Entscheidender Moment

Wie sich die Offensive Russlands in der Ostukraine entfalten könnte

AP

21.4.2022

Soldaten der Miliz der Volksrepublik Donezk gehen während schwerer Kämpfe in einem von den von Russland unterstützten Separatisten kontrollierten Gebiet in Mariupol (Ukraine) an beschädigten Fahrzeugen vorbei, Dienstag, 19. April 2022. Die Einnahme von Mariupol würde die Ukraine eines wichtigen Hafens berauben und eine Landbrücke zwischen Russland und der Halbinsel Krim schließen, die 2014 von der Ukraine erobert wurde. (AP Photo/Alexei Alexandrov) Foto: Alexei Alexandrov/AP/dpa
Soldaten der Miliz der Volksrepublik Donezk gehen während schwerer Kämpfe in einem von den von Russland unterstützten Separatisten kontrollierten Gebiet in Mariupol (Ukraine) an beschädigten Fahrzeugen vorbei. Die Einnahme von Mariupol würde die Ukraine eines wichtigen Hafens berauben und eine Landbrücke zwischen Russland und der Halbinsel Krim schliessen, die 2014 von der Ukraine erobert wurde. 
Bild vom 22. April 2022: Alexei Alexandrov/AP/dpa

Die russische Offensive im Donbass dürfte entscheidend für den Fortgang des Krieges in der Ukraine werden. Wie stellt sich die Lage dar und wie wird Russland vorgehen?

AP

21.4.2022

Russlands neue Grossoffensive im Osten der Ukraine spiegelt Moskaus Wunsch wider, sein Schicksal auf dem Schlachtfeld nach sieben katastrophalen Wochen des Krieges zum Besseren zu wenden. Das russische Militär hat seine Angriffe auf ukrainische Positionen im industriellen Herzen der Ukraine, dem Donbass, intensiviert.

Ein pannenreicher Start

Russische Streitkräfte drangen Tage nach dem Start der Invasion in die Ukraine vom 24. Februar schnell in die Vororte der Hauptstadt Kiew vor. Die Offensive wurde jedoch schnell durch den entschlossenen Widerstand der Ukrainer aufgehalten.

Das russische Militär verzeichnete heftige Verluste - sowohl unter den Soldaten, als auch bei der Ausrüstung. Die gescheiterte Kiew-Offensive stärkte die Moral der ukrainischen Truppen. Dem Land gelang es, weitreichende internationale Unterstützung zu mobilisieren und mehr Waffenlieferungen aus dem Westen sicherzustellen. Das steigerte die Kosten des Krieges für Moskau.

Zwei ukrainische Soldaten gehen auf einer Strasse, die übersät ist mit zerstörten russischen Militärfahrzeugen. In der ukrainischen Stadt Butscha, 25 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kiew, bietet sich nach dem Rückzug der russischen Armee ein Bild des Grauens. Foto: Rodrigo Abd/AP/dpa
Zwei ukrainische Soldaten gehen auf einer Strasse, die übersät ist mit zerstörten russischen Militärfahrzeugen. In der ukrainischen Stadt Butscha, 25 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kiew, bietet sich nach dem Rückzug der russischen Armee ein Bild des Grauens. 
Archivbild vom 3. April 2022: Rodrigo Abd/AP/dpa

Der russische Präsident Wladimir Putin verlagerte den Fokus auf den Donbass, wo von Moskau unterstützte Separatisten seit 2014 gegen die Kräfte der ukrainischen Regierung kämpfen, nachdem Russland die ukrainische Halbinsel Krim annektierte.

Nach dem Rückzug aus Kiew, Tschernihiw, Sumy und anderen Gebieten im Nordosten der Ukraine, wurden russische Truppen nach Belarus und in den Westen Russlands verlegt und für die neue Offensive neu aufgerüstet.

Putin übertrug General Alexander Dwornikow die Leitung des Kriegseinsatzes, der schon in Syrien die russischen Truppen befehligt hat, die gemeinsam mit der Armee von Präsident Baschar al-Assad ganze Städte mit zermürbenden Belagerungen, unaufhörlichem Artilleriebeschuss und krude gefertigten Fassbomben dem Erdboden gleichmachten.

Die neue Offensive

Vertreter der Ukraine sagten, der Vorstoss habe am Montag im Donbass begonnen. Russland versuche, entlang einer bogenförmigen Frontlinie vorzudringen, die auf einer Länge von mehr als 480 Kilometern vom Nordosten des Landes bis zum Südosten reicht.

Ein ukrainischer Soldat steigt auf einen Schützenpanzer im Donbass.
Ein ukrainischer Soldat steigt auf einen Schützenpanzer im Donbass.
Bild vom 16. April 2022: Diego Herrera/XinHua/dpa

Russland erklärte am Dienstag, es habe binnen 24 Stunden 60 ukrainische Militäreinrichtungen mit seinen Kampfflugzeugen angegriffen und 1260 mit der Artillerie. Zudem seien 1214 Truppenansammlungen attackiert worden. Die Angaben konnten nicht unabhängig bestätigt werden.

Das US-Verteidigungsministerium erklärte, mit der Kampagne schaffe Russland die Voraussetzungen für eine breitere Offensive. Justin Crump, Verteidigungsberater vom Unternehmen Sibylline Ltd., sagte der Nachrichtenagentur AP, Russland eskaliere die Bombardements, scheine Teile des Territoriums einzunehmen und sich darauf zu konzentrieren, die fähigsten Streitkräfte der Ukraine im Donbass zu vernichten.

Der russische Schlachtplan

Ukrainische und westliche Experten erwarten, dass Russland versuchen wird, die ukrainischen Streitkräfte mit einer Zangenbewegung einzukreisen, indem es von Isjum im Norden und Mariupol im Süden vordringt. Sobald russische Kräfte das letzte verbliebene Widerstandsnest im Azovstal-Stahlwerk in Mariupol zerschlagen haben, erwarten sie, dass die dadurch frei werdenden russischen Kräfte dazu beitragen werden, dass die Offensive volle Fahrt aufnimmt.

Einige sagen voraus, Russland könne auch versuchen, seine Kräfte nördlich der Krim zu nutzen, um zu versuchen, die Industriezentren Saporischschja und Dnipro am Fluss Dnjepr einzunehmen und damit die Ukraine faktisch zu halbieren.

Gestern noch ging ein Bildnis von Wladimir Putin in Saporischschja in Flammen auf, jetzt soll das Gebiet eingenommen worden sein. Foto: -/Ukrinform/dpa
Gestern noch ging ein Bildnis von Wladimir Putin in Saporischschja in Flammen auf, jetzt soll das Gebiet eingenommen worden sein. Foto: -/Ukrinform/dpa
Bild vom 7. März 2022: Ukrinform/dpa

Crump und andere Experten erklärten, dass den Ukrainern in den Schützengräben entlang der Kontaktlinie im Donbass Waffen und Vorräte ausgehen. Crump sagte, es sei Teil der russischen Strategie, die Ukraine ihre Waffen und Vorräte aufbrauchen zu lassen, damit weniger verfügbar sei, wenn die grösseren Schläge begönnen.

Die Ukraine hat den Westen um Kampfflugzeuge, Langstrecken-Luftverteidigungssysteme, schwere Artillerie und gepanzerte Fahrzeuge gebeten, um dem massiven Vorteil Russlands bei der Feuerkraft entgegenzuwirken. Westliche Verbündete haben ihre Waffenlieferungen verstärkt und damit begonnen, auch schwere Waffen bereitzustellen. Doch es könnte dauern, bis diese die ukrainischen Truppen erreichen, die zudem lernen müssen, die für sie ungewohnten Waffensysteme zu bedienen.

Herausforderungen für die Russen

Die russische Offensive wird wahrscheinlich vor den gleichen logistischen Herausforderungen stehen, denen die Truppen zum Beginn des Krieges begegnet sind.

Während des erfolglosen Versuchs, Kiew zu stürmen, wurden lange russische Militärkonvois entlang der Verkehrswege in die Hauptstadt zu leichten Zielen des ukrainischen Militärs. Im Osten könnte es ähnlich hart für die russischen Streitkräfte werden. Zudem könnte die Ankunft des Frühlings dafür sorgen, dass ukrainische Einheiten durch spriessendes Grün einen natürlichen Schutz für Guerilla-Angriffe erhalten.

Ein Konvoi von Militärfahrzeugen steht am 27. Februar auf einer Strasse in der von prorussischen Kämpfern kontrollierten Region Donezk im Osten der Ukraine. Foto: Uncredited/AP/dpa
Ein Konvoi von Militärfahrzeugen steht am 27. Februar auf einer Strasse in der von prorussischen Kämpfern kontrollierten Region Donezk im Osten der Ukraine. 
Bild: Uncredited/AP/dpa

Crump sagte, die Russen hätten anscheinend aus früheren Fehlern gelernt und versuchten, lange Versorgungslinien zu vermeiden. Sie versuchten auch, Vorräte und Material auf der Schiene statt in Lastwagen zu transportieren. Während das Gelände im Osten etwas flacher ist und den russischen Angreifern somit Vorteile bietet, stellte Crump fest, Regen habe die Bewegung im Gelände erschwert und das Manövrieren eingeschränkt. «Das macht es sehr schwer, unberechenbar zu sein und Panzer zu ihrem Vorteil einzusetzen», sagte Crump. Zudem gebe es nach wie vor Probleme bei der Truppenmoral. Viele Einheiten seien mit wenig Training zusammengestellt worden.

Die Washingtoner Denkfabrik Institute for the Study of War erklärte, durch die hohe Konzentration von Artillerie und die hohe Zahl an Streitkräften sei es möglich, dass die Russen mehr Geländegewinne verzeichneten. Es sei aber unwahrscheinlich, dass die Offensive im Osten «dramatisch erfolgreicher als frühere grosse Offensiven um Kiew» sein werde. Als Gründe wurden schlechte Koordination, Schwachpunkte beim Durchführen von grenzüberschreitenden Operationen und eine geringe Moral genannt.

Ein entscheidender Moment

Nach dem verpatzten Beginn braucht Putin dringend einen Sieg im Osten, um die Moral der russischen Truppen zu stärken und ein Ende der Kämpfe zu seinen Bedingungen auszuhandeln. Durch westliche Sanktionen gebeutelt, fehlen Russland die Finanzmittel für einen langen Kampf. Ein langwieriger Konflikt wird den ohnehin schon schweren wirtschaftlichen Schaden vervielfachen, soziale Spannungen befeuern und damit die Unterstützung für den Kurs des Kreml erodieren lassen.

Russland setzt bereits seine fähigsten Kampfeinheiten in der Ukraine ein. Fortgesetzte Kämpfe würden es wahrscheinlich zwingen, auch Reservisten zu mobilisieren und neue Wehrpflichtige in den Kampf zu schicken - dies wären Schritte, die zu breitem öffentlichem Unmut führen könnten.

Putin hofft wahrscheinlich, Kiew durch einen Erfolg im Osten zur Einwilligung in die wichtigsten Bedingungen des Kreml für ein Ende der Kämpfe zwingen zu können - die Anerkennung des Status der Krim und der Unabhängigkeit der östlichen Separatistengebiete, einschliesslich Gebieten, die vor der russischen Invasion unter ukrainischer Kontrolle standen. «Ich denke, wir sind an diesem entscheidenden Punkt, an dem wir herausfinden, ob wir Frieden, eine Pause oder einen langwierigen Konflikt bekommen werden», sagt Crump.