – und ein tödliches Inferno entflammt

9.11.2018 - 00:00, Philipp Dahm

Das von einem jungen Juden aus Hannover verübte Attentat auf eine NS-Grösse dient mit als Anlass: Am 9. November 1938 entfesselt die Kristallnacht einen mörderischen Mob. 

Der Junge, der hier beim Polizei-Verhör fotografiert wird, ist in Hannover geboren, formal staatenlos, aber eigentlich ein Deutscher mit polnischen Wurzeln. Er ist 17 Jahre alt und hat einen Mord begangen. Es ist der 8. November 1938.
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Was ist passiert? Die NS-Propaganda schreibt über Herschel Seibel Grynszpan: «Der polnische Jude, der gestern in Paris den Legationssekretär vom Rath von der Deutschen Botschaft durch Revolverschüsse schwer verletzte nach seiner Verhaftung.»
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Das Opfer, das am 7. November 1938 zweimal getroffen wird, ist Ernst vom Rath. Der deutsche Diplomat und Grynspan kennen sich offenbar aus der homosexuellen Szene von Paris.
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Herschel lässt sich widerstandlos verhaften und bekundet, er habe mehrere tausend Juden rächen wollen. Seine Eltern hatten Deutschland zuvor verlassen müssen.
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Onkel und Tante beobachten den Prozessauftakt in Paris: Abraham und Chawa Grynszpan hatten Herschel in Frankreich beherbergt.
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Herschel auf dem Weg zum Richter: Seine Verhandlung in Paris beginnt keinen Monat nach der Tat am 2. Dezember 1938.
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Deutschland fordert Herschels Auslieferung, um ihm einen Schauprozess zu machen. Paris zögert erst, dann lässt es sich Zeit mit einem Prozess. Nach dem Angriff auf Frankreich ...
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... hasten hohe NS-Beamte umgehend nach Paris. Herschel ist da schon weg. Er soll mit anderen Gefangenen nach Süden verlegt werden. Der Transport wird angegriffen, die Häftlinge fliehen.
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Herschel spricht jedoch kaum Französisch, fällt sofort auf und wird nach kurzer Flucht wieder festgenommen und nach Deustchland abgeschoben.
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Der Schauprozess wird nie stattfinden: Die Nazis wollen nicht, dass Grynszpan offen über seine homosexuellen Kontake zu NS-Funktionären spricht. Ernst vom Rath wird unter grossem Tamtam ...
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... Mitte November 1938 beigesetzt. Er gilt in der NS-Propaganda nun als Blutzeuge. Das ist das Nazi-Wort für Märtyrer.
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Herschels Spur verliert sich im Krieg. Es ist unklar, ob er den Holocaust überlebt hat.
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Wer im Dritten Reich im Jahr 1936 Jude ist, dem weht ein strammer, kalter Wind ins Gesicht. Seit Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler drei Jahre zuvor greifen Schlägertrupps der Sturmabteilung (SA) immer wieder jüdische Geschäfte und Bürger an. Tausende sind ohne Job, weil ihnen die Arbeit als Beamte, Richter oder Rechtsanwalt verboten worden ist. Seit 1935 gelten die Nürnberger Gesetze, die als «Rassenschande» unter Strafe stellen, wenn Juden sich mit Nichtjuden einlassen.

Attentat in Davos hätte beinahe Kristallnacht entzündet

Ein böser Schlag ist das für jene Patrioten, die für den Kaiser in den Ersten Weltkrieg gezogen sind. Von 550'000 deutschen Juden waren 100'000 an der Front. 12'000 jener Soldaten sind für Wilhelm II. gefallen, 35'000 wurden während des Konflikts ausgezeichnet. 1936 werden Juden dagegen höchstens verzeichnet – in der «Judenkartei» der Geheimen Staatspolizei. Die NSDAP tut alles, um die Minderheit zum Staatsfeind Nummer eins und zum Sündenbock für alles zu machen, was im Reich schiefläuft.

Wilhelm Gustloff baut zwischen 1932 und 1934 27 Stützpunkt und 14 Ortsgruppen der NSDAP in der Schweiz auf.

Das bekommt auch Herschel Grynszpan zu spüren. Obwohl der Junge aus Hannover erst 15 Jahre alt ist, will er dieses Land verlassen, das ihm ausser Bitterkeit nichts mehr zu bieten hat. Seine Ausreise fällt Anfang des Jahres beinahe ins Wasser: Reichskulturminister Joseph Goebbels überlegt, im grossen Stil «Aktionen» gegen die Israeliten durchzuführen, weil ihm ein historisches Ereignis in der Schweiz den perfekten Vorwand liefert.

Der jüdische Student David Frankfurter erschiesst in dessen Davoser Wohnung einen Mann namens Wilhelm Gustloff. Goebbels nutzt den Mord am Landesgruppenleiter der NSDAP-Auslandsorganisation in der Schweiz nur deshalb nicht für sein geplantes Pogrom, weil Berlin vor den Olympischen Spielen keine schlechte Presse will.

Gute Laune bei den Olympischen Spielen 1936: Eine Amerikanerin küsst den Führer.
Gemeinfrei

1,54 gross, 45 Kilo schwer – 15-Jähriger auf der Flucht

Von alldem ahnt der junge Herschel nichts, als er seine Flucht plant. Er hat einen polnischen Pass: Sein Vater, ein Schneider, war zehn Jahre vor Herschels Geburt aus Russisch-Polen nach Hannover gezogen – dort kommen seine drei Kinder zur Welt. Ihr jüngster Sohn findet im Dritten Reich weder Ausbildung noch Arbeit. Der schmächtige Knabe verlässt Deutschland im Juli 1936 und kommt zunächst bei einem Onkel in Brüssel unter, bevor ein anderer Onkel ihn im September nach Paris holt.

Der nur 1,54 Meter grosse und 45 Kilogramm leichte Jude besucht die Synagoge, verkehrt aber auch in Etablissements für Homosexuelle. Um eine Aufenthaltsgenehmigung in Frankreich bemüht sich der intelligente Mann vergeblich: 1938 findet sich Herschel alias Hermann Grünspan in einer Zwickmühle wieder. Der polnische Pass ist abgelaufen, die Behörden wollen ihn abschieben, doch eine Rückkehr nach Hannover scheitert ebenso – angeblich wegen fehlender Dokumente.

Der Onkel muss Herschel ab Mitte August verstecken, er darf nicht arbeiten, wird polizeilich gesucht. In dieser verzweifelten Lage erreicht ihn am 3. November eine Postkarte seiner Schwester Ester Beile «Berta» Grynszpan, dies wird sein Leben dramatisch verändern. In ihren Zeilen beschreibt die Schwester das «grosse Unglück», das über die Familie, aber auch 17'000 anderen Juden in Deutschland hereingebrochen ist.

Die «Polenaktion» gibt Herschel den Rest

Der Auslöser: Warschau hat ein neues Gesetz erlassen, wonach Polen im Ausland ihre Staatszugehörigkeit verlieren, wenn sie länger als fünf Jahre im Ausland leben. Berlin reagiert darauf Ende Oktober mit der «Polenaktion». Allen Betroffenen ergeht es wie den Grynszpans aus Hannover: «Donnerstagabend ist ein [Sicherheitspolizist] zu uns gekommen und sagte, wir müssten zur Polizei und die Pässe mitbringen», beschreibt Berta die Ereignisse. «Dort war schon unser ganzes [Quartier] versammelt. Man hat zwar nicht gesagt, was los ist, aber wir haben gesehen, dass wir fertig sind.»

Die Menschen erfahren, dass sie das Land sofort verlassen müssen. «Ich habe gebettelt, man soll mich nach Hause lassen wenigstens etwas Zeug zu holen. Bin dann mit einem Sipo gegangen und habe in einem Koffer die nötigsten Kleidungsstücke gepackt. Das ist alles was ich gerettet habe. Wir sind ohne Pfennig Geld.» Die Grynszpans landen im polnischen Zbąszyń, das bis 1920 Bentschen hiess und nun plötzlich Tausende Abgeschobene aufnehmen muss.

Mobile Suppenküche in Zbąszyń 1938.
Yad Vashem/Gemeinfrei

Als Herschel von den katastrophalen Zuständen im Internierungslager liest, fasst er einen Entschluss. Im Streit um Geld für seine Eltern verlässt er das Versteck des Onkels, nimmt sich ein Zimmer in einer Absteige und schreibt Vater Sendel und Mutter Ryfka einen Abschiedsbrief. Am Folgetag ersteht er eine Pistole für 235 Franc und fährt zur deutschen Auslandsvertretung. Weil der Botschafter ausser Haus ist, muss Herschel sich für seinen Plan ein neues Ziel suchen.

Fünf Schüsse «im Namen von 12'000 Juden»

Opfer der «Polenaktion»: Essensausgabe in Zbąszyń. 
Alte Synagoge Essen, Bestand Schauder

Weil Grynszpan vorgibt, wichtige Dokumente übergeben zu wollen, empfängt ihn Ernst Eduard vom Rath. Herschel und der 29 Jahre alte Beamte kennen sich: «Sie sind ein schmutziger Deutscher», ruft Herschel, «und nun übergebe ich ihnen im Namen von 12'000 Juden das Dokument.» Er zückt die Pistole, drückt fünfmal ab. Eine Patrone trifft die Schulter und eine zweite den Unterleib, als der Diplomat hilferufend aus dem Zimmer stürzt und zusammenbricht.

Der Schütze lässt sich widerstandslos verhaften, sein Opfer erliegt zwei Tage später am Nachmittag des 9. November 1938 seinen Verletzungen. Adolf Hitler und Joseph Goebbels erfahren in München vom Tod des Diplomaten und planen umgehend weitere Schritte. Am Abend spricht Goebbels zu NSDAP- und SA-Männern und betont, die Partei plane selbst keine Aktionen, werde solche aber auch nicht behindern.

Jüdische Vermögen gegen das Staatsdefizit

Sein Ministerium ist bei seinen Anweisungen schon deutlicher: «Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Bei Widerstand sofort über den Haufen schiessen.» Es ist der Beginn der Reichskristallnacht, die 400 Menschenleben fordern wird. 30'000 Juden werden verschleppt.

Nach dem Reichstagsbrand 1933 und dem Gustloff-Attentat in Davos nutzen die Nazis den Mord an vom Rath, um die «jüdische Weltverschwörung» zu belegen – und um die eigenen Umtriebe zu legitimieren. Insbesondere reiche Juden werden bei den Novemberpogromen deportiert: Berlin beziffert ihre Vermögen auf 8,5 Milliarden Reichsmark – zuzüglich 4,8 Milliarden in Wertpapieren. Die Nazis brauchen dieses Geld, um das immense Staatsdefizit von zwei Milliarden Reichsmark zu kaschieren. 

Göbbels und Hitler nehmen im März 1938 die «Triumph des Willens»-Regisseurin Leni Riefebnstahl in ihre Mitte. Im Hintergrund sind Bertha und Heinz Riefenstahl zu sehen.
AP

Die von langer Hand geplanten Pogrome werden als Entzündung «spontanen Volkszorns» verkauft, von denen der Führer laut Propaganda rein gar nichts gewusst hat. Die Ausschreitungen sind ein weiterer Schritt auf dem Weg in den Holocaust, analysiert die «Zeit». Das mediale Sprachrohr der NSDAP hat das schon damals sogar unumwunden zugegeben.

Der Mob wird entfesselt

Der «Völkischer Beobachter» schreibt in jenen Tagen: «Die Schüsse in der deutschen Botschaft in Paris werden nicht nur den Beginn einer neuen deutschen Haltung in der Judenfrage bedeuten, sondern hoffentlich auch ein Signal für diejenigen Ausländer sein, die bisher nicht erkannten, dass zwischen der Verständigung der Völker letztlich nur der internationale Jude steht.»

Die böse Hatz in Bildern:

Der nur 17 Jahre alte Herschel Grynszpan, der also «Anlass» zur Kristallnacht gegeben hat, wird nach dem Attentat in ein Jugendgefängnis nahe Paris gebracht und sitzt dort 20 Monate ohne Prozess ein. Nach dem Sieg über Frankreich bringt ihn das NS-Regime im Juli 1940 in ein Gestapo-Gefängnis nach Berlin, in der Hauptstadt soll ein Schauprozess folgen. Diesen bläst Hitler 1942 schliesslich persönlich ab: Der Angeklagte soll nichts von der Homosexualität hochstehender NS-Beamter verraten.

Das Lied «Kristallnaach» der Kölner Band BAP: «Honoratioren inkognito hasten vorbei / offiziell sind die nicht gerne dabei / wenn die Volksseele – allzeit bereit / Richtung Siedepunkt wütet und schreit: / ‹Heil – Halali› und grenzenlos geil / nach Vergeltung brüllt, zitternd vor Neid / in der Kristallnacht»

Herschel wird deshalb vom KZ Sachsenhausen ins Zuchthaus von Magdeburg verlegt. Die letzte Aktennotiz über ihn datiert vom September 1942: Die deutschen Behörden gehen davon aus, dass er bis Kriegsende ermordet wird. 2016 berichtet der «Guardian» unter Berufung auf das jüdische Museum in Wien jedoch, Herschel habe den Krieg überlebt. Er sei auf einem Schnappschuss zu sehen, der Vertriebene im Sommer 1946 in Bamberg zeigt.

Fest steht dagegen: Herschels Schwester Berta stirbt im Holocaust. Nur seine Eltern und sein Bruder können sich retten: Sie fliehen aus der Sowjetunion und bauen sich ein neues Leben auf – in Eretz Israel.

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