«Sind drei Erdölfirmen im Portfolio nachhaltig? Oder eine Mogelpackung?»

Anna Kappeler

26.6.2020 - 18:00

Die Raffinerie Petroplus in Cressier. Der Bundesrat hat heute Freitag Richtlinien erlassen für einen nachhaltigeren Finanzsektor.
Bild: Keystone

Bundesrat Ueli Maurer will den Schweizer Finanzsektor nachhaltiger machen. Klingt gut – doch reicht das? Michael Diaz von der Alternativen Bank ordnet ein. Und sagt, wieso Bern wohl auf Druck aus dem Ausland handelt.

Herr Diaz, der Bundesrat will die Nachhaltigkeit im Finanzsektor verbessern (mehr hier). Sind die vorgestellten Leitlinien substanziell oder heisse Luft?

Die Leitlinien bedeuten eine Änderung für den Schweizer Finanzplatz bezüglich etwa der Transparenz. Insofern Ja, sie sind substanziell. Aber: Sie gehen nicht wahnsinnig weit. Die EU beispielsweise geht hinsichtlich der Regulation einiges forscher vor als die Schweiz. Die Schweiz hat den Anschluss ans europäische Umfeld verloren. Mit den heutigen Massnahmen versucht sie den Anschluss wiederherzustellen.

Soll diese grüne Offensive also das Image im Ausland aufpolieren?

Es geht um handfeste Aspekte – den Marktzugang zur EU nicht zu verlieren. Die EU ist ein wichtiger Markt für Schweizer Finanzdienstleister, und dort passiert viel in Bezug auf ‹sustainable finance›, also nachhaltige Finanzflüsse. Die Leitlinien des Bundesrates sind im Kontext der Regulationsbemühungen der EU zu sehen.

Es ist mehr Reaktion denn Aktion?

Dass die Ideen gerade jetzt präsentiert werden, hat sicher mit den neuen Vorschriften in der EU zu tun.

Zum Inhalt: Warum fehlen darin konkrete verbindliche Klimaziele wie etwa beim Pariser Klimaschutzabkommen?

Zur Person
zVg

Michael Diaz ist Geschäftsleitungsmitglied und Leiter des Anlage- und Privatkundengeschäfts der Alternativen Bank Schweiz ABS. Der Zürcher arbeitete etwa für die Credit Suisse, den sozialen und ökologischen Vermögensverwalter Care Group und die Nachhaltigkeitsrating-Agentur Inrate.

Man ist nicht konkreter geworden, weil das alles sehr komplex ist. Die Klimaexposition des Schweizer Finanzplatzes zu berechnen ist schwierig. So weit sind wir einfach noch nicht, und die umliegenden Länder übrigens auch nicht. Für verbindliche Ziele braucht es zuerst einmal eine saubere Grundlage. Danach braucht es eine gemeinsame Methodik, wie Klimaziele bei Finanzdienstleistern gemessen werden können.

Müsste der Bund also stärker regulieren, statt der Finanzbranche so viel Verantwortung zu überlassen?

Das ist Ansichtssache. Wir von der Alternativen Bank Schweiz (ABS) würden das unterstützen. Die Schweiz gehört im internationalen Kontext bei nachhaltigen Anlagen nicht zu den Vorreitern. Ich denke hier insbesondere auch an unsere Pensionskassen. Das hat mit der eher zurückhaltenden Regulation zu tun. Kommt dazu, dass die Finanzindustrie die Klimarisiken sehr lange unterschätzt hat –, obwohl diese lange bekannt sind. Etwas Bewegung brachte erst der Druck der Zivilgesellschaft.

«Es gibt keine genaue Definition, was Nachhaltigkeit ist, es handelt sich um ein Leitbild», sagt Michael Diaz von der Alternativen Bank. Das Bild zeigt einen Mitarbeiter des Transportunternehmens Traveco AG.
Bild: Keystone

Hat die Finanzbranche bei den Richtlinien zu viel Einfluss, und Umweltorganisationen zu wenig?

Schauen wir wiederum nach Europa: Als es dort darum ging, zu definieren, wann eine Wirtschaftsleistung nachhaltig ist und wann nicht, wurden viel mehr Leute einbezogen als hier. Die Wissenschaft war dabei, NGOs und die Zivilgesellschaft. Es ist spannend zu beobachten, wie die EU hier vorankommt. Zurück zu Ihrer Frage also: Ja, das könnte man in der Schweiz besser machen.



Der Bundesrat will mit nachhaltigen Labels und mehr Transparenz ‹Greenwashing› verhindern. Ein guter Ansatz?

Das wird die Zukunft weisen. Die Herausforderung ist: Es gibt keine genaue Definition, was Nachhaltigkeit ist, es handelt sich um ein Leitbild. Wir können also Nachhaltigkeit nicht absolut, sondern nur in Relation definieren. Nehmen wir die Zementindustrie: Da gibt es vielleicht Unternehmen, die sich mehr anstrengen, nachhaltige Klimaziele zu erreichen als andere. Und trotzdem schaden sie der Umwelt. Sie sehen, es ist nicht so einfach. Ein anderes Beispiel: Ist es noch nachhaltig, wenn ich drei Erdölfirmen in meinem Portfolio habe? Oder ist das eine Mogelpackung? Hier könnte ein Label ansetzen.

«Die Finanzindustrie hat die Klimarisiken sehr lange unterschätzt, obwohl diese lange bekannt sind. Etwas Bewegung brachte erst der Druck der Zivilgesellschaft.»

Ökologisch und sozial – so beschreibt sich die ABS. Doch konkret: Was macht die ABS grüner als andere Banken?

Die ABS ist grüner, weil es ihr nicht um Gewinnmaximierung geht. Es geht ihr darum, in der Realwirtschaft eine ökologische, soziale und damit nachhaltige Entwicklung zu fördern.

Ist Gewinnerzielung und Nachhaltigkeit ein Widerspruch? Der Bundesrat will wettbewerbungsfähig und nachhaltig sein …

Nein, das ist kein Widerspruch. Die ABS gibt es seit 30 Jahren. Und die ABS verfolgt eine strenge Nachhaltigkeit und ist sehr erfolgreich. Ich würde sogar behaupten: die strenge Nachhaltigkeit ist unser Erfolgsrezept – wir treffen den Nerv der Zeit. Wichtig ist mir zudem: Bei uns ist Nachhaltigkeit nicht nur ein Thema bei den Anlagen, sondern auch bei Kreditfinanzierungen. Bei den heute präsentierten Richtlinien des Bundesrats ist mir dagegen nicht klar, ob er bei der Nachhaltigkeit nur von der Anlage- oder auch von der Kreditseite spricht. Denkt man umfassend, müssten auch Kreditfinanzierungen einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten.

Wurde das bewusst nicht genau ausgedeutscht?

Das müssten Sie die Akteure fragen. Ich weiss nur, dass es die aktuelle Entwicklung widerspiegelt. Im Anlagebereich ist diese weiter fortgeschritten. Für eine nachhaltige Entwicklung darf die Kreditseite nicht ausgeklammert werden.



Wird ein nachhaltiger Finanzplatz für Kleinsparer teurer – Stichwort Negativzinsen, welche die ABS ja weitergibt?

Negativzinsen sind eine Frage des Zinsdifferenzgeschäfts. Aber ja: Selbstverständlich entstehen Kosten, wenn man Umwelt- und Sozialeinflüsse von Finanzprodukten ermittelt. Und selbstverständlich kostet es Geld, wenn wir ausrechnen, welchen CO2-Fussabdruck ein Anlagefonds hat. Aller Voraussicht nach werden diese zusätzlichen Kosten der Kundschaft überwälzt, ja. Doch: Je mehr die verschiedenen Finanzplayer Nachhaltigkeit ausweisen, desto stärker sinken die Zusatzkosten.

«Die zusätzlichen Kosten werden wohl der Kundschaft überwälzt, ja. Doch: Je mehr die Finanzplayer Nachhaltigkeit ausweisen, desto stärker sinken die Zusatzkosten.»

Ist der Durchschnittsschweizer gewillt, diesen Preis zu zahlen?

Beschreiben Sie mir den Durchschnittsschweizer, die Durchschnittsschweizerin.

Nehmen wir Zahlen: Wie viele Leute haben ein Konto bei Ihnen und wie viele eines bei allen anderen Banken. Das sagt etwas darüber aus, wie wichtig dem Durchschnittsschweizer ökologisch und sozial nachhaltig angelegtes Geld ist. Da steht die Gewinnmaximierung im Vordergrund.

Da kann ich widersprechen. Das Volumen nachhaltiger Anlagen ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Unsere Erfahrung – und wahrscheinlich gilt das für den Markt generell – ist: Gibt man der Anlegerin und dem Anleger die Möglichkeit, traditionell oder aber nachhaltig zu investieren, entscheidet sie und er sich für nachhaltig. Dies, obwohl sie und er dadurch unter Umständen etwas mehr Kosten hat. Aber eben dafür einen positiven Beitrag für Umwelt und Gesellschaft leistet, bei einer vergleichbaren Rendite nach Abzug der Kosten. Die Herausforderung liegt weniger bei den Kosten als vielmehr darin, dass Kundenberaterinnen und -berater nachhaltige Lösungen überhaupt anbieten. Oft haben die Kundenberaterinnen und -berater das Wissen gar nicht, um nachhaltige Produkte anzubieten. Hier müssen wir ansetzen. Deshalb ist die Initiative des Bundesrates grundsätzlich zu begrüssen. Sie ist ein starkes Signal in die Finanzindustrie hinein, das Thema Nachhaltigkeit aktiv anzugehen.



Zurück zu Ihnen: Wie weist die ABS nach, dass sie tatsächlich nachhaltig ist?

Wir haben Leitlinien dafür definiert, welche Geschäftsfelder wir fördern wollen, von denen wir denken, dass sie eine positive Wirkung auf Gesellschaft und Umwelt haben. Sie legen auch fest, in welche Bereiche wir nicht investieren, weil sie nicht nachhaltig sind. Diese Leitlinien gelten für alle Geschäftsbereiche. In unserem Nachhaltigkeitsbericht informieren wir transparent. Dort kann nachverfolgt werden, wo die Kredite hingehen, und wo wir überall tätig sind. Oder im Anlagegeschäft: Wir weisen für 80 Prozent aller Anlagen, die wir für unsere Kundinnen und Kunden tätigen aus, wie gross der CO2-Fussabdruck ist. Und wir weisen aus, wie nachhaltig wir als Betrieb sind.

Auch die ABS hat negative ökologische Auswirkungen. Wo muss sie ihr Handeln verbessern?

Selbstverständlich haben auch wir gewisse negative ökologische Auswirkungen. Eine grosse Herausforderung ist es, dass wir nach wie vor sehr viel Papier generieren. Trotz Fortschritten in der Digitalisierung müssen wir uns hier verbessern, etwa in der Kommunikation mit der Kundschaft bei den Bankbelegen. Und: Auch wir müssen uns auf der Finanzierungsseite noch stark steigern, wenn es darum geht, den CO2-Fussabdruck auszuweisen. 

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