Wer «anders» ist, hat es auf dem Land deutlich schwerer

Von Maximilian Haase

6.11.2021

Beim Konfliktthema Zuwanderung sinkt einer Studie zufolge der Anteil der Menschen, die Integration für den richtigen Weg halten.
Geht es um rassistische Einstellungen, gibt es einer neuen Studie zufolge in der Schweiz ein Gefälle zwischen Stadt und Land, aber auch zwischen den Regionen. (Symbolbild).
Sebastian Gollnow/dpa

Die Mehrheit der Schweizer lehnt rassistische Einstellungen ab. Und doch fühlen sich 41 Prozent ohne Migrationshintergrund «gestört» von Menschen, die sie als «anders» wahrnehmen.

Von Maximilian Haase

6.11.2021

Alles in allem scheint es gut zu laufen zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in der Schweiz. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des Bundes, die das hiesige «Zusammenleben» in den Blick nimmt – und sich insbesondere der Frage widmet, wie es eigentlich um die Toleranz gegenüber Migrant*innen bestellt ist.

Auf den ersten Blick gibt es keinen Grund, Alarm zu schlagen: Im Zeitraum 2016 bis 2020 «zeigte sich die Bevölkerung der Schweiz in Bezug auf Diversität insgesamt offen», heisst es im Jargon der Studie, die ein positives Bild zeichnet: «Nur ein geringer Anteil fühlt sich von als ‹anders› wahrgenommenen Menschen gestört.» Demnach lehnen 69 Prozent der Bevölkerung rassistische Einstellungen «deutlich» ab, bei 19 Prozent stellte man zumindest eine «moderate Ablehnung» fest. 

Aber: Schaut man genauer hin, erweist sich die Lage als komplexer. 

Denn das Gefälle zwischen den Bürger*innen ist gross – je nachdem, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben, welche politische Präferenz sie angeben und ob sie selbst migrantische Wurzeln haben oder nicht. «Vergleichsweise weniger offen sind Personen, die politisch rechtsorientiert sind, keinen Migrationshintergrund haben oder in dünn besiedelten Gebieten leben», so die Studie.



Schon erwecken die Zahlen einen etwas anderen Eindruck: «41 Prozent der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund geben an, sich durch Personen mit einer anderen Sprache, Staatsangehörigkeit, Religion oder Hautfarbe gestört zu fühlen», schreiben die Autor*innen der vom Bundesamt für Statistik (BfS) veröffentlichten Studie. Bei den Personen mit Migrationshintergrund sei dieser Anteil nur halb so gross.

Zur Einordnung: Fast 38 Prozent der Schweizer Bevölkerung besitzt laut BfS einen Migrationshintergrund, ein Drittel davon hat die Schweizer Staatsbürgerschaft. 

Die Unterschiede in den Einstellungen von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund seien in der Tendenz durchaus zu erwarten gewesen, sagt Denise Efionayi, die am Schweizerischen Kompetenzzentrum für Menschenrechte den Themenbereich Migration leitet. «Was allerdings das Ausmass der Unterschiede angeht, bin ich etwas erstaunt», so die Expertin. Es sei interessant, den Gründen etwas vertiefter nachzugehen.

Gefälle zwischen Stadt und Land

Doch auch der Unterschied zwischen Land und Stadt fällt auf: Von als «anders» wahrgenommenen Personen «gestört» fühlen sich demnach in dicht besiedelten Gemeinden 27 Prozent der Menschen, in dünn besiedelten Gegenden seien es 38 Prozent. «In städtischen Gebieten ist die Bevölkerung gegenüber anderen Staatsangehörigkeiten oder Kulturen offener eingestellt», schreibt das BfS.

Doch woher rührt diese Differenz? «Anzahl und Qualität der Kontakte sind zweifellos am wichtigsten, was den direkten Einfluss des Wohnorts angeht», erklärt die Migrationsforscherin Efionayi, die auch an der Universität Neuenburg arbeitet. Man dürfe aber nicht vergessen, «dass sich die städtische Bevölkerung soziodemografisch wesentlich von der ländlichen unterscheidet».

In der Stadt gebe es mehr jüngere Personen mit tertiärer Bildung und insbesondere mit Migrationshintergrund; politisch seien viele eher dem linken Spektrum zuzuordnen. Die Erhebung zeige, dass diese Aspekte entscheidender als der Lebensmittelpunkt an sich seien. 

Deutschschweiz und Westschweiz unterscheiden sich

Die Offenheit gegenüber Migrant*innen scheint sich auch je nach Schweizer Region zu unterscheiden: So ist der Studie zufolge das Gefühl, «gestört» zu werden, in der Ostschweiz (41 Prozent) verbreiteter als im Tessin und in der Genferseeregion (je 24 Prozent). Unterschiede gibt es auch insgesamt zwischen französisch- und italienischsprachigen Kantonen (je 24 Prozent)  und jenen in der deutschsprachigen und rätoromanischen Schweiz (37 Prozent). Ausnahme in der Deutschschweiz ist Zürich (30 Prozent).

Eine Erklärung für die auffälligen Unterschiede: «Die Westschweiz ist migrantischer, urbaner, jünger und hat eine andere Berufsstruktur, was eine wesentliche Rolle spielt», so Efionayi. So hätten im Kanton Genf und in der Stadt Lausanne 60 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner einen Migrationshintergrund und würden auch als Vorbilder in Politik, Institutionen und Wirtschaft etwas häufiger auftreten.

Dennoch bilde auch die Deutschschweiz «keinen Block, sondern ist sehr vielfältig». Interessant könnte der Expertin zufolge auch sein, in diesem Zusammenhang die Rolle der Sprache und insbesondere der Diglossie (Nebeneinander von Dialekt und Hochdeutsch) zu erforschen.

«Rassismus in breiten Kreisen nach wie vor ein Tabu»

Die Studie des BfS kommt allerdings auch zu dem Schluss, dass die Offenheit der Schweizer Bevölkerung im untersuchten Zeitraum (2016 bis 2020) anstieg. Grund, einen Trend auszumachen? Efionayi relativiert: «Aus wenigen schweizerischen und zahlreichen ausländischen Studien wissen wir, dass sich Rassismus wandelt. Dass er kontinuierlich abnimmt und demnächst verschwindet, ist aber Wunschdenken.»

Wie auch in vielen Nachbarländern sei in der Schweiz «Rassismus in breiten Kreisen nach wie vor ein Tabu, das in der Dominanzgesellschaft vielfältige Abwehrmechanismen auslöst», sagt Efionayi. So werde eine öffentliche Diskussion vermieden oder unter der Bezeichnung der «Fremdenfeindlichkeit» geführt. 

Und die Opfer der Diskriminierung? Auch hier gibt es Unterschiede, so die Migrationsforscherin: «Sichtbare Minderheiten haben tendenziell schlechtere Karten, aber auch hier wandeln sich Verhältnisse und Wahrnehmungen im Verlauf der Zeit.» Mehrfach-Diskriminierungen seien schwerwiegender: «Schwarze Asylsuchende, die ein Kopftuch tragen, werden in der Regel häufiger mit Ablehnung konfrontiert.»