Mehr Pflegende und Ärzte auf der Intensivstation kündigen

lpe

20.11.2021

Die Covid-19-Pandemie hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Spitalstatisiken: Es gab weniger stationäre und mehr ambulante Behandlungen und den Spitälern entstanden hohe Kosten durch das vom Bund verordnete Freihalten von Kapazitäten (Symbolbild).
Die Covid-19-Pandemie hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Spitalstatisiken: Es gab weniger stationäre und mehr ambulante Behandlungen, und den Spitälern entstanden hohe Kosten durch das vom Bund verordnete Freihalten von Kapazitäten (Symbolbild).
Keystone/Peter Klaunzer

Alain Berset will die Spitalkapazität ausbauen, obwohl das Personal bereits am Anschlag ist. Die hohe Belastung zeigt ihre Spuren: Laut Kennern der Szene hätten mehr Intensivpfleger und -mediziner gekündigt. 

lpe

20.11.2021

Keine neuen Massnahmen – trotz steigender Fallzahlen: Das hat der Bundesrat diese Woche entschieden. Die Kantone sollen stattdessen die Kapazitäten in den Spitälern erhöhen, forderte Bundesrat Alain Berset. 



Das kritisiert Barbara Dätwyler Weber, Mitglied des Initiativkomitees der Pflegeinitiative gegenüber «20 Minuten». Die Spitäler und auch das Pflegepersonal seien jetzt schon am Anschlag, «und dann heisst es: ‹Schaut mal, was ihr machen könnt, um die Kapazitäten auszubauen›». Dabei sei das Personal das grösste Hindernis, um die Kapazität zu erhöhen, dies habe Berset selbst gesagt. 

Bis zu 15 Prozent weniger Fachpersonal Intensivpflege 

Pflegepersonal war schon vor der Pandemie Mangelware. Nun soll sich die Fluktuation wegen der hohen Belastung durch die Pandemie noch verstärkt haben. Statistiken gibt es dazu noch nicht, doch zu dieser Prognose kommen Kenner der Branche gegenüber der «NZZ».

Franziska von Arx, die Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin (SIG), schätzt, dass rund zehn bis 15 Prozent der Expert*innen in der Intensivpflege seit Beginn der Pandemie ihren Job gekündigt haben.



Intensivmediziner wollen mehr Teilzeit arbeiten

Bei den Ärzten stieg die Belastung besonders für die Intensivmediziner. Während Spezialdisziplinen, die nicht in die Behandlung von Corona-Patienten involviert waren, nicht dringende Eingriffe verschieben mussten und so zu Minusstunden gezwungen wurden, wurde die Belastung der Ärzte, die auf den Intensivstationen tätig waren, extrem erhöht. 

Der Umgang mit dem neuen Virus, die aufwendige Pflege und Hygienemassnahmen sowie die Ausfälle beim Personal wegen Quarantäne- und Isolationsbestimmungen hätten das Personal besonders zu Beginn der Pandemie an den Anschlag gebracht, sagt Peter Steiger, stellvertretender Direktor des Instituts für Intensivmedizin am Zürcher Unispital, zur «NZZ»: «Die Attraktivität der Intensivmedizin hat in der Pandemie zweifellos gelitten.»

Einerseits sei es schwierig, Leute für die Ausbildung zu finden. Auch hier würden einige der Fachärzte die Disziplin wechseln oder sogar den Beruf ganz an den Nagel hängen. Zugleich würde wegen der hohen Belastung die Forderung nach Teilzeitarbeit lauter. Es brauche also noch mehr Personal, so Steiger. Dies habe einen harten Wettbewerb unter den Spitälern um die raren Fachkräfte zur Folge, sagt Steiger.

Für Assistenz- und Oberärzte ist Spital keine Endstation

Weniger akut ist die Lage in den anderen medizinischen Disziplinen. Es sei keine Häufung von Abgängen wegen der Corona-Belastung festgestellt worden, wie Marcel Marti vom Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (VSAO) betont. Dies habe auch mit den Perspektiven zu tun: Nachdem die Ärzte die nötigen Erfahrungen im Spital gesammelt haben, haben sie die Möglichkeit, sich mit einer Praxis selbständig zu machen oder Teil einer Gruppenpraxis zu werden.

Für die Pflegenden gibt es diese Möglichkeiten nicht. Es sei wichtig, dass man dem Personal Sorge trage, sagt Barbara Weber Dättwyler vom SBK zu «20 Minuten». Doch momentan zeige man «kein Verständnis für die Situation des Pflegepersonals».