Erwischt einen die zweite Moderna-Dosis wirklich so viel härter? 

Von Uz Rieger und Gil Bieler

25.6.2021

Un membre du staff medical vaccine contre le coronavirus COVID-19 une femme a l'aide du vaccin Moderna, lors du premier jour d'ouverture du Centre de vaccination de Palexpo, ce lundi 19 avril 2021 a Geneve. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)
Eine Frau erhält im April 2021 in Genf eine Dosis mit dem Moderna-Impfstoff verabreicht. 
Bild: Keystone

Mit dem Fortgang der Impfkampagne hört man immer öfter von Bekannten oder Familienmitgliedern, die nach der Spritze schwer leiden. Besonders die zweite Moderna-Dosis hat es demnach in sich.

Von Uz Rieger und Gil Bieler

25.6.2021

Wird es bei der zweiten Impfdosis wirklich härter? Oder werden die Leute nur erzählfreudiger, wenn sie mit der zweiten Spritze endlich dem Vollschutz entgegengehen? Gefühlt werden die Berichte über Impf-Nebenwirkungen dann jedenfalls immer mehr. Besonders schwer trifft es dabei scheinbar die gebeutelten Mitglieder der Moderna-Fraktion, die häufig mit grippeähnlichen Symptomen ins Bett fallen.

Aber ist das auch wirklich wahr? Oder hat sich beim Moderna-Impfstoff lediglich ein Gerücht aufgebaut, das nun erfolgreich seine Ernte einfährt?

Fast 3000 unerwünschte Impferscheinungen bis Mitte Juni

Fakt ist, dass es generell auch schwerere Nebenwirkungen nach der Impfung gibt. So meldet das Schweizer Heilmittelinstitut Swissmedic zwischen 1. Januar und dem 15. Juni dieses Jahres 2944 Verdachtsfälle unerwünschter Impferscheinungen. Insgesamt wurde dabei über 7738 Reaktionen berichtet – es gab im Schnitt also 2,6 Reaktionen pro Meldung.



Besonders stark betroffen waren dabei Frauen mit 2022 Fällen (68,7 Prozent), zu Männern wurden 825 Eingaben gemacht, was 28 Prozent entspricht. Hinsichtlich des Alters war die Gruppe über 75 Jahren mit 938 Fällen Spitze, was nicht zuletzt auch daran liegen dürfte, dass hier bereits so viele geimpft sind.

Repräsentativ sind die Werte allerdings nicht, da die Impfreaktionen nicht systematisch erfasst werden und Swissmedic auf Rückmeldungen von Fachpersonen und aus der Schweizer Bevölkerung angewiesen ist. Auch steht diesen unerwünschten Nebenwirkungen zu diesem Zeitpunkt die grosse Zahl von bis zu 6,12 Millionen gemachten Impfungen gegenüber – und die Tatsache, dass 1901 der gemeldeten Verdachtsfälle – also fast 65 Prozent – als nicht schwerwiegend eingestuft wurden.

Unterschiede zwischen Moderna und Biontech/Pfizer

Laut den Zahlen von Swissmedic gibt es allerdings Unterschiede zwischen den beiden in der Schweiz eingesetzten Vakzinen, denn 57,6 Prozent der registrierten Meldungen entfielen auf den Impfstoff von Moderna, 40,8 Prozent auf Biontech/Pfizer.

Bei Biontech wurden gemäss Swissmedic 35,5 Prozent der Fälle als nicht schwerwiegend eingestuft, bei Moderna waren es sogar 63,6 Prozent. Nah beieinander lagen die beiden Impfstoffe hingegen wieder bei den schwerwiegenden Fällen: 50,5 Prozent kamen auf Biontech/Pfizer und 46,8 Prozent auf Moderna. Insgesamt mehr körperliche Reaktionen zeigte dafür wieder das Produkt von Moderna, nämlich 4808 Mal, was 62,1 Prozent entspricht – bei Biontech waren es 2838 Fälle beziehungsweise 36,7 Prozent.

Mehr Reaktionen bei der zweiten Dosis

Die Beobachtung leidender Moderna-Geimpfter, die viele in ihrem eigenen Umfeld machen dürften, kann auch Rudolf Hauri bestätigen. Der Corona-Impfstoff von Moderna führe zu mehr Impfreaktionen als jener von Pfizer/Biontech, sagt der Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte zu «blue News». Ein Grund dafür sei womöglich, dass Moderna höher dosiert sei. 



Laut Hauri ist zudem unbestritten, dass bei der zweiten Impfdosis mehr unangenehme Reaktionen auftreten würden als nach der ersten Dosis. Genauer unter die Lupe genommen hat diesen Sachverhalt bereits die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA. Nach ihren Zahlen kam es nach der ersten Impfung mit Biontech bei 4 Prozent der zwischen 18- und 55-Jährigen zu Fieber. Mit der zweiten Spritze waren es dann bereits 15 Prozent.

Ebenfalls stiegen die Risiken hinsichtlich erhöhter Müdigkeit von 47 auf 59 Prozent, bei Kopfschmerzen von 42 auf 52 Prozent und bei Schüttelfrost sogar von 14 auf 35 Prozent. Laut der FDA seien entsprechende Anstiege bei Moderna sogar noch etwas höher. «Das bedeutet aber nicht, dass man nach der zweiten Moderna-Impfung automatisch einen Tag flachliegt», führt Hauri aus. Er kenne aus seinem eigenen Umfeld genug andere Beispiele.

Hauri empfiehlt: Ausgeruht und entspannt zum Impftermin 

Zudem könne man einiges unternehmen, um negativen Reaktionen nach der Impfung entgegenzuwirken. «Es ist von Vorteil, wenn man ausgeruht und möglichst entspannt zum Impftermin geht», sagt Hauri. Denn die Impfung löse im Körper eine Stressreaktion aus – wer ohnehin schon gestresst sei, sei daher im Nachteil.

Ein weiterer Tipp des Experten ist, nach der Impfung genug zu trinken. Alkohol sei dabei allerdings tabu. Und auch eine entspannte Einstellung sei förderlich, meint Hauri: «Man darf erwarten, dass es eine Impfreaktion gibt, und soll sich nicht verunsichern lassen, wenn diese eintritt.»



Was die prophylaktische Einnahme von Schmerzmitteln angeht, zeigt sich der Arzt zurückhaltend: «Sollten Nebenwirkungen auftreten, die man untersuchen lassen müsste, könnte man so unter Umständen die Symptome verwischen.» Darum rät er davon ab, Schmerzmittel bereits vor der Impfung einzunehmen.

Wer befürchtet, nach dem Impftermin bei der Arbeit auszufallen, muss sich immerhin kein schlechtes Gewissen machen (lassen): «Falls ein Arbeitnehmer respektive eine Arbeitnehmerin nach einer Impfung krank wird, ist das eine ganz normale unverschuldete Verhinderung der Arbeitsleistung», bestätigt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) auf Anfrage. Der Arbeitgeber könne auch nicht darauf beharren, dass man die Impfung in der Freizeit vornehme. 

Generell rät man beim Seco zum selben Vorgehen wie bei allen kurzen Arztterminen: Wenn möglich solle man diese auf die Randzeiten legen.