Philosoph über Kritik an FIFA und Katar

«Empörung ist kein Argument. Empörung ist ein Gefühl»

Von Andreas Fischer

26.11.2022

Infantino: Fühle mich «homosexuell» und «behindert»

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Es ist ein bizarrer Auftritt, den Gianni Infantino vor dem WM-Eröffnungsspiel hinlegt. Der FIFA-Präsident sorgt mit einer aussergewöhnlichen Rede für den ersten Skandal der Weltmeisterschaft.

19.11.2022

Geld, Gas und Öl aus Katar und Saudi-Arabien nimmt der Westen gern – manche empören sich aber über Missstände in diesen Ländern. Ob diese Kritik berechtigt ist, weiss der Philosoph Francis Cheneval.

Von Andreas Fischer

26.11.2022

Die Fussball-WM in Katar macht nicht nur sportlich Schlagzeilen. An autoritären Staaten im Nahen Osten wird derzeit vor allem geballt Kritik geäussert. Gleichzeitig lässt sich die Credit Suisse von der Aktionärsversammlung eine Kapitalerhöhung absegnen: Die Saudi National Bank übernimmt für eine milliardenschwere Finanzspritze 9,9 Prozent der zweitgrössten Schweizer Bank. Und noch im Frühjahr haben Wirtschaftsminister Ueli Maurer wie auch sein deutscher Amtskollege Robert Habeck mit Katar über die Lieferung von Flüssiggas verhandelt.

Also: Wie glaubwürdig kann Kritik an Regimes sein, wenn die Schweiz und viele andere Länder des Westens Geld, Gas und Öl gern von den Kritisierten annehmen, um gute Geschäfte zu machen? Ist vielleicht sogar etwas dran an Gianni Infantinos Argument, die Europäer hätten kein Recht, Katar zu kritisieren? blue News hat beim Philosophen Francis Cheneval von der Universität Zürich nachgefragt.

Zur Person
zVg

Francis Cheneval ist ist Inhaber des Lehrstuhls für Politische Philosophie an der Universität Zürich und beschäftigt sich unter anderem mit dem Themenbereich Wirtschaft und Menschenrechte.

Darf die Credit Suisse moralisch gesehen Geld aus Saudi-Arabien annehmen?

Schon vom Klugheitsstandpunkt aus ist es sehr fragwürdig, sich in solche Abhängigkeiten zu begeben. Und natürlich ist es auch moralisch fragwürdig, sich direkt von dem saudischen Regime eine Finanzspritze geben zu lassen.

Auf der anderen Seite: Was versprechen sich Staaten wie Saudi-Arabien davon, in Firmen und Banken in Europa zu investieren?

Zunächst einmal versprechen sie sich ganz bestimmt Einfluss, sprich die Etablierung bestimmter Abhängigkeitsbeziehungen. Ausserdem geht es dabei generell auch um Wissenstransfer. Man kann Wissen absaugen, wenn man Einfluss hat.

Vor diesem Hintergrund: Wie glaubwürdig kann denn die derzeit lautstark geäusserte Kritik an autoritären Staaten wie Saudi-Arabien und Katar überhaupt sein, wenn man gleichzeitig gute Geschäfte mit diesen Ländern macht?

Man muss verschiedene Dinge unterscheiden. Das eine ist der Wahrheitsgehalt von Kritik, also das Gesprochene. Das andere ist die Frage: Wer ist wie autorisiert oder glaubwürdig als Sprechender? Es kann sein, dass die Falschen das Richtige sagen und die Richtigen das Falsche. Ob eine Aussage wahr oder falsch ist, hängt nicht davon ab, wer es sagt oder wer es sagen darf.

Ich glaube, bei der Kritik an Katar sollte man prüfen, ob sie zutrifft und angemessen ist, und dann auch äussern. Übrigens nicht unbedingt, um zu sagen, dass die WM dort auf keinen Fall stattfinden darf. Schliesslich ist die WM überhaupt erst ein Anlass, dass das Land in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückt und sich auf Kritik einlassen muss.

Dass bei der WM bislang weniger der Sport als vielmehr die Empörung im Mittelpunkt steht, ist also gerechtfertigt?

Die Empörung ist noch kein Argument. Empörung ist ein Gefühl. Es geht wirklich um Angemessenheit und Sachlichkeit. Wir sollten also über Inhalte sprechen: Was hat sich Katar tatsächlich zuschulden kommen lassen und was nicht?

Wenn es nach Gianni Infantino geht, sollten wir ohnehin schweigen, weil wir in den letzten Jahrtausenden auch nicht immer alle Menschenrechte geachtet haben …

Gianni Infantino wollte die Diskussion ablenken weg von den Inhalten der Kritik hin zu den Sprechenden. Daher hat er versucht, die Sprechenden pauschal als unglaubwürdig hinzustellen, weil sie in den vergangenen 3000 Jahre Verbrechen begangen hätten. Das ist natürlich fragwürdig: Wen meint er genau? Auf welche Länder bezieht er sich, wer war genau wann und wo dabei?

Ich sehe keinen Grund, den Leuten zu verbieten, Kritik zu äussern, nur weil sie Teil des Westens sind oder Teil eines Landes.

Womit wir wieder beim Anfang sind: Darf man mit autoritären Regimes Geschäfte machen?

Prinzipiell bin ich nicht dagegen. Wenn sich ein Regime in irgendeiner Weise verändern soll, läuft das nur über Entwicklung. Natürlich soll man in bestimmten gravierenden Fällen gezielt Sanktionen verhängen, aber insgesamt Geschäfte mit Staaten zu verbieten, die in punkto liberale Demokratie nicht genauso weit sind wie wir, halte ich für kontraproduktiv.

Kritik an Katar gibt es auch von politischen Akteuren: Dabei haben der deutsche Wirtschaftsminister, aber auch Bundesrat Ueli Maurer im Frühjahr mit Katar über Flüssiggas verhandelt. Darf die Politik jetzt noch Kritik üben?

Diese Herren haben Exekutivverantwortung für ganze Länder und müssen die Sache ausbalancieren. Die Abhängigkeit von Russland zu ersetzen mit Abhängigkeit von anderen autoritären Regimen ist mittel- und langfristig falsch. Wenn wir davon ausgehen können, dass es nur eine Übergangsstrategie ist, ist es akzeptabel.

FIFA-Präsident Gianni Infantino verbat sich bei einer Pressekonferenz kurz vor WM-Start jegliche Kritik am Ausrichter Katar.
FIFA-Präsident Gianni Infantino verbat sich bei einer Pressekonferenz kurz vor WM-Start jegliche Kritik am Ausrichter Katar.
Tom Weller/dpa

Um noch mal auf Gianni Infantino zurückzukommen: Kann man den heute lebenden Menschen etwas vorhalten, was in der Vergangenheit geschehen ist?

Richtig. Infantinos rückwärtsgewandte Pauschalkritik, um den Westen zu delegitimieren, war ganz offensichtlich nur eine Strategie, jegliche inhaltliche Kritik zu verbieten. Gemäss seiner Argumentation dürfte niemand, der zur Erbgemeinschaft dieser 3000-jährigen «Verbrechensgeschichte» des Westens gehört, noch irgendetwas sagen. Wir müssen also alle schweigen.

Aber wie gesagt: Das war nur eine Immunisierungsstrategie, um nicht über die Inhalte der Kritik sprechen zu müssen. Was schade ist, denn die hätten durchaus angesprochen werden können, auch von Herrn Infantino. Diese Chance hat er einfach verpasst.

Ein bisschen übermoralisch scheint mir die gesellschaftliche Pauschalkritik an Katar dennoch zu sein.

Was auf jeden Fall eine Überlegung wert ist und worüber wir uns im Klaren sein müssen im Hinblick auf die Diskussionen um Homosexualität, Frauenrechte und solche Dinge: Es ist noch nicht so lange her, dass wir da auch noch nicht so weit waren.

Warum also soll immer genau der Standard gelten, den wir genau jetzt erreicht haben? Das halte ich für denkwürdig. Nehmen wir doch einfach mal die Fussball-WM in der Schweiz 1954: Damals gab es kein Frauenstimmrecht, dafür aber Gesetze gegen Homosexualität. So lange ist das noch gar nicht her. Wir sollen also Kritik an anderen Ländern üben, aber nicht ohne Bescheidenheit und Selbstkritik.

Wie viel Spielraum sollte es denn in dieser Hinsicht bei Kritik an fehlenden Menschenrechten geben?

Natürlich muss man die Probleme ansprechen. Aber wir aus der Schweiz heraus dürfen ruhig eine gewisse selbstkritische Haltung einnehmen: Wir sprechen die Kritikpunkte als eine Gesellschaft an, die auch Lernprozesse durchmachen musste. Und: Wir sind noch lange nicht im Paradies angelangt. Wir haben alle unsere Grauzonen und unsere Verfehlungen und das sollte man genauso reflektieren.

Bei aller berechtigten Kritik an den bestehenden Verhältnissen in Katar, sollten sich die westlichen Länder, die sich für fortschrittlicher halten, klar sein, dass auch sie einen Prozess durchgemacht haben und dass man vor wenigen Jahrzehnten noch ganz andere Standards hatte.

Wir reden hier also im Kern über einen Kulturkampf, der auch bei uns stattfand, nur unter etwas anderen Bedingungen?

Es ist natürlich so, dass diese autoritären Länder, über die wir jetzt reden, sehr stark vom Islam geprägt sind mit einer kulturellen Tendenz gegen bestimmte Fortschritte. Andererseits darf man auch nicht ignorieren, dass auch die katholische Kirche die Homosexualität und gleichgeschlechtliche Ehe verbietet und als Sünde verurteilt.

Problematisch wird es, wenn solche Anschauungen direkt in die Gesetze einfliessen. Darin liegen unsere Differenzen zu diesen Ländern begründet. Wir trauen ihnen vielleicht nicht zu, dass sie einen Änderungsprozess hin zu mehr Pluralismus durchmachen. Aber ehrlich gesagt traue ich der katholischen Kirche auch nicht zu, dass sie morgen beschliesst, dass Homosexualität keine Sünde mehr ist und gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt. Es geht hier also nicht um einen Kampf «the west against the rest», sondern um innergesellschaftliche Auseinandersetzungen in jeder Gesellschaft.

Mit welchen konkreten Konsequenzen sollten wir unsere Kritik verbinden?

Ich denke, man sollte die FIFA kritisieren. Zum Beispiel weil sie die Farce mit den «OneLove»-Captainbinden mitmacht und in ihren Kleidervorschriften Symbole verbietet. Das hätte die FIFA, die ihren Sitz in der Schweiz hat, nicht tun müssen. Sie hat es natürlich doch getan, weil es vor allem ums Geld geht.

Wenn die Entscheidungen der FIFA schlecht ankommen, dann entsteht sozialer Druck und dann bekommen vielleicht auch die Sponsoren kalte Füsse. Das ist der Punkt, der am effektivsten ist: dass man bei der FIFA und bei den Sponsoren ansetzt.

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Kann ein Grossanlass wie die WM überhaupt noch unpolitisch sein?

Nein, eine Fussball-WM ist eigentlich ein politischer Event, weil dort all diese Diskussionen stattfinden. Dass es politischen Debatten gibt, wie zum Beispiel auch über das iranische Team, zeigt für mich, dass es nicht unbedingt negativ ist, eine WM in Katar zu veranstalten.

Katar hatte mit der Ausrichtung sicherlich etwas anderes im Sinn: Ich bin mir nämlich nicht so sicher, dass Katar kritischen Druck der Öffentlichkeit verspüren wollte und sich rechtfertigen wollte. Oder dass es intendiert war, dem iranischen Team eine Plattform zu geben, um das Regime in der Heimat zu kritisieren. Solche Dinge sind ja eigentlich positiv.

Natürlich sollte es bei einer WM um Fussball gehen: Aber bei einer WM geht es nie nur um Fussball. Deswegen sollte man jetzt auch nicht sagen, dass künftige Weltmeisterschaften nur noch in Ländern mit einer absolut weissen Weste stattfinden dürfen. Wir müssten sonst die nächste WM auf dem Mond abhalten.

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