Da waren's nur noch vier: Reaktor Mühleberg ist vom Netz

SDA/gbi

20.12.2019

Historischer Shutdown: Mit dem AKW Mühleberg ist heute das erste Atomkraftwerk der Schweiz abgeschaltet worden. Der Rückbau wird aber noch Jahre dauern. 

Ein Mitarbeiter des AKW Mühleberg bei der Arbeit.
Bild: Keystone

AKW-Gegner sind erleichtert, Befürworter bedauern das Ende nach 47 Betriebsjahren: Die Abschaltung des Atomkraftwerks in Mühleberg löst gemischte Reaktionen aus.

Das sei «ein schöner Tag», teilte die Organisation NWA (Nie wieder Atomkraft) mit. Gemeinsam mit Umwelt- und Naturschutzorganisationen sowie linken und grünen Parteien lädt sie am Abend zu einem «Nachglühfest» in die Berner Reitschule.



Abgeschaltet wurde Mühleberg pünktlich um 12.30 Uhr. Aktivisten trafen sich am Mittag zur letzten Mahnwache vor dem Sitz der AKW-Betreiberin BKW in Bern, unter ihnen bekannte Berner Politikerinnen wie die Grüne Franziska Teuscher. Sie feiern «das Ende eines jahrzehntelangen Kampfs».

Sommaruga spricht von «historischem» Tag

Ganz andere Worte zum Mühleberg-Aus findet Swissnuclear, der Branchenverband der Schweizer Kernkraftwerksbetreiber. Das AKW westlich von Bern habe seit 1972 zuverlässig und praktisch störungsfrei Strom erzeugt. Dank Modernisierungen und Nachrüstungen sei die Anlage heute sicherer denn je.

Besonders im Winter habe Mühleberg einen bedeutenden Beitrag zur Stromversorgung der Westschweiz und des Kantons Bern geleistet. Mit der Abschaltung steige die Importabhängigkeit der Schweiz. Der benötigte Importstrom werde kaum so klimafreundlich sein wie der Strom aus Mühleberg.

Als «historisch» beurteilt Energieministerin Simonetta Sommaruga (SP) den heutigen Tag. «Die Zukunft gehört der einheimischen, sauberen Energie aus Wasser und Sonne», schrieb die Bundesrätin auf Twitter.

Ausgedient

Mit der Abschaltung und dem Rückbau betritt die BKW Energie AG als Betreiberin Neuland. Die Planungen laufen schon seit Jahren, der Abschalttermin wurde bereits 2016 festgelegt. Im August 2018 wurde der Kern letztmals mit neuem Brennstoff beladen.

Heute nun das Finale: Pünktlich um 12.30 Uhr haben zwei Mitarbeiter im Kontrollraum dann auf zwei Knöpfe gedrückt, um das AKW für immer abzuschalten.



Innerhalb von sieben Stunden fällt die Reaktor-Wassertemperatur von 280 auf unter 100 Grad Celsius. Bis zum Sonntag soll das Herunterfahren abgeschlossen sein.

Rückbau ist eine Mammutaufgabe

Der Rückbau beginnt bereits Anfang 2020, unmittelbar nach den Feiertagen. Und der Aufwand ist nicht zu unterschätzen: Durchschnittlich 200 Leute der BKW sowie bis zu 80 externe Fachkräfte werden in den nächsten Jahren in Mühleberg beschäftigt sein.

Erst 2030 wird das Areal frei von radioaktivem Material. Und erst 2034 wird in Mühleberg wieder eine grüne Wiese stehen – eine Fläche von elf Fussballfeldern, bereit für eine neue Nutzung.



Der Bau des Atomkraftwerks unterhalb des Wohlensees begann im Jahr 1967. Der kommerzielle Betrieb wurde am 6. November 1972 aufgenommen. Damals galt Atomkraft landläufig als saubere Energie.

Atomgegner verschafften sich ab den 1970er-Jahren aber auch schon Gehör – mit Demonstrationen, Mahnwachen und dem berühmten Anstecker «Atomkraft? Nein danke». Doch erst nach zwei verheerenden Reaktorunfällen – 1986 in Tschernobyl, 2011 in Fukushima – setzte sich der Gedanke einer Energiewende politisch durch.

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