Folge des Horizon-Aus

Schweden macht Jagd auf Spitzenforscher aus der Schweiz 

uri

3.2.2022

View of the Zurich University and the round dome of the ETH University, photographed on July 19, 2017 in Zurich, Switzerland. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Blick auf die Universitaet Zuerich und die runde Kuppel der ETH, aufgenommen am 19. Juli 2017 in Zuerich. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Die ETH und die Uni Zürich gehören zu den besten Hochschulen in Europa und der Welt. Es könnte für sie aber schwerer werden, Topwissenschaftler zu halten. (Archiv)
Bild: Keystone

Mit dem Scheitern des Rahmenabkommens ist die Schweiz auch aus dem EU-Forschungsprogramm Horizon Europe geflogen. Schweden will das ausnutzen und Topwissenschaftler mit viel Geld abwerben. 

uri

3.2.2022

Michael Hengartner, Präsident des ETH-Rats, warnte erst kürzlich im Gespräch mit dem «Blick», man erlebe nach dem Ausschluss aus dem EU-Forschungsprogramm Horizon Europe eine schleichende Erosion und sehe «erste Rückschläge». Gerade exzellente Nachwuchsforschende könnten sich nun nicht mehr um die international anerkanntesten Fördermassnahmen, die sogenannten ERC-Grants oder eine Marie Sklodowska-Curie Fellowship, bewerben.

Im Kampf um die klügsten Köpfe will Schweden diesen Umstand offensiv ausnutzen, wie «Watson» berichtete. Unverblümt schreibt der Schwedische Forschungsrat in einer Mitteilung auf der eigenen Website: «Es gibt jetzt eine Gelegenheit für schwedische Hochschulinstitutionen, führende europäische Jungforscher zu rekrutieren.»



Konkret werden in der Mitteilung 28 Forschende aus der Schweiz erwähnt. Diese müssten nun neue Universitäten in der EU finden, wenn sie den renommierten und gut dotierten Wissenschaftspreis «ERC-Grant» behalten wollten, so der Schwedische Forschungsrat.

Für abgeworbene Forscher aus der Schweiz gibt es eine Prämie

Wie es weiter heisst, bekommen alle schwedischen Hochschulen, die es schaffen, bis zum 31. März eine der infrage kommenden Personen aus der Schweiz abzuwerben, einen staatlichen Zuschuss von einer Million Schwedischen Kronen. Das sind umgerechnet mehr als 100'000 Franken. Das Geld könne etwa dazu verwendet werden, um etwa Kosten im Zusammenhang mit dem Umzug des Wissenschaftlers nach Schweden zu decken, stellt die Behörde klar.

Ob ERC-Preisträger aus der Schweiz auf den schwedischen Lockruf einsteigen würden, müsse sich noch zeigen, schreibt «Watson». Bislang habe sich die überwiegende Mehrheit indes dazu entschieden, auch ohne die Gelder aus der EU in der Schweiz zu bleiben, zumal der Bundesrat finanziell in die Lücke springe.

Die Solidarität aus dem Ausland bröckelt

In der Schweizer Wissenschaftslandschaft sorgt der Vorgang dennoch für Bauchschmerzen. Das Abwerben, aber auch das Desinteresse von hochqualifizierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem Euroraum am Forschungsplatz Schweiz habe bereits mit dem Ausschluss aus dem Programm Horizon Europe vor einem Dreivierteljahr begonnen, erklärt Christian Leumann, Präsident der Delegation Forschung swissuniversities und Rektor der Universität Bern, blue News auf Nachfrage. «Die Massnahmen des Schwedischen Forschungsrates verschärfen die Situation nun allerdings drastisch», ist er sich sicher. 

Direkt nach dem Ausschluss aus Horizon Europe habe die Schweiz noch sehr viel Unterstützung von den wichtigsten europäischen und internationalen Wissenschaftsorganisationen bekommen, meint Leumann. Nach neun Monaten ohne konkrete Schritte zu einer Reassoziierung würden sich aber Ermüdungserscheinungen in der Solidarität der Partnerinstitutionen einstellen. «Ich hoffe sehr, dass das Schwedische Modell nicht Schule machen wird, denn es ist in der Wissenschaftswelt unüblich», sagt Leumann.

Was die Aussichten des Wissenschaftsstandorts Schweiz angeht, ist der Uni-Rektor auch aus anderem Grund skeptisch. Der Schweizerische Nationalfonds könne mit den Mitteln des Bundes zwar kurzfristige finanzielle Einbussen kompensieren, sagt Leumann. «Allerdings kann er damit nicht den Reputationsverlust sowie den Ausschluss aus grossen internationalen Kooperationsprojekten stoppen.» Die Schweiz sei auch in Zukunft auf den wissenschaftlichen Austausch und auf internationale Kooperationen angewiesen.