Noch nie wurden so viele Pakete gestohlen

Von Alex Rudolf

12.8.2021

2020 beschwerten sich in etwa gleich viele Menschen bei der Bundesnetzagentur wie im Vorjahr, ihr Frust war aber grösser als zuvor.
Laut Polizeisprechern verschiedener Schweizer Städte und Kantonen ist der Fall klar: Den typischen Paketdieb gibt es nicht, denn «Gelegenheit macht Diebe».
Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa

Mit der Pandemie begann für die Schweizer Post ein goldenes Zeitalter: Sie transportiert knapp ein Viertel mehr Pakete. Dies ruft aber auch Diebe auf den Plan: In Zürich dürfte dieses Jahr gar ein neuer Rekord erreicht werden.

Von Alex Rudolf

12.8.2021

Werden Pakete aus dem Briefkasten oder Treppenhaus gestohlen, ist das ärgerlich. An diesen Ärger müssen sich viele aber zwangsläufig gewöhnen, denn derzeit werden mehr Pakete entwendet denn je.

Ein Grund dafür ist auch, dass aktuell auch so viele Pakete versandt werden wie nie zuvor. «Die Zahl der Pakete ist im vergangenen Jahr regelrecht explodiert», sagt Post-Sprecherin Nathalie Dérobert auf Anfrage von «blue News».

Gegenüber dem Vorjahr wurden 2020 satte 23,3 Prozent mehr Pakete verarbeitet. Dieser Trend hält bis heute an. Täglich würden in der Schweiz zwischen 750'000 und 900'000 Pakete transportiert – vor der Pandemie seien es rund 600'000 pro Tag gewesen.

Diebstahl-Quote konstant

Obwohl in den vergangenen Monaten zahlreiche Post-Kund*innen im Homeoffice arbeiteten und Pakete daher in der Regel persönlich entgegennehmen konnten, blieb die Diebstahlquote konstant. Über die vergangenen Jahre sei diese stabil im tieferen Promillebereich geblieben, sagt die Post-Sprecherin weiter.

Seit die Post die sogenannte Zustellungsermächtigung eingeführt hat, ist es für Päcklidieb*innen ein Leichtes, zuzuschlagen. Mit diesem Dienst erlauben es Empfänger*innen der Post, Sendungen vor der Haustür oder im Hauseingang zu hinterlegen – ohne Unterschrift der Empfänger*in.


Nathalie Dérobert, Sprecherin der Post


Dass dies jedoch nicht ideal ist, haben inzwischen einige Post-Kund*innen bemerkt. So habe die Anzahl der Zustellungsermächtigungen im April 2020 mit Start des Lockdowns sehr stark zugenommen. «Mit der allmählichen Normalisierung der Lage hat sich auch die Anzahl Zustellermächtigungen wieder etwas nivelliert.»

Deutlich mehr Anzeigen in Zürich

Einen Zusammenhang mit Diebstählen stelle man bei der Post aber nicht fest, betont Dérobert. Mit Blick auf Paketdiebe empfiehlt der Zusteller, Sendungen möglichst kurz im Briefkasten oder unbeaufsichtigt vor der Haustür liegen zu lassen.

Postangestellte sortieren Briefe und kleine Pakete im neuen Briefzentrum Zuerich-Muelligen der Post, am Dienstag, 20. November 2007 in Zuerich. Ab 2008 sollen in dem Zentrum taeglich sieben Millionen Sendungen verarbeitet werden, darunter alle internationalen Briefsendungen aus der und in die Schweiz. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)
Postzentrum Zürich-Mülligen: mehr Zustellungen, aber auch mehr Anzeigen wegen Diebstahls.
KEYSTONE

Besonders in der Stadt Zürich nahm die Anzahl gestohlener Postsendungen über die Jahre konstant zu, wie eine Anfrage bei der Stadtpolizei zeigt. 2016 wurden noch lediglich 230 Delikte gemeldet, in den Folgejahren bewegten sich die Zahl zwischen 400 und 500 Fällen. Bis Juli 2021 gingen bereits 279 Meldungen ein.

Die Chancen, dass dieses Jahr der Rekord gebrochen wird, sind gross. Dies, besonders im Hinblick auf die Adventswochen, in denen erfahrungsgemäss viele Pakete versandt werden. In anderen Schweizer Städten wie Luzern, St. Gallen oder Bern wird derweil kein merklicher Anstieg solcher Diebstähle festgestellt, wie die jeweiligen Mediensprecher mitteilen.

Dunkelziffer dürfte hoch sein

Ein rechtliches Nachspiel haben solche Diebstähle in der Regel jedoch nicht. Denn: Wem eine Postzustellung entwendet wird, meldet dies nur selten der Polizei. Urs Wigger von der Luzerner Kantonspolizei sagt, dass man nur wenige Anzeigen verzeichne. «Die Dunkelziffer dürfte höher sein als bei anderen Deliktfeldern.»

Auch lässt sich oft keine grosse Systematik hinter den Delikten erkennen. So verlaufe es grundsätzlich nach dem Prinzip «Gelegenheit macht Diebe», so Wigger.



Bei den Zulieferern der gestohlenen Ware hält man sich sehr bedeckt. Katharina Hein, Sprecherin von Zalando, sagt, dass man sich aus Sicherheitsgründen nicht zu Häufigkeiten von Diebstahl oder Betrug äussere. Auch Digitecgalaxus-Sprecher David Kübler betont, dass man sich nicht zu tief in die Karten blicken lasse, um Betrügereien vorzubeugen.

Was können die Kunden tun?

Doch zieht auch Kübler Parallelen zwischen der Anzahl versandter Pakete und Diebstählen. So sei es in der Vorweihnachtszeit mit dem Black Friday zu mehr Diebstählen gekommen, da mehr Pakete versandt wurden. Im Verhältnis zu sämtlichen Bestellungen gebe es bei Digitecgalaxus nur wenige Diebstähle oder verlorene Artikel. «Wir sprechen von deutlich unter einem Prozent.»

Ist es nicht möglich, das Paket rasch aus dem Treppenhaus oder Briefkasten zu holen, bietet die Post verschiedene Steuerungsmöglichkeiten. Mit dem Online-Service «Meine Sendungen» könne etwa die genaue Zustellzeit festgelegt oder veranlasst werden, dass ein Nachbar das Paket entgegennimmt. Auch «Pick Post» sei eine Alternative, wie Dérobert erklärt. Hierbei kann man sich Pakete an Abholorte, wie etwa gewisse Migros-Filialen, liefern lassen.

Wer Päckli nicht vor der Tür liegen lassen will, könne auch das Angebot von Pick Post 24 in Anspruch nehmen. Hierbei lassen sich Pakete rund um die Uhr an Post-Automaten abholen.

Und zu guter Letzte: Eine spektakuläre, aber nicht ganz ernst gemeinte Möglichkeit, seine Lieferungen vor Päcklidieben zu sichern, ist die Glitzerbombe, die der Youtuber Mark Rober entwickelt hat.

Hatte es satt, dass seine Pakete gestohlen wurden: Der Youtuber Mark Rober zeigt, wie man seine Zustellungen verteidigt.