«Wissenschaft als Geisel»

ETH-Präsident bezeichnet Horizon-Ausschluss als gefährlich

sda/dor

4.2.2022 - 05:10

ETH-Praesident Joel Mesot, rechts, und ETH-Rektorin Sarah Springman, links, an einer Medienkonferenz der ETH Zuerich in Zuerich am Donnerstag, 13. Maerz 2019. (KEYSTONE/Walter Bieri)
ETH-Präsident Joël Mesot (r.). (Archivbild)
Bild: Keystone/Walter Bieri

Im Streit um die Teilnahme der Schweiz am weltgrössten Wissenschaftsprogramm Horizon Europe geht es nach Ansicht des ETH-Präsidenten Joël Mesot nicht nur um Fördergelder. Vielmehr stehe die Innovationskraft der Schweiz auf dem Spiel.

sda/dor

4.2.2022 - 05:10

Die EU will bis 2027 mit insgesamt 95,5 Milliarden Euro Forschung und Innovationen fördern. Die Schweiz ist nach dem Abbruch der Verhandlungen über Rahmenabkommens im vergangenen Mai davon grösstenteils ausgeschlossen. Sie ist nur noch ein assoziierter Drittstaat, nachdem sie zuvor ein Vollmitglied war.

Die eidgenössischen Hochschulen in Zürich und Lausanne hätten schon länger vor dem drohenden Kollateralschaden gewarnt. Nun seien sie zum ersten Opfer des Streits mit der EU geworden, kritisierte Joël Mesot, Präsident der ETH Zürich, in einem am Freitag veröffentlichten Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung».

Den Ausschluss der Schweizer Hochschulen bei Horizon bezeichnet er als «gefährliches und unnötiges Experiment» mit gravierenden Konsequenzen. Forschung sei langfristig angelegt. Es dauere zehn und mehr Jahre, bis Änderungen der politischen Rahmenbedingungen sichtbar würden. «Es geht letztlich nicht um die Universitäten, sondern um die Schweiz und ihre Innovationskraft», sagte Mesot.



Vernetzung für Schweizer Hochschulen wichtig

Die wissenschaftliche Vernetzung sei für die Schweizer Hochschulen enorm wichtig. Könnten die Universitäten nicht mehr an den europäischen Flaggschiffprojekten teilnehmen, habe das auch negative Folgen für die Rekrutierung von Spitzenkräften. Im Moment seien die ETHs noch fähig, die klügsten Köpfe anzuziehen.

Wissenschaftler kämen wegen des Renommees, wegen des Zugangs zu europäischen Forschungsgeldern und den Netzwerken in die Schweiz. Und weil es der Schweiz bisher gelungen sei, hier eine kritische Masse von Forschenden zu versammeln. Es sei das Gesamtpaket, das den Forschungsstandort Schweiz so attraktiv mache, nicht das Geld.

Die Schweiz hat laut Mesot ein viel gravierenderes Problem als im Jahr 2014, als das Land schon nach wenigen Monaten wieder Teil von Horizon 2020 war. Es gehe um «grundsätzliche Fragen der bilateralen Marktzugangsverträge mit der EU», über die man sich nicht einig werde. Juristisch habe das nichts mit Horizon zu tun, erklärte der ETH-Präsident. Aber Brüssel habe das politisch verknüpft, um Druck aufzubauen. «Es ist nie eine gute Idee, die Wissenschaft als Geisel zu nehmen», so Mesot. Am Schluss leide nicht nur die Schweiz, sondern auch die EU, weil die Schweiz Spitzenforschung zu bieten habe.

sda/dor