Rücktritt des CS-Präsidenten

«Das ist natürlich das Dümmste, was passieren kann»

Von Alex Rudolf

17.1.2022

epa04965716 Group Chief Executive of Lloyds Banking Group Antonio Horta-Osorio speaks at the Institute of Directors annual convention at the Royal Albert Hall in London, Britain, 06 October 2015. EPA/ANDY RAIN
Verstiess zweimal gegen die Corona-Vorgaben und muss nun seinen Stuhl an der Spitze der Credit Suisse räumen: António Horta-Osório.
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Wirtschaftsexperte Martin Spieler sieht im Rücktritt von António Horta-Osório die Chance für einen Neustart für die Credit Suisse. Dessen Nachfolger sei als integre Persönlichkeit bekannt.

Von Alex Rudolf

17.1.2022

Herr Spieler, was bedeutet der Rücktritt von Verwaltungsratspräsident António Horta-Osório für den Ruf der Credit Suisse?

Hier muss man die Gesamtsituation der Credit Suisse anschauen. In jüngster Zeit hatte die Bank mit einem beträchtlichen Glaubwürdigkeitsproblem zu kämpfen. Wegen diverser Verlustgeschäfte verloren Aktionäre das Vertrauen in die Bank. Mit António Horta-Osório als Verwaltungsratspräsident wollte man im vergangenen Jahr versuchen, das Vertrauen wieder herzustellen. Dass derjenige, der das Image polieren sollte, selbst für einen grossen Skandal sorgt, ist natürlich das Dümmste, was passieren kann.

Die Credit Suisse ist, wie Sie sagen, in einer heiklen Lage. Warum war Horta-Osório nicht vorsichtiger?

Zur Person

Martin Spieler ist ehemaliger Chefredaktor der «SonntagsZeitung» und arbeitet heute als Kolumnist und Moderator der Sendung «CEO Talk» von CH Media. 

Er hätte sicher sensibler sein müssen. Dennoch möchte ich sein Verhalten gar nicht verurteilen, denn wir alle machen Fehler. Das grosse Problem war der zweite Verstoss gegen die Corona-Bestimmungen. Wäre es beim ersten geblieben, hätte man dies noch entschuldigen können, hätte er seine Lehren daraus gezogen.

Wie wollte er ursprünglich den Ruf der Bank retten?

Bei seinem Stellenantritt im vergangenen Jahr zeigte er sich konsequent. Bei Verfehlungen gebe es eine Null-Toleranz, sagte er gegenüber Mitarbeitenden. Ihm ist wohl bewusst gewesen, dass Fehler, die zu enormen Verlusten führen, nicht mehr passieren dürfen.

Obwohl dies die richtige Handhabung der damaligen Situation war, verlor er mit seinen beiden Fehltritten nun sämtliche Glaubwürdigkeit und der Rücktritt war die richtige Entscheidung. Vermutlich war es die kürzeste Amtszeit eines Verwaltungsratspräsidenten in der Geschichte der CS.

Fehlen der CS auch Kontrollmechanismen? Man war sich ja bewusst, dass er Gesetze bricht.

Von aussen ist es sehr schwierig zu beurteilen, welche Vorgaben man Horta-Osório gemacht hat und wie auch kontrolliert wurde. Tatsache ist, dass er selbst gegen die Regeln verstossen hat und er auch die Konsequenzen dafür tragen muss.

Wechsel im Spitzen-Management bedeuten Unruhe, an der Börse verlor die CS-Aktie bereits: Wie kann sie sich davon erholen, wenn überhaupt?

Besonders die letzten paar Wochen waren schlecht für die Bank. Denn der Verstoss war bekannt, unternommen wurde aber noch nichts. Besonders die vermögende Kundschaft mag es nicht, wenn die eigene Bank immer wieder für Negativschlagzeilen sorgt.

Axel Lehmann heisst der neue Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse (Archivbild).
Axel Lehmann heisst der neue Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse. (Archivbild)
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Dass der Rücktritt so rasch folgt, ist gut, da so die Unsicherheit nur kurze Zeit währte. Nun kann man wieder nach vorne blicken. Dass der Aktienkurs leicht sinkt, ist nachvollziehbar, da es einigen Aktionären schlichtweg zu viel wurde. Mit dem Rücktritt wurde der Weg für einen Neuanfang geebnet.

Der interimistische Verwaltungsratspräsident heisst Axel Lehmann, ist Schweizer und auf das Risikomanagement spezialisiert. Ist er darum die richtige Person für den Job?

Ja, davon bin ich überzeugt. Sein Erfolgsausweis bei seinen vorherigen Arbeitgeberinnen, der UBS und der Zurich Versicherung, zeigt, dass er den Umgang mit Risiken beherrscht. Zudem gilt er als äusserst integre Persönlichkeit. Dass man ihn als Verwaltungsratspräsidenten ernannt hat, zeigt, die Credit Suisse hat die Dringlichkeit erkannt und will den Neuanfang.