Acht Tote, hoher Schaden «Berg im Blut» – und Blut am Berg: Bondo ein Jahr nach dem Erdrutsch

Philipp Dahm

22.8.2018

Am 23. August 2017 knickt die Piz-Cengalo-Flanke ein: Nach dem Bergsturz mit acht Toten sehnt sich Bondo nach Normalität, doch das nächste Unglück kommt bestimmt.

An diesem Mittwochmorgen deutet scheinbar nichts darauf hin, dass der 23. August 2017 ein schwarzer Tag für Bondo werden wird: Die Hundstage gehen zu Ende, die Sonne scheint über dem 200-Seelen-Dorf in Graubünden. Doch gegen 9.30 Uhr gehen plötzlich Sirenen los: Das Frühwarnsystem, das nach einem Bergsturz im Jahre 2011 installiert worden war, schlägt Alarm

Im Notfall müssen die Bewohner im ersten Stock ihres Hauses auf weitere Anweisungen warten. Und die lauten dann: evakuieren! «Wir sind losgegangen, wie wir gerade bekleidet waren. Mit der Schürze. Wir hatten nichts anderes bei uns», erinnert sich Silvia Salis im «Blick». «Dann sind wir mit dem Helikopter ins Spital geflogen. Es war alles schon zugeschüttet. Wir zitterten.» Der Schock dauert an: Noch heute nimmt die 82-Jährige deswegen Medikamente.

Drei Millionen Kubikmeter in Bewegung

Wenn Reissleinen, Radar, Laserscanner oder Infrarotmessgerät einen Erdrutsch erkennen, haben Bondos Bewohner etwa vier Minuten Zeit, bevor das Unglück über sie hereinbricht: Die Erdmassen, im Fachjargon Murgänge genannt, bahnen sich vergleichsweise zäh und langsam ihren Weg durch das Bondasca-Tal mit seinem gleichnamigen Fluss. An diesem Mittwochmorgen geht jedoch so viel Gestein und Geröll ab wie nie zuvor: Rund drei Millionen Kubikmeter sind in Bewegung.

Bildergalerie: Wie der Bergsturz von Bondo zustande kam

Als der Piz Cangalo an seiner Nordostflanke einknickt, sitzt Anna Giacometti in einer Sitzung. Die Präsidentin von Bondos Muttergemeinde Bregaglia ist sofort beunruhigt, als der Berg grollt. Sie eilt ins Dorf, rennt durch die engen Gassen und ruft, man solle Bondo räumen.

Doch der Bergsturz verläuft – scheinbar – glimpflich: Die Erdlawine wird von altem Geröll gebremst, das 2011 angefallen war. Ein Auffangbecken, das in der Folge angelegt wurde, verlangsamte den Strom weiter, so dass nur die Hauptstrasse 3 nebst neuer Betonbrücke sowie vier Gebäude zerstört werden.

Anna Giacometti , Gemeindepäsidentin von Bregaglia, im Gespräch mit BDP-Regierungsrätin Barbara Janom Schneider (links).
Anna Giacometti , Gemeindepäsidentin von Bregaglia, im Gespräch mit BDP-Regierungsrätin Barbara Janom Schneider (links).
Bild: Keystone

Acht Menschen vom Geröll begraben

Was die Bewohner noch nicht wissen: Im Bondasca-Tal bleibt es nicht bei Sachschäden. Dort zwölf Ställe planiert worden, aber was viel Wichtiger ist: Acht Menschen werden vermisst, die in Zweiergruppe in der Sciora-Berghütte sind, als der Berg einknickt.

Von einem frisch verlobten Paar aus Solothurn sowie Feriengästen aus Baden-Württemberg und der Steiermark fehlt jede Spur: Erst im August 2018 wird die Suche offiziell eingestellt werden. Andere Wanderer noch per Helikopter von der Sciora- und der Sasc-Furä-Hütte gerettet werden können.

Ein kleiner Lichtblick in diesen dunklen Stunden ist die Solidarität der Schweizer: «Sobald das Ereignis bekannt wurde, haben sich sofort freiwillige Helfer gemeldet. Andere haben ihre Wohnungen und Häuser angeboten», unterstreicht Christian Gartmann im «20 Minuten»-Interview . Der Sprecher des Krisenstabes weiss, dass die Evakuierte gratis wohnen. Geld wird auch durch die Glückskette bereitgestellt: Knapp sechs Millionen Franken spendeten die Mitbürger.

Unbeugsame Bündner: Berg im Blut

Der Sprecher des Krisenstabes weiss, dass die Evakuierte gratis wohnen. Geld wird auch durch die Glückskette bereitgestellt: Knapp sechs Millionen Franken spendeten die Mitbürger.

In Bondo wird nach dem Bergrutsch sofort mit Such- und Aufräumarbeiten begonnen und zwei Tage später bekommen die Einwohner grünes Licht für die Rückkehr. Die Entwarnung kommt jedoch zu früh: Gewitter machen dem sonnigen Wetter ein Ende – und führen Regen mit sich, der die Erdmassen erneut ins Rutschen bringt. Bagger, die in Bondo bereits ersten Schutt abgeräumt hatten, werden plattgemacht – und die Dorfbewohner müssen schon wieder Notunterkünfte für die Nacht suchen.

Erst knapp zwei Monate und drei kleinere Erdrutsche später dürfen die Menschen endlich wieder in ihre Häuser zurückkehren. Die Dörfler zeigen einerseits die Unbeugsamkeit, die den Bündner nachgesagt wird: Sie feiern ihr Comeback mit einem Fest – und fürchten andererseits die Rückkehr der Gerölllawinen. «Wir haben das Leben in den Bergen im Blut. Wir werden bestimmt nicht aufgeben», sagt beispielsweise Anna Giacomettis Vater.

Im Video: Die Rückkehr der Dorfbewohner im Oktober 2017

«Die Angst lebt immer noch»

Gleichzeitig gesteht der pensionierte Lehrer und Dorfarchivar der «Luzerner Zeitung»: «Die Angst lebt immer noch, sie macht die einen unruhig und die anderen apathisch.» Arnoldo Giacometti wird das Geschehen in einem Buch verarbeiten. Der 81-Jährige verspürte «ein Bedürfnis» danach: «Wir sind weit entfernt davon, wieder in der Normalität zu leben».

Arnold Giacometti blickt von seinem Haus aus auf die Geröllmassen in Bondo.
Arnold Giacometti blickt von seinem Haus aus auf die Geröllmassen in Bondo.
Bild: Keystone

Das hängt auch mit der schieren Masse des Bergsturzes zusammen: Zwölf Bagger sind bis in den November 20 Stunden pro Tag im Einsatz, um das Auffangbecken wieder zu leeren. Das Bondasca-Tal bleibt monatelang gesperrt, ein Werkhof und sieben Häuser in Bondo und Sottoponte müssen abgerissen werden: Der Sachschaden wird im Dezember auf 41 Millionen Franken taxiert und

Nach dem Bergsturz ist vor dem Bergsturz

Ein Jahr nach der Katastrophe sind die oberflächlichen Kratzer kosmetisch behandelt. Die Bagger sind abgerückt, Staumauern und Auffangbecken wiederhergestellt und bis auf zehn Personen sind alle Dorfbewohner nach Bondo zurückgekehrt, das 823 Meter über dem Meer liegt.

Der Piz Cengalo ist ungleich mächtiger. Der Gipfel ist 3369 Meter hoch – und nach wie vor ein Gefahrenherd:  Zuletzt werden im Juli 2018 Bewegungen im Fels gemessen, die kleinere Abgänge nach sich ziehen. Im Tal liegt das Geröll 40 Meter hoch. Gut möglich, dass es bei heftigem Regen wieder in Fahrt kommt: Der nächste Bergsturz in den Bergeller Alpen kommt bestimmt.

Bildergalerie: Die Menschen aus Bondo

Zurück zur Startseite