«Der Egoismus liegt in unserer Natur»

Gil Bieler

17.11.2020 - 18:02

Corona-Skeptiker demonstrieren in Bern: Ob wir uns an die Massnahmen halten, liegt auch an unserer Persönlichkeit und unserem sozialen Umfeld.
Bild: Keystone

Die Botschaft ist klar und auch einleuchtend: Zum Wohle der Gesellschaft sollen wir uns privat einschränken. Das fällt häufig schwer – ein Soziologe erklärt, warum es mit Eigenverantwortung allein nicht geht.

Selbst ohne Lockdown wie in Österreich: Die Empfehlungen und Vorschriften, um das Coroanvirus einzudämmen, sind auch hierzulande umfassend. Und trotz sinkender Fallzahlen in den vergangenen Tagen wäre eine Lockerung verfrüht, stellte Virginie Masserey vom Bundesamt für Gesundheit heute vor den Medien klar. Die Situation bleibe fragil.

Hände waschen, Maske tragen, soziale Kontakte reduzieren: Sich konsequent an diese Vorschriften zu halten, fällt nicht immer leicht. Wer sagt schon gern ein Treffen mit guten Freunden ab, um das Spitalwesen zu schonen? «Der Egoismus liegt in unserer Natur», erklärt der Soziologe Joël Berger von der Universität Bern. «Nach den eigenen Interessen zu handeln, ist der Hauptantrieb von uns Menschen.»

Natürlich hätten wir im Laufe der Evolution gelernt, auch auf die Interessen unserer sozialen Gruppe zu achten – doch sei dieses Motiv tendenziell schwächer ausgeprägt als der Eigennutz.



So nehme jeder für sich eine Kosten- und Nutzenabwägung der Covid-Massnahmen vor. Jugendliche zum Beispiel müssten sich stark einschränken, könnten nicht mehr auf Partys gehen und weniger Freunde treffen, seien aber gleichzeitig durch das Virus gesundheitlich weniger stark gefährdet. Für sie sei der Aufwand in der Regel bedeutend grösser als für ältere Leute, die einen weniger aktiven Lebensstil pflegten. Entsprechend geringer sei die Bereitschaft, sich an die Empfehlungen zu halten.

Das Alter sei hierbei aber nur einer von hunderten Faktoren: «Auch Menschen mit einer individualistischen Persönlichkeit haben mehr Mühe mit den Einschränkungen», so Berger.

Die vom Bundesrat geforderte Eigenverantwortung stösst aufgrund unserer Veranlagung also schnell einmal an ihre Grenzen. Für den Soziologen ist daher klar: «Bei Massnahmen, die nur wirken, wenn sich jeder daranhält, sollte die Politik verbindliche Vorgaben machen.»

Wie ticken Corona-Sünder?

Von welchen psychologischen Faktoren es abhängt, ob wir die Corona-Regeln befolgen oder nicht, das wollten Forscher der Firma Ranas und der Eawag/ETH Zürich herausfinden. Für eine repräsentative Studie befragten sie 1'000 Personen in der Deutschschweiz, im Oktober legten sie die Resultate vor.

Corona-Sünder befürchten demnach nicht, dass sie andere enttäuschen könnten. «Sie verspüren auch keine solidarische Verantwortung gegenüber dem Spitalpersonal oder besonders gefährdeten Menschen», erklärt Hans-Joachim Mosler, Ranas-Gründer und emeritierter Professor für Sozial- und Umweltpsychologie an der Universität Zürich. Dies unterscheide sie von jenen, die sich an die Vorgaben halten. Und: «Sie spüren zu wenig Ablehnung durch andere.» Sprich: Sie werden kaum auf ihre Regelverstösse hingewiesen.

«Ein Grossteil der Bevölkerung wird vorsichtiger bleiben»

54 Prozent der Befragten gaben an, sich konsequent an die Regeln zu halten, 12 Prozent tun dies «nur manchmal» oder «selten». Eine klare Mehrheit hat also ihr Verhalten angepasst – ob auf Dauer, das muss sich noch zeigen. Mosler glaubt mit Blick auf Erfahrungen im Ausland, dass manche zwar wieder sorgloser werden, sollte das Virus einmal aus unserem Alltag verschwunden sein. «Doch ein grosser Teil der Bevölkerung wird vorsichtiger bleiben, was Händeschütteln oder Küsschen angeht.» Wenn etwas einmal zur Gewohnheit werde, dann bleibe das auch erhalten.

Und was ist mit den überzeugten Corona-Skeptikern? Ein Gesundheitsökonom hat im «Tages-Anzeiger» die Idee geäussert, man müsse diese mit Bussen bestrafen oder ihnen bei Engpässen den Platz im Spital verwehren können. Doch davon hält Mosler nichts: «Das müsste dann ja auch für Raucherinnen und Raucher gelten, oder für Leute, die unter Alkoholeinfluss einen Autounfall bauen.»

Ungeahnte Dimensionen

Eigenverantwortung, Solidarität, Egoismus – die Pandemie wirft gesellschaftliche Fragen auf. Dabei, sagt der Soziologe Joël Berger, sei es für uns noch immer schwierig, uns als Teil einer Millionen Menschen umfassenden Gesellschaft zu verstehen. Und je grösser eine Gruppe und ein Problem seien, umso schwerer sei eine Kooperation hinzubekommen.

Als Beispiel nennt Berger den Klimawandel: «Der Treibhausgas-Ausstoss des Einzelnen mag global betrachtet gering sein – aber wenn jeder denkt, dass es auf ihn nicht ankomme, dann kumuliert sich der Ausstoss entsprechend.»

Im Fall der Corona-Pandemie sieht er aber einen entscheidenden Unterschied: Das persönliche Verhalten könne hier direkte Folgen von grossem Ausmass haben. Diese Dimension sei vielen nicht bewusst. «Eine infizierte Person kann unbewusst mehrere hundert Ansteckungen auslösen.»

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