«Für unter 65-Jährige braucht es beim Boostern keine Eile»

Von Andreas Fischer

5.12.2021

24.11.2021, Berlin: Eine Ärztin hält in ihrer Praxis eine Spritze mit dem Comirnaty-Impfstoff des Herstellers Biontech/Pfizer zur Booster-Impfung bereit. Der Andrang von Impfwilligen ist sehr groß. Foto: Wolfgang Kumm/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (KEYSTONE/DPA/Wolfgang Kumm)
Der Booster erhöht die Schutzwirkung der Corona-Impfung. Vor schweren Krankheitsverläufen sind aber auch doppelt Geimpfte gut geschützt.
KEYSTONE

Sechs Monate Wartezeit: Viele doppelt geimpfte Schweizerinnen und Schweizer müssen auf ihren Booster noch warten. Hält ihr Impfschutz so lange durch? Wir haben Impfchef Christoph Berger gefragt.

Von Andreas Fischer

5.12.2021

Vollständig gegen Corona geimpft und trotzdem infiziert oder gar erkrankt: Einige Patienten müssen hospitalisiert werden, auch Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19 sind trotz Impfung möglich. Berichte über solche Fälle verunsichern viele Menschen, obwohl Experten immer wieder betonen, dass Infektionen trotz Impfung kein Zeichen dafür sind, dass die Impfstoffe nicht wirken.

«Die geimpften unter 65-Jährigen sind noch gut geschützt vor schweren Infektionen», antwortet das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf Nachfrage von blue News. «Massgebend für die Massnahmen in der Pandemie ist neben der Verhinderung von schweren Erkrankungen die Aufrechterhaltung der Gesundheitsversorgung», begründet die Behörde.



Nach frühestens sechs Monaten könnten zweifach gegen das Coronavirus geimpfte Personen einen Booster bekommen, so das BAG weiter. Dies «zum Schutz vor milden Infektionen».

Viele Menschen sind gerade in der letzten Warteschleife vor der Auffrischimpfung. Angesichts steigender Infektionszahlen sind hier die wichtigsten Fragen und Antworten für alle, die nicht auf den «letzten Metern» vor dem Booster einen Impfdurchbruch riskieren wollen.

Sollten zweifach Geimpfte kurz vor Ablauf der Sechsmonatsfrist vorsichtiger sein?

«Ich würde sagen: Nach sechs Monaten kann man etwas vorsichtiger werden und sollte einen Booster planen», erklärt Christoph Berger, Chef der Eidgenössischen Kommission für Impffragen, im Gespräch mit blue News. «Beim Zeitraum gibt es allerdings keine scharfe Grenze», stellt Berger klar. «Es ist nicht so, dass der Impfschutz bis 179 Tage gut ist und nach 181 Tagen schlechter wird.» Wenn die Auffrischimpfung erst nach sechseinhalb oder sieben Monate ist, dann wäre das auch ausreichend: «Zumindest bei den unter 65-Jährigen würde ich das nicht so streng sehen.»

Berger betont in diesem Zusammenhang noch einmal: «Es ist nicht der Schutz vor schweren Verläufen, der mit der Zeit nachlässt. Der ist für unter 65-Jährige auch nach sechs Monaten noch gegeben, dafür braucht es beim Boostern keine Eile», sagt Christoph Berger. «Aber wir sehen bereits nach etwa vier Monaten eine Zunahme von milderen Durchbruchsinfektionen

Was ist ein Impfdurchbruch?

Als Impfdurchbruch gilt eine Sars-CoV-2-Infektion mit Krankheitssymptomen, die bei einem vollständig geimpften Menschen diagnostiziert und mit einem PCR-Test bestätigt wurde. Der Zeitpunkt der zweiten Impfung muss dabei mindestens zwei Wochen zurückliegen, da der Impfschutz eine gewisse Zeit braucht, um sich vollständig aufzubauen.

Wie viele Impfdurchbrüche gab es bislang in der Schweiz?

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) gibt seit Anfang Oktober die absolute Zahl der Impfdurchbrüche nicht mehr an. Der Impfstatus wird nur noch bei Hospitalisierungen und Todesfällen systematisch erfasst. Laut aktuellem Bericht (PDF-Download) zur epidemiologischen Lage vom 2. Dezember 2021 mussten seit Januar 1416 doppelt geimpfte Personen ins Spital, 298 Menschen sind trotz Zweifachimpfung an den Folgen von Covid-19 gestorben. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum wurden 6740 ungeimpfte Personen hospitalisiert. Bei den verstorbenen Personen waren 981 nicht geimpft.

Der Anteil der Hospitalisationen und Todesfälle bei vollständig geimpften Personen «liegt in einem – gemäss Zulassungsstudien – zu erwartenden Bereich», schreibt das BAG. Die Impfung schütze somit mit hoher Wirksamkeit gegen schwere Krankheitsverläufe bei Infektionen mit den derzeit in der Schweiz zirkulierenden Virusvarianten.

Wie lange hält der Impfschutz?

«Es gibt verschiedene Daten, die Zeitdauer des Immunschutzes betreffend, die mal in die eine, mal in die andere Richtung zeigen. Tatsache ist, dass der Schutz vor schweren Krankheitsverläufen beträchtlich länger anhält, viel länger als sechs Monate», sagte Daniel Speiser, Immunologe am Universitätsspital Lausanne, im Juli gegenüber blue News.

Einer aktuellen Studie aus Israel zufolge steigt das Risiko einer Infektion allerdings bereits etwa 90 Tage nach der zweiten Dosis allmählich an. Die Studie wurde mit Personen durchgeführt, die den Impfstoff von Biontech/Pfizer verabreicht bekommen hatten. Infizierten sich in den ersten 21 bis 89 Tagen 1,3 Prozent der Probanden mit dem Coronavirus, waren 90 bis 119 Tage nach der Zweitimpfung 2,4 Prozent. Der Anteil der Impfdurchbrüche nahm in der Folgezeit immer weiter zu: Nach 180 Tagen lag er bei 15,5 Prozent.

Der US-Hersteller Moderna hat in eigenen Nachbeobachtungen festgestellt, dass Antikörper mindestens sechs Monate nach der zweiten Dosis bestehen bleiben.

Wer sollte sich unbedingt boostern lassen?

«In der Situation heute in der Schweiz sollten primär die über 65-Jährigen geboostert werden», so Christoph Berger. Das sei auch aus Sicht der Spitalbelegung sinnvoll. «Bei älteren Personen nimmt auch der Schutz vor schwereren Verläufen mit der Zeit etwas ab. Sie haben also das höhere Risiko, schwerer zu erkranken und hospitalisiert zu werden, danach  auch die unter 65 jährigen.»

Wie viele Menschen haben bereits eine Booster-Impfung erhalten?

Die Drittimpfung gegen das Coronavirus haben in der Schweiz bisher 24,2 Prozent der über 65-jährigen Bevölkerung erhalten. Von den 16- bis 64-Jährigen wurden 48'317 Personen geboostert, was 0,85 Prozent entspricht. Bei den über 80-Jährigen erhielt mit 29,9 Prozent bisher rund ein Drittel eine Auffrischungsimpfung, wie der Webseite des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) am Freitag zu entnehmen war.

Mindern Auffrischimpfungen die Gefahr von Impfdurchbrüchen?

Anders als etwa eine Impfung gegen die Masern hält eine Schutzimpfung gegen das Coronavirus nicht ein Leben lang. Vielmehr lässt die Impfwirkung nach einiger Zeit nach, wie verschiedene Studien zeigen. Dies wurde von Fachleuten erwartet.

Mittlerweile ist die Wissenschaft der Meinung, dass die dritte Impfung, also der Booster, Teil der Grundimmunisierung ist. Auffrischimpfungen vervollständigen demnach den Impfschutz. Studien haben gezeigt, dass man nach der Booster-Impfung fünf- bis zehnmal mehr Antikörper hat als nach der zweiten Impfung.

Das Dreifach-Impfschema ist übrigens nicht neu. Im Gegenteil, man kennt es von vielen Impfungen im Kindesalter, etwa gegen Tetanus oder Diphtherie.

Wäre ein früheres Boostern generell sinnvoll?

«Zuerst sollten die Personen geboostert werden, die schon vor sechs oder mehr Monaten ihre Zweitimpfungen bekommen haben», sagt Christoph Berger. Erst danach könne man überlegen, das Intervall zu verkürzen und Auffrischimpfungen schon nach fünf Monaten anzubieten.

«Unter vier Monate würde ich allerdings nicht gehen», sagt Berger. Erstens, weil die Schutzwirkung bis dahin noch sehr hoch sei, und zweitens, weil es kontraproduktiv wäre. «Es gibt ein Minimalintervall für einen Booster, und den sollte man nicht unterschreiten.»

Es gelte mitnichten die Devise: «Je früher, umso besser», sondern «es kann auch zu früh sein – und dann ist es nicht besser.» Das würden nicht zuletzt andere Impfschemata etwa gegen Hepatitis-B der HPV zeigen.

Wann sollte man sich nach einem Impfdurchbruch boostern lassen?

«Es spielt keine Rolle, ob das letzte Corona-Ereignis im Körper die zweite Impfung war oder eine Infektion. Das würde ich gleich gewichten und die Booster-Impfung sechs Monate danach ansetzen», schätzt Berger in. «Ab dem Impfdurchbruch ist man aufgrund der Infektion wie nach einer Impfung geschützt – sogar noch etwas besser.»

Wer ist besonders durch Impfdurchbrüche gefährdet?

Impfdurchbrüche sind in allen Altersgruppen möglich. Die absoluten Zahlen der entdeckten Infektionen trotz Impfung verteilen sich recht gleichmässig. Zu bedenken ist dabei allerdings, dass die Impfquote in den Altersgruppen unterschiedlich hoch ist.

Bei den Hospitalisierungen und Todesfällen zeigt sich aber, dass die älteren Generationen besonders gefährdet sind. 75 Prozent der im Spital behandelten doppelt geimpften Patienten waren älter als 70 Jahre. Die meisten Todesfälle (223 von 298) wurden bei den über 80-Jährigen registriert.