Fragen und Antworten

So stark steigt der Strompreis nächstes Jahr

Von Lia Pescatore

3.6.2022

Strom wird deutlich teurer und im Winter drohen Engpässe

Strom wird deutlich teurer und im Winter drohen Engpässe

Strom wird im kommenden Jahr deutlich teurer. Auch die Versorgung dürfte im Winter unsicher werden, Engpässe sind nicht ausgeschlossen. Zu dieser Einschätzung kommt die Eidgenössische Elektrizitätskommission (Elcom).

03.06.2022

Der Krieg in der Ukraine lässt die Strompreise in unbekannte Höhen schiessen. Noch sind die Preise für den Endkunden in der Schweiz nicht gestiegen. 2023 sind Preiserhöhungen aber sicher.

Von Lia Pescatore

3.6.2022

Seit August 2021 ist der Schweizer Strommarkt mit einem historischen Anstieg im Grosshandel konfrontiert. Befeuert wurde der Preis durch den Ausfall mehrerer französischer Kernkraftwerke, aber auch der Krieg in der Ukraine lässt die Preise weiter hochschnellen.

Die aktuelle Marktlage hat sich noch nicht beim Endkunden bemerkbar gemacht. 2023 wird sich das ändern, ist sich die Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom sicher.

Wie stark steigen die Preise?

Die Aufsichtsbehörde hat heute an der Medienkonferenz eine Umfrage präsentiert. Der Grossteil der befragten Unternehmen gab an, dass der Energietarif wohl um rund 47 Prozent steigen wird. Teilgenommen haben rund 170 von über 600 kontaktierten Unternehmen.

Der Energietarif ist jedoch nur einer von vielen Teilen, aus denen sich der Strompreis zusammensetzt, er macht rund ein Drittel des Gesamtpreises aus. Der Rest fällt durch Netzkosten (etwa die Hälfte des Preises) und Abgaben an Gemeinde und Kanton (etwa 18 Prozent) an.

Unter dem Strich werde der Preis etwa um 20 Prozent steigen, so die Schätzung von ElCom. 

Wann steigen die Strompreise?

Der konkrete Strompreis wird jeweils im August für das folgende Jahr festgesetzt. Dieses Jahr wird es also keine Erhöhung mehr geben. Für nächstes Jahr aber ist sie so gut wie gesetzt.

Was heisst das konkret?

Nimmt man das Beispiel eines Fünf-Zimmer-Haushalts mit einem Jahresverbrauch von 4'500 kWh, wird der Strompreis wohl von rund 21 Rappen pro Kilowattstunde im Jahr 2022 auf knapp 25 Rappen pro Kilowattstunde im nächsten Jahr ansteigen. Der Haushalt muss auf das ganze Jahr etwa 180 Franken mehr bezahlen.

In mehreren Aargauer Gemeinden gab es am späten Dienstagabend vorübergehend keinen Strom mehr. (Archivbild)
Laut einer Branchen-Umfrage der ElCom könnte der Strom im nächsten Jahr um die zwanzig Prozent ansteigen.  (Archivbild)
Keystone/MARTIN RUETSCHI

Auch Grossverbraucher sind betroffen. Bei einem Betrieb mit einem Jahresverbrauch von 150'000 Kilowattstunden müssten mit Mehrkosten von rund 6'000 Franken rechnen. Die Mehrwertsteuer ist in dieser Rechnung nicht inbegriffen.

Die Unterschiede können im Einzelfall zudem auch höher sein.

Wie kommen die Unterschiede zustande?

Der Strompreis ist allgemein heterogen, da er davon abhängt, woher ein Unternehmen den Strom bezieht und wie der Mix ausfällt.

Unternehmen, die ihren Strom beispielsweise vor allem aus dem Markt beziehen, sind stärker von den volatilen Preisen betroffen als solche, die den Strom selbst produzieren. Stabilere Preise können zudem Unternehmen liefern, die den Strom länger im Voraus bezogen haben.

Die Mehrheit der durch ElCom befragten Unternehmen gaben an, über 90 Prozent ihres Stroms vom Markt zu beziehen. Nur etwa ein Drittel der Energie für das Jahr 2023  wurde vor dem grossen Anstieg des Preises eingekauft.

Wie sieht es mit der Stromversorgung im Winter aus?

Im Winter ist die Schweiz vom Import abhängig. Die nötigen Kapazitäten stünden im Ausland zur Verfügung, meinte heute ElCom-Präsident Werner Luginbühl. Es gäbe jedoch auch Negativszenarien: Einerseits rechnet ElCom nicht damit, dass die Ausfälle der französischen Kernkraftwerke bis im Winter behoben sind.

Andererseits habe der Krieg in der Ukraine das Risiko, dass es zu Gasengpässen kommt, erhöht. Gerade ein kompletter Ausfall von russischem Gas könnte dazu führen, dass Italien oder Deutschland weniger exportieren. «Fallen beide Faktoren zusammen, könnten wir grössere Probleme kriegen», so die Einschätzung von Luginbühl. Dann müsste der Bund allenfalls mit Einschränkungen Abhilfe schaffen.

Wie könnten solche Einschränkungen ausfallen?

Laut Urs Meister, Geschäftsführer der ElCom, hat der Bund bereits durch das Landversorgungsgesetz die Möglichkeit, im Notfall solche Verbrauchsbeschränkungen zu erlassen.

Kommt es zu einem Engpass, wird die Organisation für Stromversorgung in Ausserordentlichen Lagen (Ostral) aktiv. Sie sieht mehrere Massnahmen vor, je nachdem, wie schwer die Lage ausfällt. Reichen Appelle an die Bevölkerung nicht aus, könnte sie zum Beispiel auch die Beleuchtung ausdünnen oder Kontingente für Unternehmen aussprechen. Als Ultima ratio, wenn all diese Massnahmen nicht ausreichen, wird das Netz abgeschaltet –  für alle, aber nicht flächendeckend. 

Was unternimmt der Bund, dass es nicht so weit kommt?

Ab diesem Winter sollen zum ersten Mal Wasserkraftreserven zum Einsatz kommen. Das heisst, Speicherkraftwerksbetriebe halten für den Winter gezielt Energie zurück und werden dafür vom Bund entschädigt. Da es pressiert, wird die Strategie vorerst auf Verordnungsweg eingeführt und dann vom neuen Stromversorgungsgesetz abgelöst.

Bleibt der Strompreis längerfristig hoch?

Stromversorgungsunternehmen kaufen momentan bereits den Strom für die Jahre 2024 und 2025 ein – zu den aktuell hohen Preisen. Darum rechnet ElCom damit, dass die Preise für den Endkunden auch in den Folgejahren hoch bleiben.