«Die meisten von uns sind täglich von Cybercrime betroffen»

Lukas Meyer

22.3.2021

AVIS --- ZUM THEMA HOMEOFFICE STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG. WEITERE BILDER FINDEN SIE AUF visual.keystone-sda.ch ---Eine Frau arbeitet am Computer an ihrem Arbeitsplatz im Homeoffice, fotografiert am 22. Januar 2021 in Aarau. Der Karton eines Schreibblocks dient als Mausmatte. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Fast jeder kommt im Internet mit betrügerischen Angeboten in Berührung.
KEYSTONE

Erstmals weist die Kriminalitätsstatistik digitale Straftaten aus. Rechtsanwalt Martin Steiger erklärt, was das bedeutet und wo die Corona-Pandemie sich auf die Cyberkriminalität auswirkt.

Lukas Meyer

22.3.2021

Herr Steiger, das Bundesamt für Statistik (BFS) hat in der Kriminalitätsstatistik für das Jahr 2020 erstmals gesamtschweizerische Zahlen zur Cyberkriminalität veröffentlicht. Was bedeutet das?

Das ist ein wichtiger Schritt, um die Sichtbarkeit von Cybercrime zu erhöhen. Die meisten von uns sind täglich davon betroffen, wenn wir zum Beispiel Phishing-E-Mails erhalten oder betrügerische Anzeigen in sozialen Netzwerken sehen.

Das BFS meldet 24'400 digitale Straftaten. Wie schätzen Sie diese Zahl ein?

Diese Zahl kann aus meiner Sicht nur einen Bruchteil der tatsächlichen Fälle von Cybercrime umfassen. Wenn nur schon jede Person, die E-Mail verwendet, täglich einen Betrugsversuch im Postfach hat, landen wir bei gigantischen Zahlen. Die meisten Fälle werden nie zur Anzeige gebracht.

Zur Person
Katja Müller

Martin Steiger ist Rechtsanwalt bei Steiger Legal und spezialisiert auf Recht im digitalen Raum.

Die Zahlen bei anderen Delikten, etwa Einbrüchen oder Taschendiebstählen, sind rückläufig. Was ist der Einfluss der Corona-Pandemie auf die Cyberkriminalität?

Cybercrime nimmt mit der fortschreitenden Digitalisierung generell zu. Momentan sind allerdings viele Leute aufgrund der Pandemie verzweifelt: Sie brauchen Geld und sind anfällig für Online-Betrugsmaschen. Mir ist zum Beispiel rätselhaft, warum Werbung für Anlagebetrug – in der Schweiz oft mit Roger Federer, dessen Identität missbraucht wird – weiterhin angezeigt wird auf Facebook oder LinkedIn. Zahlreiche Menschen haben viel Zeit, um im Internet zu surfen, und dann sehen sie plötzlich diese Werbung und fallen darauf herein, weil sie sehr verwundbar sind. Ich kenne Betroffene, die ihr ganzes Erspartes verloren haben.

Aber es gibt auch andere Faktoren: Wenn etwa der Bitcoin-Kurs steigt, sind Bitcoin-Betrüger erfolgreicher. Häufig betroffen sind ältere Personen, erkennbar am Eintrag im Telefonbuch. Die Betrüger rufen an und überzeugen die Opfer mit geschickter Überzeugungsarbeit, fragwürdige Anlagen zu tätigen oder Zugriff auf das E-Banking zu gewähren. Es gibt also auch Mischformen zwischen analog und digital.

Wo steht die Schweiz im Umgang mit Cybercrime grundsätzlich?

Ich sehe die Veröffentlichung der Zahlen vor dem Hintergrund, dass man gegen Cybercrime aufrüstet und mehr Ressourcen schafft. Die Frage ist nicht nur, wie in der Schweiz ermittelt wird, sondern vor allem auch, wo die Täter sitzen. Es wäre wichtig, die internationale Zusammenarbeit und die Datenbeschaffung bei Social-Media-Plattformen und Infrastruktur-Anbietern zu verbessern. Da gibt es Nachholbedarf, aber nicht nur in der Schweiz. Meiner Erfahrung nach sind auch die Kantone sehr unterschiedlich unterwegs. Unerfreulich ist, dass die Staatsanwaltschaften, die Cybercrime bekämpfen sollen, teilweise die gleichen Mittel wie Cyberkriminelle einsetzen, zum Beispiel Staatstrojaner. Jene, die das Internet sicherer machen sollten, machen es damit gleichzeitig unsicherer.

Wie ist die rechtliche Grundlage in der Schweiz, um Cybercrime zu bekämpfen?

Die Grundlagen sind in Ordnung. Vieles liegt bei den Verfahren, weil man noch zu wenig schnell ist oder zu wenig Ressourcen hat. So ist es aufwendig, Daten im Ausland zu beschaffen, zum Beispiel bei Facebook – selbst wenn eine Anfrage offensichtlich berechtigt ist, dauert die Bearbeitung teilweise sehr lange, manchmal zu lange.

Was ist die Verantwortung von Unternehmen und sozialen Netzwerken, gerade bei Rufschädigung und Belästigung?

Hier geht es einerseits darum, den Inhalt zu löschen oder zu sperren. Da hat man eine Parallelsphäre, in der es eine Facebook-Justiz oder Youtube-Justiz gibt, die unabhängig von der Rechtslage handelt oder nicht handelt. Allein auf Social Media gibt es unglaublich viel Cybercrime im Meinungsbereich, weil sich Nutzer mutmasslich strafbar über andere äussern, aber das wird selten zur Anzeige gebracht. Andererseits geht es darum, Daten herauszugeben, wenn Ermittlungen geführt werden, hier sind die beteiligten Unternehmen sehr unterschiedlich kooperativ.

Wie wichtig ist die internationale Zusammenarbeit bei Cybercrime?

Die internationale Zusammenarbeit ist sehr wichtig, denn ohne Rechtshilfe und internationale Zusammenarbeit sind viele Ermittlungen gar nicht denkbar – und oft scheitern sie an der fehlenden oder zu langsamen Rechtshilfe. Es gibt zwar die Cybercrime Convention, die gewisse Erleichterungen bringt, aber vieles geht immer noch so lange, dass sich Täter schützen können, indem sie im Ausland sitzen.