«Patienten werden wieder nach Hause geschickt»

Von Maximilian Haase und Sven Hauberg

9.12.2021

Covid-Kranker auf der Intensivstation des Inselspitals. (Archivbild)
Covid-Kranker auf der Intensivstation des Inselspitals in Bern: Was passiert, wenn die Intensivbetten alle belegt sind? (Archivbild)
Bild: Keystone

Die schweren Covid-Verläufe nehmen zu, in vielen Schweizer Spitälern sind die Intensivstationen voll. Für andere wichtige Eingriffe – etwa bei Krebspatienten – fehlen Plätze, Personal und Zeit.

Von Maximilian Haase und Sven Hauberg

9.12.2021

«Die Lage ist sehr angespannt» – so fasste die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) kürzlich die Situation in den hiesigen Spitälern zusammen. Die Pandemie führe «erneut zu einer kritisch hohen Auslastung der Intensivstationen», hiess es in einem Statement

Betroffen sind nicht nur die Covid-Patient*innen selbst, sondern auch jene, die aufgrund anderer Erkrankungen auf Behandlung warten. Führen die steigenden Belegungen der Intensivbetten also dazu, dass dringliche Fälle, etwa Krebspatient*innen, das Nachsehen haben und Eingriffe wieder verschoben werden müssen?

Wie die Krebsliga Schweiz auf Anfrage von blue News mitteilt, höre man aus verschiedenen Spitälern sowie von Onkologinnen und Onkologen, «dass Behandlungen von Krebspatienten verschoben werden müssen», so eine Sprecherin.

Behandlungen von Krebspatienten verschoben

Zwar würden die weniger dringlichen Eingriffe zuerst verschoben. «Doch leider ist es nicht auszuschliessen, dass auch dringliche Eingriffe nicht wie geplant durchgeführt werden können.» Einige Ärzt*innen, mit denen die Organisation in Kontakt stehe, sprächen «von einer sehr angespannten Lage in der stationären Versorgung».

Das bestätigt auch Susanne Gedamke. Die Geschäftsführerin der Patientenorganisation SPO sagt zu blue News: «Was wir in letzter Zeit öfter hören, ist, dass Patienten wieder nach Hause geschickt werden oder Abklärungen nicht so umfassend gemacht werden, wie dies ausserhalb von Krisenzeiten der Fall wäre.»



Krebspatient*innen müssten auch während der Pandemie Zugang zu dringlichen Behandlungen haben, fordert die Krebsliga. Dies scheine jedoch aktuell aufgrund der steigenden Fallzahlen von Covid-19-Erkrankungen «nicht mehr überall gewährleistet zu sein». Man befürchte, «dass gerade in Zeiten, in denen Triage notwendig wird, der Zugang zu Intensivpflegeleistungen für Krebspatienten erschwert wird».

Auch wenn die Verschiebung einer Operation aus medizinischen Gründen vertretbar sein möge: «Diese Ungewissheit bedeutet für die Betroffenen und ihr Umfeld zusätzlich zur Krebserkrankung eine grosse Belastung».

«Zusätzliche psychische Belastung»

Es sei vor allem «eine zusätzliche psychische Belastung»: «Die Ungewissheit, ob und wann man operiert werden kann, bedeutet enormen Stress für alle Beteiligten.» Zudem könne auch die Verschiebung von nicht dringenden Operationen für Krebspatient*innen folgenreich sein, etwa wenn aus diesen Gründen die darauf folgende Chemotherapie ebenfalls verschoben werden müsse.

Zurückzuführen sei die aktuelle Situation laut Krebsliga auf verschiedene Faktoren, «darunter der zunehmende Mangel an intensivmedizinisch ausgebildeten Fachpersonen sowie eine tiefe Impfquote». Die Impfung bleibe das wichtigste Mittel, um Spitäler vor Überlastung zu schützen, weshalb die Krebsliga an die Schweizer Bevölkerung appelliere, sich impfen zu lassen. Die Corona-Impfung sei «auch ein Zeichen der Solidarität gegenüber Krebsbetroffenen».



Bereits im Herbst und Winter 2020/21 habe die starke Belastung der Spitäler und Intensivstationen laut Taskforce dazu geführt, «dass etwa 19'000 Operationen verschoben wurden und so die medizinische Behandlung von Nicht-Covid-19-Patient*innen beeinträchtigt wurde». Eine Überlastung des Gesundheitssystems hätte «direkte negative Konsequenzen» für eine grosse Zahl von Patient*innen, so die Expert*innen des Bundes.

«Grossräumige, möglicherweise implizite, Triage»

An einer Medienkonferenz warnte die Taskforce kürzlich: Schweizweit verfügten bereits 23 Spitäler über keine zertifizierten Intensivbetten mehr, so Andreas Stettbacher, Bundesratsdelegierter für den Koordinierten Sanitätsdienst (KSD). Noch gebe es zwar ausreichend Intensivkapazitäten und eine Reserve an 167 Betten. Falle diese unter 150, müsse man zusätzliche, nicht zertifizierte Betten mit Personal aus anderen Stationen in Betrieb nehmen. Ein Teil davon könne jedoch nicht genutzt werden, wenn Intensiv-Personal ausfalle.

In ihrem aktuellen wissenschaftlichen Update gibt die Taskforce zu bedenken, dass angesichts der epidemiologischen Lage «kritische Schwellenwerte für die Belastung der Intensivpflegestationen überschritten werden» könnten. Oberhalb von 400 Covid-19-Patient*innen auf den Intensivstationen wäre die IPS-Kapazität schweizweit erschöpft. Man erwarte dann «grossräumige, möglicherweise implizite, Triage».



Die Expert*innen des Bundes sehen vor allem die medizinische Versorgung gefährdet: Wie der letzte Herbst und Winter gezeigt hätten, könne die Qualität der medizinischen Behandlung in einer solchen Situation «signifikant abnehmen» – was wiederum zur Folge haben könne, dass sich die Sterblichkeit unter Covid-Patient*innen erhöhe.

Die Patientenorganisation SPO hatte sich vor ziemlich genau einem Jahr in einem offenen Brief an den Bundesrat und die Kantonsvertreter*innen gewandt und einen besseren Schutz von älteren und kranken Menschen gefordert. «Leider finden wir uns derzeit in derselben dramatischen Situation wie vor einem Jahr wieder, daher bleiben unsere Forderungen auch dieselben», sagte SPO-Geschäftsführerin Gedamke heute: «Mehr gesellschaftliche Solidarität und sofortige Schutzmassnahmen vonseiten der politischen Entscheidungsträger.»