«Die Bundesanwaltschaft hat Angst vor der FIFA»

Von Lukas Meyer

9.8.2021

Former FIFA President Joseph S. Blatter, right, with his lawyer Lorenz Erni, left, on the way to the Federal Prosecutor's Office in Zurich, Switzerland, on Monday, August 9, 2021. .Sepp Blatter, the former world football chief, faces his final hearing with a Swiss prosecutor on Monday in a fraud probe surrounding a 2011 FIFA payment to Michel Platini. (KEYSTONE/Walter Bieri)
Der ehemalige FIFA-Präsident Joseph S. Blatter (rechts) trifft mit seinem Anwalt Lorenz Erni beim Büro der Bundesanwaltschaft in Zürich ein.
KEYSTONE

Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat den ehemaligen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter nochmals einvernommen. Das sei kalter Kaffee, meint ein Experte. Die Bundesanwaltschaft sei schlicht inkompetent und gegenüber der FIFA nicht unabhängig. 

Von Lukas Meyer

9.8.2021

Sepp Blatter hat den Weltfussballverband FIFA über Jahrzehnte dominiert. Ab 1981 arbeitete er als dessen Generalsekretär, bis er 1998 zum Präsidenten gewählt wurde. Von diesem Amt trat der heute 85-jährige Walliser 2015 zurück. Schon bei seiner ersten Wahl 1998 gab es Gerüchte, dass er sich die nötigen Stimmen gekauft habe.

Ab 2015 ermittelte die Schweizer Bundesanwaltschaft gegen Blatter wegen diverser Verdachtsfälle und befragte ihn ein erstes Mal. Vergangene Woche hat das Bundesstrafgericht eine Beschwerde der FIFA gegen die Teileinstellung des Verfahrens gegen Sepp Blatter abgewiesen. Dies betrifft die Vergabe von Fernsehrechten an den karibischen Fussballfunktionär Jack Warner im Jahr 2005.



Am Montag vernahm die Bundesanwaltschaft den gesundheitlich immer noch angeschlagenen Blatter wegen einer Zahlung von zwei Millionen Franken im Jahr 2011 an den damaligen UEFA-Chef Michel Platini. Beide werden des Betrugs verdächtigt, Blatter zusätzlich der Veruntreuung und der ungetreuen Geschäftsbesorgung und Platini der Teilnahme an Veruntreuung und an ungetreuer Geschäftsbesorgung und der Urkundenfälschung.

Die Sache mit Infantino und Lauber

Blatters Nachfolger Gianni Infantino wurde im Februar 2016 gewählt. «Ich wurde Chef einer durch Korruption vergifteten Firma», sagte Infantino – er geriet selber aber ebenfalls schnell ins Visier der Justiz. Mehrmals traf sich der FIFA-Präsident mit Bundesanwalt Michael Lauber und soll mit ihm einen Deal gemacht haben. Das kostete Lauber den Job.

Sonderermittler Stefan Keller hätte diese Vorfälle untersuchen sollen – doch vor Kurzem legte er sein Amt nieder. In einem Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung» erhebt er nun schwere Vorwürfe. Das Bundesstrafgericht sei parteilich gewesen, als es ihn für befangen erklärte. Zudem habe die Bundesanwaltschaft ihn behindert und ihm etwa wichtige Akten bis zum Schluss nicht zur Verfügung gestellt. 

Die Bundesanwaltschaft schrieb auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA, sie kommentiere die Äusserungen Kellers nicht. Vom Bundesstrafgericht lag keine Stellungnahme vor.



Mark Pieth kann die Kritik von Stefan Keller nachvollziehen. «Die Schweizer Strafjustiz schwächelt an allen Ecken, nicht nur bei Ermittlungen gegen die FIFA», sagt der emeritierte Rechtsprofessor. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» habe ein Stück weit recht gehabt, als sie die Verhältnisse in der Schweiz mit einer Bananenrepublik verglich. Die Schweizer Strafjustiz habe ähnliche Probleme wie in Mittelamerika: «Wir sind ein kleines Land, in dem alle alle kennen, und die Justiz ist verpolitisiert.»

«Die Bundesanwaltschaft hat viele Probleme, das ist bekannt.» Sie habe Angst vor der FIFA und sei der FIFA gegenüber nicht unabhängig. Zudem sei sie schlicht inkompetent, arbeite langsam und habe nichts auf die Reihe gekriegt.

Mark Pieth ist emeritierter Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Basel. 2011 bis 2013 war er Vorsitzender der unabhängigen Kommission für Governance bei der FIFA.
Mark Pieth/pieth.ch

«Für die Machtballung einer FIFA ist die Schweiz ein zu kleines Land», sagt Pieth. Die FIFA sei nicht nur gegenüber der Justiz so mächtig. «Sie hat viele Parteigänger und Lobbyisten im Parlament – das sind die Leute, die den neuen Bundesanwalt wählen.» Dass das momentan so lange daure, sei auch ein Trauerspiel. «In der Schweiz merken wir nicht, wie schädlich es ist für die Justiz, wenn wir auf die politische Einbettung der Leute achten.»

Pieth versteht nicht, warum man Sepp Blatter nun nochmals einvernimmt. «Schon 2016 wurde er befragt, warum jetzt nochmals? Er ist alt und krank. Da wärmt man kalten Kaffee nochmals auf.» Sowieso hätte man zuerst klären müssen, wie die Bundesanwaltschaft auf das Dossier gekommen sei.