«14 mögliche Begegnungen» – SwissCovid-App sorgt für Verunsicherung

Julia Käser

9.9.2020 - 00:00

Die SwissCovid-App kann auch Verwirrung stiften. 
Bild: Keystone

Via Push-Meldung werden iPhone-User auf mögliche Kontakte zu Coronainfizierten hingewiesen. Das kann gehörig Verwirrung stiften. 

Der kurze Kontrollblick aufs iPhone und dann der Schock: «Dein Gerät hat diese Woche 14 mögliche Begegnungen identifiziert und diese Info mit SwissCovid geteilt», lautet die Warnung per Push-Meldung. Nach dem Öffnen der SwissCovid-App ist die Verwirrung komplett. «Es wurde keine mögliche Ansteckung gemeldet», steht da. 

Ja was denn nun? Bestand in den letzten Tagen Kontakt zu Infizierten oder nicht? Und: Muss man sich jetzt testen lassen oder in Quarantäne begeben? 

Bei der Push-Meldung handelt es sich um eine wöchentliche Benachrichtigung, wie sie Apple ab iOS 13.6 bereitstellt. Laut BAG informiert sie über die Anzahl möglicher Kontakte zu positiv auf Corona getestete Personen. Anders ausgedrückt: Risikokontakte. 

Entscheidend sind Dauer und Distanz 

Das heisst: Im oben genannten Beispiel wurden innert einer Woche 14 mögliche Kontakte zu Infizierten festgestellt. Tatsächlich gewarnt wird man in der SwissCovid-App aber nur, wenn aufgrund von Distanz und Dauer der Begegnung auch ein Ansteckungsrisiko bestanden hat – was in diesem Beispiel offensichtlich nicht der Fall war.

So funktioniert die SwissCovid-App

Potenzielle Kontakte werden durch Bluetooth erkannt. Ein einzelnes Smartphone sendet dabei ständig eine verschlüsselte ID aus, die von anderen Smartphones in der Umgebung aufgefangen werden kann. Anhand der Stärke des Bluetooth-Signals lässt sich der Abstand zwischen den beiden berechnen. Die Erkennung einer potenziellen Infektionssituation erfolgt nun ausschliesslich auf den Geräten der Kontakte. Diese erfragen in regelmässigen Abständen beim Server des Bundes die als positiv gemeldeten IDs ab. Auf dem Handy gibt es dann einen Abgleich. Diese Kontaktsituation wird einzig lokal während 14 Tagen auf den Smartphones gespeichert.

Ein effektiver Kontakt – mit dem ein gewisses Ansteckungsrisiko einhergeht – wird nur dann aufgezeichnet, wenn sich zwei Geräte innert eines Tages länger als 15 Minuten mit weniger als 1,5 Meter Abstand zueinander befinden. 

Konkret riet Mathias Wellig, Entwicklerchef von SwissCovid, gegenüber «Watson» jüngst dazu, Push-Meldungen über «mögliche Begegnungen» zu ignorieren. Es könne durchaus schon reichen, wenn man irgendwo am Bahnhof neben jemandem durchgelaufen sei, der später positiv getestet worden sei. Laut Welling soll man sich darauf verlassen, was effektiv in der App steht.

14 Begegnungen in 7 Tagen und trotz Homeoffice?

Auch wenn man also erst einmal aufatmen kann, bleibt eine gewisse Verunsicherung zurück. 14 Begegnungen während einer einzigen Woche – und das trotz Homeoffice? 

Klar ist: Es gibt keine Möglichkeit, herauszufinden, wann und wo genau die «möglichen Begegnungen» stattgefunden haben. Auch bei einer effektiven Warnmeldung erhält man ausser zum Tag des Kontaktes keine weiteren Informationen. Man erfährt also in keinem Fall, mit welcher infizierten Person man in Kontakt stand und wo dies der Fall war. 

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Sehr gut möglich ist hingegen, dass man gar nicht 14 Infizierten über den Weg gelaufen ist, sondern lediglich ein oder zwei erkrankten Personen, wie das BAG in den FAQ zur App festhält. Dies hängt einerseits damit zusammen, dass die ID-Schlüssel der Smartphones täglich geändert werden. 

BAG empfiehlt, die Meldung zu ignorieren

Andererseits werden die als positiv gemeldeten IDs beim Bund von der SwissCovid-App pro Tag zweimal abgefragt. Konkret bedeutet das, dass die Abgleiche mit positiv getesteten IDs mehrmals gemacht werden – und entsprechend wiederholt als «mögliche Begegnung» mit einem Erkrankten gewertet werden. 

Schliesslich empfiehlt auch das BAG die Push-Meldung zu ignorieren. Dabei handle es sich um ein wöchentliches Update, das vom Betriebssystem, also iOS, stamme und nicht von der SwissCovid-App selbst.

Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) meldet diese Betriebssystem-spezifische Funktion unter anderem Begegnungen, bei denen der Abstand mehr als 8 Meter betrug oder solche, die nur von kurzer Dauer waren. Ein geeigneter Indikator für eine Risikobegegnung ist sie deshalb nicht. Und statt hilfreicher Informationen zu liefern, sorgt sie vor allem für eines: noch mehr Verunsicherung. 



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