Lyman, Bachmut und Cherson

Wo sich dieser Tage der weitere Kriegsverlauf entscheidet

Von Philipp Dahm

27.9.2022

Hochzeiten und Tränen – Teilmobilmachung in Russland

Hochzeiten und Tränen – Teilmobilmachung in Russland

Dieses Paar in der russischen Kleinstadt Bataysk hat noch schnell geheiratet, bevor er in den Krieg ziehen muss. Eigentlich hatten sie nicht vorgehabt, zu heiraten. Aber sie wollten sich nicht voneinander verabschieden, ohne ihre Beziehung vorher offiziell zu machen. Anderen Paaren geht es ganz genau so. Da ist es praktisch, dass das örtliche Standesamt genau neben dem militärischen Rekrutierungsbüro liegt.

27.09.2022

Während Russlands Armee versucht, in Bachmut mal wieder einen Erfolg zu erringen, steht sie in Lyman auf verlorenem Posten: Die Frage ist nur, wann die Stadt fällt. In Cherson gibt es dagegen kaum Bewegung.

Von Philipp Dahm

27.9.2022

Die aktuelle Lage im Krieg in der Ukraine ist von drei Brennpunkten geprägt, die hier gesondert erörtert werden.

Lyman: Die Frage ist nicht ob, sondern wann die Stadt fällt

Die ukrainischen Streitkräfte setzen ihren Vorstoss im Osten des Oblasts Charkiw fort. Dabei setzen sie offenbar auf leichte, aber mobile Einheiten – wie etwa bewaffnete Humvee- oder Toyota-Jeeps. Der Vorteil: Die Einheiten sind so schnell, dass die russische Artillerie Mühe hat, sie unter Feuer zu nehmen.

Institute for the Study of War

Wie die obige aktuelle Karte zeigt, ist es Kiews Truppen so gelungen, die Klammer um Lyman herum weiter zu schliessen. Es gibt nur noch eine frei befahrbare Strasse, die Richtung Nordosten aus der Stadt führt. Gleichzeitig bedrohen die Kräfte weiter den Verkehrsknotenpunkt Swatowe.

Leichte Einheiten wie diese der 93. Mechanisierte Brigade sorgen in Charkiw für schnelle Vorstösse der ukrainischen Streitkräfte.
Leichte Einheiten wie diese der 93. Mechanisierte Brigade sorgen in Charkiw für schnelle Vorstösse der ukrainischen Streitkräfte.
Bild: Facebook/93OMBr

Die Situation in der Region ist laut «Forbes»-Magazin so brenzlig, dass sich die russische Armee vom Fluss Oskil zurückzieht, um eine neue Verteidigungslinie aufzubauen, die sich von Swatow ins 40 Kilometer entfernte Kreminna zieht. Hier liegt «ein Tal, das von zwei Seiten von einer Hochebene umgeben ist» und das sei «nicht gerade eine starke Position für einen Verteidiger», analysiert «Forbes».

Wenn das zutrifft, stehen ukrainische Soldat*innen kurz davor, in den Oblast Luhansk einzudringen. Die russische Luftwaffe habe versucht, den Vorstoss aufzuhalten, sei aber durch starke Flugabwehr daran gehindert worden, entscheidende Erfolge zu erzielen. «Die Frage ist nicht, ob die Ukrainer Lyman erobern, sondern wann», ist sich «Forbes» sicher.

Bachmut: Erbitterter Widerstand gegen die Angreifer

In Oblast Luhansk liegen auch die beiden wichtigen Städte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk, die nach wie vor russisch besetzt sind. Die ukrainischen Streitkräfte haben zuletzt das nahe gelegene Bilohoriwka befreien können, während die Gegenseite versucht, von Popasna aus Bachmut anzugreifen.

Russische Truppen sollen dabei bis in den Ostteil von Bachmut eingedrungen sein, der durch den Fluss Bachmutka vom Rest der Stadt abgetrennt wird. Die Brücke, die die Stadtteile verbindet, ist von Kiews Kräften zerstört worden. Wenn der Gegner Bachmut einnehmen würde, stünde den Russen der Weg nach Kramatorsk offen.

Mehr als 70 der einst 74'000 Bewohner*innen von Bachmut sind in den letzten Monaten durch Artilleriebeschuss getötet worden, sagte Pavlo Kyrylenko, der ukrainische Gouverneur von Donezk, der BBC. Die ukrainische Seite antwortet mit Gegenfeuer. «Es ist wie Badminton», beschreibt es ein Bewohner aus Bachmut.

Bachmut aus der Vogelperspektive: Weil die Brücke über den Bachmutka zerstört ist, können Russlands Soldaten vom östlichen Teil der Stadt nicht weiter nach Westen vordringen.
Bachmut aus der Vogelperspektive: Weil die Brücke über den Bachmutka zerstört ist, können Russlands Soldaten vom östlichen Teil der Stadt nicht weiter nach Westen vordringen.
Google Earth

Für die BBC ist die irische Journalistin Orla Guerin vor Ort. Sie spricht mit Iryna: Die 48-Jährige will mit ihrer 14-jährigen Tochter die Stadt verlassen. «Ich würde diesen Ort niemals verlassen – ausser für den Krieg», erklärt Iryna. «Das Wichtigste ist, das Leben meines Kindes zu retten. Wir nehmen auch unsere Katze mit, die Junge hat, damit wir alle überleben.»

Aus der Stadt bringt sie Serhiy Ivanov. Der 39-Jährige arbeitet für Rescue Now: Seit Monaten macht Ivanov nichts anderes, als Zivilisten aus der Gefahrenzone zu bringen. Dass sie dabei alle sterben könnten, ficht den Fahrer nicht an. «Ich bin glücklich, wenn ich sie lächeln sehe», sagt er. «Ich liebe die Ukraine, und ich liebe Menschen.»

Cherson: Russen droht Umschliessung

Kiew hat seinen Truppen in dem Gebiet einen digitalen Maulkorb verpasst, um die eigenen Bewegungen nicht zu verraten. Nachdem Präsident Wolodymyr Selenskyj seine Mitbürger*innen aufgefordert hat, den Bereich zu räumen, haben die Besatzer die Ein- und Ausreise aus der Stadt verboten.

Institute for the Study of War

Wie die obige Karte zeigt, werden aus dem Dorf Dawydiw Brid nach wie vor Kämpfe gemeldet. Warum das Kaff, das einst 1223 Menschen zählte, so wichtig ist? Das veranschaulicht die untenstehende Karte: Dawydiw Brid liegt am Fluss Inhulez, der zum Dnepr führt.

Inhulez, Dawydiw Brid und Dnepr.
Inhulez, Dawydiw Brid und Dnepr.
Google Earth

Hier Versucht Kiew, die russischen Truppen zwischen Inhulez und Dnepr einzukesseln, nachdem die Brücken über den Dnepr zerstört worden sind, was einen Rückzug unmöglich macht.

Russlands Widerstand gegen den Kreml

Wenn die Besatzer in Cherson versuchen, die ukrainische Gegenoffensive abzuwehren, streiten sie womöglich mit Landsleuten: Die Legion «Freiheit für Russland» steht aufseiten der Ukraine, ist mit französischen Panzer-Abwehrraketen vom Typ Milan ausgerüstet und kämpft für ein Russland ohne Wladimir Putin.

Auch im Mutterland geht der Widerstand gegen den Krieg und die Teil-Mobilmachung weiter: Das Washingtoner Institute for the Study of War hat auf einer Karte zusammengefasst, wo es überall Demonstrationen oder Anschläge auf Rekrutierungsbüros gegeben hat.

Institute for the Study of War

Wer nicht für den Krieg ist oder dagegen demonstriert, unternimmt alles, um das Land zu verlassen. Wie der «Guardian» berichtet, werden für die entsprechenden Gelegenheiten Mondpreise gezahlt. Für einen Sitz im Privatflugzeug werden zwischen 21'000 und 26'700 Franken fällig. Einen achtsitzigen Business-Jet zu chartern, kostet zwischen 85'000 und 150'000 Franken. Allein bei der Firma Your Charter hätten sich die Anfragen von täglich 50 auf 5000 verhundertfacht, so der «Guardian».

Waffen: Interessanter Blick ins US-Budget

Früher war er ein italienischer Soldat, nun berichtet Thomas Theiner für ukrainische Medien – und nimmt den Nachtragshaushalt für das Pentagon unter die Lupe. Einige Posten können nicht überraschen: Dass etwa Munition für 155-Millimeter-Artillerie, Himars-Raketen oder Bestände der Panzer-Abwehrrakete Javelin aufgefüllt werden müssen, ist klar.

Vielsagend ist jedoch, dass die USA zum einen die Produktion solcher Teile ausbauen – und sich damit augenscheinlich auf eine langfristige Waffen-Hilfe einstellen. Das beinhaltet auch die Produktion von Präzisionsmunition für 155-Millimeter-Artillerie. Ausserdem werden knapp 400 Millionen Dollar für die M142 Himars bereitgestellt.

Das sind laut Theiner rund 100 neue Himars-Systeme. Das würde Sinn ergeben, wenn etwa gezogene Artillerie vom Typ M777 ersetzt werden müsste. Doch so ein Ersatz ist laut den Dokumenten gar nicht vorgesehen. Die Produktion von Himars-Munition soll ebenfalls ausgebaut werden. Nicht zuletzt füllt das Verteidigungsministerium seine Bestände an Flugabwehr-Raketen auf.