So hat sich der jüngste Lockerungsschritt ausgewirkt

#Von Gil Bieler

3.5.2021

Gaeste sitzen auf der Terrasse der DADA Bar am Limmatquai am Montag, 19. April 2021 in Zuerich. Die Oeffnung der Terrassen und Aussenbereiche der Restaurants ist ab heute wieder erlaubt. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Seit zwei Wochen geniesst die Schweizer Bevölkerung – im Bild Restaurantgäste in Zürich – neue Freiheiten. 
Bild: Keystone/Gaetan Bally

Offene Restaurantterrassen, Kinos und Fitnesscenter: Wie hat sich der Öffnungsschritt vom 19. April auf die Fallzahlen ausgewirkt? Und welche neuen Forderungen stehen im Raum? Ein Überblick. 

#Von Gil Bieler

3.5.2021

In der Corona-Pandemie braucht es eines besonders: Geduld. Über jeden Öffnungsschritt wird im Voraus viel diskutiert und gestritten. Treten Lockerungen dann einmal in Kraft, gilt das bekannte Credo: abwarten und beobachten. Denn die Folgen auf die epidemiologische Situation zeigen sich erst mit einer zeitlichen Verzögerung.

Der letzte Lockerungsschritt ist heute Montag zwei Wochen her – seither sind die Restaurantterrassen und Fitnesscenter wieder offen, Veranstaltungen mit Publikum sind im kleineren Rahmen wieder möglich. Eine Strategie, die mit Risiken verbunden war – waren die Bedenken angebracht?

Die epidemiologische Lage

Die gute Nachricht: Die Daten des Bundesamts für Gesundheit (BAG) lassen keinen auffallenden Anstieg der Covid-Fallzahlen erkennen. Am Montag, 19. April, – dem ersten Tag der Lockerungen – wurden 31,82 Corona-Ansteckungen pro 100'000 Einwohner*innen gemeldet. Der 7-Tage-Schnitt lag bei 23,7 Fällen.

Seither bewegten sich die Zahlen auf einem ähnlichen Niveau. Der 7-Tage-Schnitt lag am Dienstag, 27. April, sogar leicht tiefer, bei 20,71 Fällen. Die Positivitätsrate für die vergangenen zwei Wochen liegt bei 7,9 Prozent.

Die Entwicklung der täglichen Corona-Neuinfektionen seit dem 19. April.
Bild: BAG

Aber: Die Auslastung der Intensivpflegebetten bleibt beständig hoch. Diese waren am 19. April zu 73,4 Prozent belegt, wobei 26,8 Prozent der Betten für Covid-19-Patient*innen gebraucht wurden. Am 29. April waren mit 75,5 Prozent ähnlich viele Intensivbetten belegt.

Die Auslastung der Intensivpflegebetten seit dem letzten Öffnungsschritt.
Bild: BAG

Was auffällt: Längst landen nicht mehr nur Betagte wegen einer Coronavirus-Infektion im Spital. Darin sieht der Bundesrat auch einen Erfolg der Durchimpfung dieser Altersgruppe.

Insgesamt sind in der Schweiz und in Liechtenstein Stand Montag 930'199 Personen vollständig gegen das Coronavirus geimpft, was knapp 10 Prozent der Bevölkerung entspricht. 

Die Covid-Patient*innen im Spital, aufgeschlüsselt nach Alter.
Bild: BAG

Trafen die schlimmsten Befürchtungen also nicht ein? Bei der Direktion der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) heisst es, eine seriöse Beurteilung sei erst vier Wochen nach einem Lockerungsschritt möglich. Doch: «Die epidemiologische Lage hat sich zuletzt stabilisiert bis leicht verbessert. Das lässt darauf schliessen, dass sich die Bevölkerung gut an die weiterhin bestehenden Regeln hält», erklärt GDK-Mediensprecher Tobias Bär auf Anfrage von «blue News».  

Von den angefragten Epidemiolog*innen war am heutigen Montag keine*r für eine Einschätzung verfügbar.

Die Forderungen

Weitere Lockerungen hält der Bundesrat frühestens für den 26. Mai für möglich, wobei er dies vom Fortschritt der Durchimpfung und der epidemiologischen Lage abhängig macht (mehr zum entsprechenden 3-Phasen-Plan liest du hier). Generell sei die Wahrscheinlichkeit auf grosse Öffnungen im Mai aber gering, wird betont. 

An Forderungen mangelt es gleichwohl nicht. Die Hoteliers pochen etwa auf rasche weitere Lockerungsschritte. Der Branchenverband Hotelleriesuisse verlangt, dass per 26. Mai die Restaurants wieder ihre Innenräume öffnen dürfen. Zudem soll die Schutzmaskenpflicht auf den Terrassen erlassen werden und der Anspruch auf Härtefall-Hilfen soll für Hoteliers bis Ende Jahr verlängert werden.

Diesen Forderungskatalog will Hotelleriesuisse am Mittwoch bei einem Tourismusgipfel platzieren, wie die «NZZ am Sonntag» berichtet. «Wir wollen dem Bundesrat klarmachen, dass unser Geschäftsmodell nicht nur aus Übernachtung und Zmorge besteht», sagte Verbandspräsident Andreas Züllig der Zeitung. Aktuell seien etwa Events, Kongresse oder Hochzeiten nicht möglich.

Gastrosuisse fordert ebenfalls eine rasche komplette Öffnung der Restaurants: «Nur die Terrassen zu öffnen, ist keine Lösung für die Branche», teilt der Verband mit. Wirte könnten zwar bei gutem Wetter «Zusatzumsätze machen», «aber wenn es plötzlich wieder kalt und regnerisch wird, muss man eingekaufte Waren fortwerfen». Jeder vierte Gastrobetrieb habe zudem keinen Aussenbereich, in den übrigen Fällen mache dieser nur einen kleinen Teil der Kapazitäten aus. «Unter dem Strich lohnt sich das vielfach nicht.» Der «Branchen-Lockdown» müsse daher aufgehoben werden. 

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Die kantonalen Gesundheitsdirektor*innen dagegen gehören zu jenem Lager, das zu grösster Vorsicht mahnt. «Die GDK stützt die schrittweise vorsichtige Öffnungsstrategie des Bundesrates», erklärt Mediensprecher Tobias Bär. «Die definierten Richtwerte sollten jedoch besser berücksichtigt werden, als dies bei den letzten Entscheiden der Fall war.» 

Zur Erinnerung: Der Bundesrat setzte die Lockerungen per 19. April in Kraft, obwohl vier von fünf definierten Kriterien nicht erfüllt waren.

Ferner verlangt die GDK, dass nach Öffnungen oder Verschärfungen genug Zeit für die Lagebeurteilung eingeplant werde, um die Folgen auf das Infektionsgeschehen ausreichend beobachten zu können. «Und es ist klar zu kommunizieren, dass bei einer ungünstigen Entwicklung auch eine Abkehr von den geplanten Öffnungen oder Phasenübertritten möglich ist», so Bär.

Die Clubbetreiber warten dagegen weiter auf Klarheit – denn während im Kultur- und Sportbereich wieder Veranstaltungen möglich sind, bleiben reine «Tanzveranstaltungen» bis auf Weiteres verboten. Auch in der Bundesrats-Strategie zur Wiederaufnahme von Grossveranstaltungen finden sich die Clubs nicht wieder. 

«Es gibt noch immer keine Perspektive für Veranstaltungen mit weniger als 1000 Personen, und darunter würden ja die meisten Clubs fallen», hält Alexander Bücheli, Mediensprecher der Schweizer Bar- und Club-Kommission, fest. «Uns bleibt also weiterhin nichts anderes, als abzuwarten.»

Die Aussichten

Die aktuelle «Schutzphase» gilt noch so lange, bis alle besonders gefährdeten Personen, die das wollen, doppelt geimpft sind. Der Bundesrat geht davon aus, dass diese Phase Ende Mai abgeschlossen sein wird – wobei er in dieser Gruppe von einer Impfbereitschaft von 75 Prozent ausgeht. Weitere grössere Lockerungen sind erst danach zu erwarten.

Was bereits bekannt ist: Ab Juli sollen die Kantone wieder Konzerte, Sportevents und Open-Air-Anlässe mit bis zu 3000 Personen bewilligen können, falls es die epidemiologische Lage erlaubt. Ab September sollen Events mit maximal 10'000 Personen möglich sein.

In Pilotveranstaltungen mit maximal 600 Personen sollen ab Juni erste Erfahrungen mit den Schutzkonzepten gesammelt werden. 



Während man beim Eventbranchen-Verband SMPA von einem heller werdenden Licht am Ende des Tunnels spricht, fühlen sich die Clubbetreiber vom Bund im Stich gelassen. Laut Verbandssprecher Bücheli wären sie bereit, Pilotveranstaltungen durchzuführen, die dem Clubsetting entsprächen, wie dies im Ausland gemacht werde. Doch sei dies momentan kein Thema. 

Zudem würden es die Beschränkung auf 50 Prozent der Kapazität sowie Sektoren mit maximal 300 Personen bei Stehplätzen nicht ermöglichen, «auch nur annähernd wirtschaftlich zu arbeiten». Dasselbe gelte für die geplante Belegung von maximal zwei Dritteln bei Sitzplätzen.

Bücheli spricht damit die strengen Vorgaben an, die für Veranstaltungen gelten sollen. Dazu zählen unter anderem Sitz- und Maskenpflicht, Einlass sollen nur negativ getestete, von einer Covid-Erkrankung genesene und geimpfte Personen erhalten. Das dafür nötige Covid-Zertifikat des Bundes soll im Juni vorliegen.

Die Vorschläge des Bundesrats sind aber noch nicht in Stein gemeisselt, sondern erst in der Vernehmlassung bei den Kantonen. Definitiv entscheiden will die Regierung dann am 12. Mai. Bis Gewissheit herrscht, braucht es also einmal mehr: etwas Geduld.